{"id":1138,"date":"2017-03-20T18:03:28","date_gmt":"2017-03-20T17:03:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.euroexit.org\/?p=1138"},"modified":"2017-03-20T22:24:14","modified_gmt":"2017-03-20T21:24:14","slug":"globalisierung-beispiel-oesterreich-auslandskapital-und-direkt-investitionen-ii","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.euroexit.org\/index.php\/2017\/03\/20\/globalisierung-beispiel-oesterreich-auslandskapital-und-direkt-investitionen-ii\/","title":{"rendered":"GLOBALISIERUNG: BEISPIEL \u00d6STERREICH. Auslandskapital und Direkt-Investitionen II"},"content":{"rendered":"<p>Karl W. <em>Deutsch<\/em> hat gerne darauf verwiesen, dass die Au\u00dfenhandelsverflechtung vor dem Ersten Weltkrieg st\u00e4rker war als zu seiner Zeit, d. h. noch in den 1950ern. Er hat daraus auf geringere globale Integration geschlossen. Doch der sinnvollere Indikator daf\u00fcr ist die Kapitalverflechtung zwischen den Nationalwirtschaften. Gehen wir es einmal naiv an.<\/p>\n<p>1974 machten die passiven Direktinvestitionen (DI) aus dem Ausland in \u00d6sterreich umge\u00adrechnet 2,128 Mrd. \u20ac aus. Dem standen 422 Mill. \u20ac von Kapital aus \u00d6sterreich im Ausland gegen\u00fcber. Der eingegangene Bestand machte also das F\u00fcnffache des ausgegangenen aus. Damit sind wir von den Verh\u00e4ltnisse der End-1950er noch gar nicht so weit entfernt, wo es wenig Auslandskapital in \u00d6sterreich gab, aber fast \u00fcberhaupt keines aus dem Land wegging.. Das blieb auch noch einige Zeit so. Doch stiegen auf beiden Seiten Str\u00f6me und Best\u00e4nde schneller als das BIP.<\/p>\n<p>Die folgenden Daten stammen von der OeNB. Sie beginnt ihre vergleichbare Zahlenreihe mit 1968 eingehend (\u201epassiv\u201c) bzw. 1974 ausgehend (\u201eaktiv\u201c).<\/p>\n<p>(Bitte auf Link klicken)<a href=\"https:\/\/www.euroexit.org\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/DI_Graphik2.pdf\">DI_Graphik2<\/a><\/p>\n<p><em>Graphik 1<\/em><\/p>\n<p><em>Quelle:<\/em> Daten nach OeNB<\/p>\n<p>Ab 1980 begannen die ausgehenden DI st\u00e4rker zu steigen als die eingehenden. 1985 standen 4,36 Mrd. \u201efremden\u201c Kapitals in \u00d6sterreich 1,36 Mrd. \u201e\u00f6sterreichischen\u201c Kapitals anderswo gegen\u00fcber. Die Schere war also etwas enger geworden. Doch dann stiegen f\u00fcr wenige Jahren die ausl\u00e4ndischen DI in \u00d6sterreich schneller als die DI aus \u00d6sterreich im Ausland (1988: 6,22 Mrd. zu 1,24).<\/p>\n<p>Ab 1989 setzte schlie\u00dflich eine doppelte Bewegung ein. Beide Str\u00f6me, und damit auch die resultierenden Best\u00e4nde begannen stark zu steigen. Die ausgehenden, die \u201e\u00f6sterreichischen\u201c allerdings stiegen wesentlich schneller als die eingehenden.<\/p>\n<p>2003 war der Bestand von Kapital aus \u00d6sterreich im Ausland schlie\u00dflich zum ersten Mal h\u00f6her als der eingekommene Bestand. 44,3 Mrd. im Ausland standen 42,6 Mrd. an Auslands\u00adkapital in \u00d6sterreich gegen\u00fcber. Ab 2008, also mit und nach der Finanzkrise, verfestigte sich diese Tendenz. Die letzten Zahlen stammen aus 2015. Nun macht der Bestand in \u00d6sterreich 150,8 Mrd. aus. Die \u00f6sterreichischen Kapitalisten verf\u00fcgten im Ausland hingegen \u00fcber 186,6 Mrd. \u201eim engeren Sinn\u201c \u2013 \u00fcber die Zahlen und ihre G\u00fcte wird sp\u00e4ter noch zu sprechen sein.<\/p>\n<p>Doch zum Verst\u00e4ndnis muss man diese Daten in Bezug zu fundamentalen Gr\u00f6\u00dfen der Wirt\u00adschaft setzen. Man rechnet diese St\u00e4nde z. B. als Prozentwerte wesentlicher \u00f6konomischer Systemgr\u00f6\u00dfen. Das k\u00f6nnten sein: das BIP, besser die Abschreibungen. Leider l\u00e4sst sich die theoretisch entscheidende Gr\u00f6\u00dfe, der Anteil am Gesamtkapital nicht seri\u00f6s berechnen. Denn der gesamte Kapital-Bestand einer Wirtschaft unterliegt dem Bewertungs-Problem. Nun gibt es inzwischen eine Reihe von Versuchen, den Kapital-Koeffizienten (k = K\/Y) zu berechnen. Man sch\u00e4tzt ihn in hoch entwickelten Wirtschaften meist auf etwa 3. Das hei\u00dft: Der gesamte Kapitalbestand macht das Dreifache des BIP aus. Das w\u00e4re f\u00fcr \u00d6sterreich 2016 1.150 Mrd. Damit hat man einen Richtwert. Andere Rechnungen gehen wesentlich h\u00f6her (vgl. <em>Piketty \/ Zucman<\/em> 2014; dazu kritisch <em>Reiterer<\/em> 2015). Es scheint, dass der Kapital-Koeffizient in sich de-industrialisierenden Dienstleistungswirtschaften in den letzten Jahrzehnten in der Tendenz sinkt, was wenig \u00fcberraschend w\u00e4re. Das ganze h\u00e4ngt engstens mit dem zusammen, was man unter dem Slogan \u201etendenzieller Fall der Profitrate\u201c debattiert. Dar\u00fcber wird ein anderes Mal zu sprechen sein.<\/p>\n<p>(Bitte auf Link klicken)<\/p>\n<p><em>Graphik 2: Best\u00e4nde der Direktinvestitionen in % des BI<a href=\"https:\/\/www.euroexit.org\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/DI_Graphik3.pdf\">DI_Graphik3<\/a><\/em><\/p>\n<p>Insbesondere die eingehenden Transaktionen sind enorm beweglich und instabil. Das deutet auf erhebliche spekulative Motivation hin. Die ausgehenden Investitionen pro Jahr sind eher stetig, wenn auch nat\u00fcrlich von Stimmungen und Konjunkturen abh\u00e4ngig. Das wiederum zeigt, dass sie sich eher an l\u00e4ngerfristigen Unternehmens-Interessen orientieren. Die Betrachtung nach Branchen sp\u00e4ter wird dies tendenziell best\u00e4tigen.<\/p>\n<p>Hier ist noch nicht der Platz, eine ausf\u00fchrliche Interpretation zu bringen. Dazu br\u00e4uchten wir auch die Daten zu den einzelnen L\u00e4ndern und \u00fcber die Branchen. Die m\u00f6chte ich aus Platzgr\u00fcnden erst in K\u00fcrze pr\u00e4sentiere.<\/p>\n<p>Doch der mir heute wesentliche Punkt ist in aller nur w\u00fcnschbaren Deutlichkeit zu erkennen:<\/p>\n<p>Die Verflechtung der \u00f6sterreichischen Wirtschaft mit der \u00fcbrigen Welt war ein politisch ange\u00adtriebener Prozess. Zwar gab es bereits von etwa 1987 weg ein leichtes Steigen dieser Ver\u00adflechtung. Vielleicht k\u00f6nnte man dies als <em>spontane Mondialisierung<\/em> kennzeichnen. Das ist allerdings fast irref\u00fchrend. Denn 1986 gab es in \u00d6sterreich einen Regierungswechsel. Die neue Regierung mit dem SP-Kanzler Vranitzky an der Spitze begann eine entschiedene Um\u00adorientierung nicht nur der Wirtschafts-, sondern auch der Au\u00dfenpolitik. Auch damals stand also die Politik als treibende Kraft im Hintergrund. Der Haupteffekt war der EG-Anschluss \u00d6sterreichs. Tats\u00e4chlich schickte ie Regierung am 7. Juli 1989 den \u201eBrief nach Br\u00fcssel\u201c ab, also das Anschlussbegehren.<\/p>\n<p><strong>Doch der entscheidende Wendepunkt kam 1999, mit der W\u00e4hrungsunion. Damals wurde der Euro zum Kern zum Kern der Wirtschaftspolitik, wennn auch auf den Papier-Zetteln im Umlauf noch \u201eSchilling\u201c stand. Ab diesem Moment k\u00f6nnen wir das steile Ansteigen der Kapitalverflechtung beobachten. \u00d6sterreich sollte unwiderruflich in die westliche, d. h. praktisch: deutsche, Kapital-Sph\u00e4re eingebunden werden. Selbst aber \u00fcbernahm es die Funktion, den Rammbock gegen den Osten zu spielen. Dessen Einvernahme durch das Imperium erfolgte einige Jahre sp\u00e4ter.<\/strong><\/p>\n<p>Die Globalisierung ist ein haupts\u00e4chlich politischer Prozess. Sie l\u00e4uft in Europa vor allem als Regionalisierung im Rahmen der EU ab. Alles Gerede um die unaufhaltsame sozio-\u00f6konomi\u00adsche Entwicklung ist ein Rauchvorhang. Die Unzul\u00e4nglichkeit des Nationalstaats gegen\u00fcber der Umstrukturierung der Weltwirtschaft wird politisch erzeugt. Dahinter findet die zielge\u00adrichtete Politik der Abh\u00e4ngigkeit statt. Das muss man gegen\u00fcber Menschen betonen, die dies, mit dem einen oder anderen kritischen Schlenkerer, als \u201eAnalyse\u201c verkaufen (z. B. <em>Scharpf<\/em>). Ob dies aus unserer Sicht nun w\u00fcnschenswert ist oder nicht, steht an dieser Stelle nicht zur Debatte. Hier geht es einzig um die klare Aussage: <strong>Globalisierung ist ein politisches Projekt<\/strong>, welches die Eliten in aller Zielstrebigkeit und mit hartn\u00e4ckiger Energie durchsetzen.<\/p>\n<p>Albert F. Reiterer, 20. M\u00e4rz 2017<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Karl W. 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