{"id":1417,"date":"2017-10-12T09:13:48","date_gmt":"2017-10-12T07:13:48","guid":{"rendered":"http:\/\/www.euroexit.org\/?p=1417"},"modified":"2017-10-22T22:47:12","modified_gmt":"2017-10-22T20:47:12","slug":"der-wirtschafts-nobelpreis-und-der-finanzkapitalismus-die-schwedische-reichbank-dekoriert-richard-thaler-und-rettet-die-postmoderne-oekonomie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.euroexit.org\/index.php\/2017\/10\/12\/der-wirtschafts-nobelpreis-und-der-finanzkapitalismus-die-schwedische-reichbank-dekoriert-richard-thaler-und-rettet-die-postmoderne-oekonomie\/","title":{"rendered":"DER \u201eWIRTSCHAFTS-NOBELPREIS\u201c UND DER FINANZKAPITALISMUS: Die Schwedische Reichsbank dekoriert Richard Thaler und rettet die postmoderne \u00d6konomie"},"content":{"rendered":"<p>Die Schwedische Reichsbank lenkt den Blick wieder auf das globale Kasino: Sie pr\u00e4miiert einen <em>mainstream<\/em>-Analytiker der Finanz-Spekulation. Das tut sie nicht zum ersten Mal. Bisher aber hat sie die harten Ideologen bevorzugt. 2013 gab sie den Nobelpreis an Eugene Fama (und einige andere). Der behauptete sein Leben lang: Finanzm\u00e4rkte seien \u201erational\u201c und \u201eeffizient\u201c. Was immer dies bedeutet, die Aussage sollte sein: Wir leben in der besten aller Welten \u2013 Fama als ein neuer Candide. Das Verhalten der Spekulanten f\u00fchrt zu einem \u201eOptimum\u201c, zum Wohlstand, vielleicht nicht gerade f\u00fcr alle, aber immerhin f\u00fcr das System, ob national oder global.<\/p>\n<p>Heuer geht sie einen dialektischen Schritt weiter. \u201eBehavioral Finance\u201c, im Deutschen meist schief mit Verhaltens-<em>\u00d6konomie<\/em> wiedergegeben, anerkennt immerhin: Akteure auf den spekulativen M\u00e4rkten gehen nicht ganz rational (\u201eless than fully rational\u201c) vor. Das k\u00f6nnte als ein Angriff auf die Grundlagen der Neoklassik gesehen werden. Eilends f\u00fcgt man also hinzu: Man kann aber Regeln heraus finden, wie die Prozesse ablaufen: Es gibt \u00dcber- und Unter-Reaktionen an pr\u00e4zisen Punkten des Ablaufs; \u00fcber lange Frist kann man auf dem Aktien-Markt jedenfalls voraussagbar Gewinne machen; das Risiko-Bewusstsein der Spekulanten, pardon: der \u201eInvestoren\u201c, nimmt stark ab, wenn sie sich \u201edem Markt voraus\u201c glauben; man kann auch primitive Aussagen aus dem Labor auf die gro\u00dfe Welt \u00fcbertragen; usf.<\/p>\n<p>So konnte man Richard H. Thaler f\u00fcr solche Erkenntnisse den \u201eNobelpreis\u201c geben, ohne die \u00d6konomie ganz zu desavouieren. Denn einerseits sind inzwischen alle Beobachter an den realen Wahnsinn der Finanzm\u00e4rkte gew\u00f6hnt \u2013 auch an ihre Irrationalismen. Andererseits aber wird die Behauptung der Rationalit\u00e4t der M\u00e4rkte nicht wirklich aufgegeben. Und das ist der Punkt, wo auch wir genauer hinschauen sollten.<\/p>\n<p>Denn, nach der Aussage des Preistr\u00e4gers h\u00e4ngt die Bedeutung des irrationalen Verhaltens davon ab, in welchem Ausma\u00df Rationalverhalten davon profitieren kann. Das ist ein ganz geschickter Kniff. \u00d6konomie als Disziplin wurde seinerzeit definiert als Rationalverhalten, als das Erreichen von Zielen mit geringst m\u00f6glichen Mitteln, oder anders herum, als das Errei\u00adchen von maximalen Zielen bei gegebenem Einsatz (<em>Robbins<\/em> 1949). Und das steht heute noch in (fast) allen Lehrb\u00fcchern. G\u00e4be man das Rationalverhalten auf, z\u00f6ge man der \u00d6konomie den Teppich unter den F\u00fc\u00dfen weg und den Boden gleich mit.<\/p>\n<p>Damit stellt sich f\u00fcr uns die Frage: Was hat dies f\u00fcr einen theoretischen und f\u00fcr einen politi\u00adschen Sinn? Hier m\u00fcssen wir einmal festhalten: Es ist durch die Bank \u00fcblich, auf der Linken sowieso, aber bis weit in den liberalen mainstream hinein, den <em>homo oeconomicus<\/em> als reine Ideologie abzulehnen. Der <em>h. oeconomicus<\/em> ist aber das konstitutive Element der Neoklassik. Nur der Neoklassik?<\/p>\n<p>Keineswegs. Auch die Klassik baut auf dem Konzept des \u201eRationalverhaltens\u201c auf. Bei Adam <em>Smith<\/em> hei\u00dft dies Eigennutz: \u201eIt is not from the benevolence of the butcher, the brewer or the baker that we expect our dinner, but from their regard to their own interest\u201c (<em>Smith<\/em> 1991, 119). Er steht damit voll in der britischen Tradition des Utilitarismus. <em>Ricardo<\/em> \u00fcbernimmt dies und abstrahiert es st\u00e4rker. Von Ricardo aber \u00fcbernimmt es <em>Marx<\/em>. Der wichtige Unterschied ist: Smith und Ricardo und sodann die Neoklassik bis in die Gegenwart \u2013 eine Ausnahme ist interessanter Weise Hayek \u2013 ist dieser Eigennutz und der daraus resultierende Rationalismus eine anthropologische Konstante. Bei Marx aber ist es das Resultat einer langen historischen Entwicklung: &#8222;In dieser [b\u00fcrgerlichen] Gesellschaft der freien Konkurrenz erscheint der Ein\u00adzelne losgel\u00f6st von den Naturbanden usw., die ihn in fr\u00fcheren Geschichtsepochen zum Zube\u00adh\u00f6r eines bestimmten begrenzten menschlichen Konglomerats machten&#8230; Den Propheten des 18. Jahrhunderts schwebte dieses Individuum des 18. Jahrhunderts \u2013 das Produkt einerseits der Aufl\u00f6sung der feudalen Gesellschaftsformen, andererseits der seit dem 16. Jahrhundert neuentwickelten Produktivkr\u00e4fte \u2013 als Ideal vor, dessen Existenz eine vergangene sei. Nicht als Resultat, sondern als Ausgangspunkt der Geschichte. Weil als das Naturgem\u00e4\u00dfe Individu\u00adum, angemessen ihrer Vorstellung von der menschlichen Natur, nicht als ein geschichtlich bestehendes, sondern von der Natur gesetztes&#8220; (<em>Marx<\/em> o. J. [1857], 5 f.).<\/p>\n<p>Rationalverhalten konstituiert also das \u00f6konomische System und treibt die Entwicklung wei\u00adter. Aber Rationalverhalten ist eine Klassenfrage. Der Kapitalist und sein Gesch\u00e4fts\u00adf\u00fchrer streben nach dem h\u00f6chst m\u00f6glichen Profit und m\u00fcssen dies tun. Anderw\u00e4rtig k\u00f6nnen sie das Unternehmen auf die Dauer nicht erhalten. Und der gew\u00f6hnliche Mensch im Alltag?<\/p>\n<p>Hier setzt die Ideologie, die moderne wie die postmoderne ein. Denn aus diesem unternehme\u00adrischen Verhalten wird, erstens, ein allgemeines menschliches Verhalten; und, zweitens, eine Norm, die besagt, wie man sich verhalten <strong>soll<\/strong>. Den Kindern von Coca Cola und Maggie Thatcher braucht man dies gar nicht mehr zu sagen. Der erste Teil kommt bei Thaler, wenn er darauf hinweist: In vielen <strong>\u00f6konomischen<\/strong> Entscheidungen spielt der Markt nicht \u2013 und dann nennt er die Paarbildung. Wenn ich die falsche Partnerin gew\u00e4hlt habe, gibt es niemanden, der meinen Ehekontrakt <em>short<\/em> verkaufen k\u00f6nnte. Der \u201eHeiratsmarkt\u201c aus der Soziologie ist also ein Metapher, kein Markt. Wenn man \u00fcber Homogamie schreibt, dann st\u00f6\u00dft man permanent auf diesen Begriff. Auch der Ausdruck Human-Kapital, kulturelles Kapital, ist ganz naiv aus der Markt-Ideologie \u00fcbernommen. Damit ist Thaler mit seiner Anmerkung analytisch weiter als viele Soziologen. Und hier setzt der zweite Teil ein, die normative Aussage.<\/p>\n<p>Denn Thaler scheint dies, das Fehlen des Markts zu bedauern, wenn vielleicht nicht den des \u201eHeiratsmarkts\u201c, so doch in vielen anderen Bereichen. Je mehr Markt, umso besser. Und das ist tats\u00e4chlich eine Tendenz der \u201eWissenschaft\u201c \u2013 mir l\u00e4uft es oft kalt \u00fcber den R\u00fccken, wenn ich h\u00f6re, wie unreflektiert die \u201eWissenschaft\u201c gerade in dogmatisch-marxistischen Kreisen immer wieder angerufen wird. Andererseits wird dies direkt in die Politik \u00fcbersetzt und dient dort zur Rechtfertigung des Markt-Fundamentalismus \u2013 bzw. aus der \u201eWissenschaft\u201c her der Expertokratie, der Tech\u00adnokratie, also der B\u00fcrokratie. <em>Der Markt<\/em> ist die einzige Institution, die in dieser Sicht \u00fcber\u00adhaupt legitim ist. Die B\u00fcrokratie aber beansprucht, den idealen Markt aufzubauen und \u201edie Wissenschaft\u201c im Sachzwang zu aktualisieren.<\/p>\n<p>Bei Thaler allerdings kommt noch etwas Anderes heraus, das f\u00fcr die globale Struktur der Gegenwart viel wichtiger ist. Es kann hier nur angetippt werden: Die \u00d6konomie der Finanz\u00adm\u00e4rkte wird mit aller Selbstverst\u00e4ndlichkeit zur \u00d6konomie des Weltsystems generell aus\u00adgerufen. Dies ist es wert, ein anderes Mal eigens behandelt zu werden. Denn auch hier haben wir die fundamentale Dialektik: Einerseits k\u00fcmmern sich die Spekulanten \u00fcberhaupt nicht um die Realwirtschaft; und die Realwirtschaft ist in der Einzelentscheidung auch v\u00f6llig getrennt von den Finanzm\u00e4rkten. Andererseits hantieren die Spekulanten mit <strong>Geld<\/strong>. Und Geld ist nun einmal das Steuer-Medium der Gesamtwirtschaft. Damit beeinflussen sie die Entwicklung massiv, wie die Finanzkrise seit 2007\/08 drastisch gezeigt hat.<\/p>\n<p>Der \u201eNobelpreis\u201c an Richard Thaler ist eine Ermunterung an alle Spekulanten, ihr Unwesen weiter zu treiben. Allerdings sollten sie bitte dabei ein wenig aufpassen, auf die \u201eIrrationalismen\u201c. In diesem Sinn hat dieser Nobelpreis voll und ganz das erf\u00fcllt, was man von Nobelpreisen verlangt: Sie legitimieren das System und versuchen, es zu stabilisieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Albert F. Reiterer, 12. Oktober 2017<\/p>\n<p><strong><em>Thaler, Richard H.<\/em><\/strong><strong> (2005), ed., Advances in Behavioral Finance. <\/strong><strong>Vol. II. Princeton, N.J.: Univ. Press. <em>Thaler<\/em> als Hg. hat in diesem dicken Band auch eine Reihe von umfangreichen eigenen Beitr\u00e4gen aufgenommen. \u2013<\/strong><em> Weiters hier erw\u00e4hnt:<\/em><\/p>\n<p><em>Marx, Karl<\/em> (1857\/58 [1939 bzw. 1941]), Grundrisse der Kritik der politischen \u00d6konomie (Rohentwurf). Frankfurt: Europ\u00e4ische Verlagsanstalt.<\/p>\n<p><em>Ricardo, David<\/em> (1971 [1817]), Principles of Political Economy and Taxation. Harmondsworth: Penguin:<\/p>\n<p><em>Robbins, Lionel<\/em> (1949 [1932]), An Essay about the Nature and the Significance of Economic Science. London: Macmillan.<\/p>\n<p><em>Smith, Adam<\/em> (1971), An Inquiry into the Nature and the Causes of the Wealth of Nations. (1776) With an Introduction by A. Skinner. Harmondsworth: Pinguin.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Schwedische Reichsbank lenkt den Blick wieder auf das globale Kasino: Sie pr\u00e4miiert einen mainstream-Analytiker der Finanz-Spekulation. 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