{"id":1465,"date":"2017-11-15T10:12:00","date_gmt":"2017-11-15T09:12:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.euroexit.org\/?p=1465"},"modified":"2017-11-15T10:56:56","modified_gmt":"2017-11-15T09:56:56","slug":"die-statistik-oesterreich-und-die-internationalen-der-manipulation-wie-steht-es-um-die-ungleichheit-in-oesterreich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.euroexit.org\/index.php\/2017\/11\/15\/die-statistik-oesterreich-und-die-internationalen-der-manipulation-wie-steht-es-um-die-ungleichheit-in-oesterreich\/","title":{"rendered":"DIE STATISTIK \u00d6STERREICH UND DIE INTERNATIONALEN DER MANIPULATION: Wie steht es um die Ungleichheit in \u00d6sterreich?"},"content":{"rendered":"<p>Vor einer Woche stellte Konrad Pesendorfer, fr\u00fcher Sekret\u00e4r von Faymann \u2013 wer war das blo\u00df wieder? \u2013 und heute fachstatistischer Generaldirektor der amtlichen Statistik, einen neuen Bericht vor: \u201eWie geht es \u00d6sterreich?\u201c 30 Indikatoren der Lebensqualit\u00e4t sollen in internationaler Zusammenarbeit erhoben und berichtet werden.<\/p>\n<p>Was nun diese \u201einternationale Zusammenarbeit\u201c betrifft, so wird man schnell misstrauisch. Als vor einigen Jahrzehnten die Arbeitslosigkeit in den USA besonders stark stieg, hat dieses Land in der UNO und der OECD in einer Koalition mit schlecht entwickelten L\u00e4ndern eine neue Definition von Besch\u00e4ftigten \/ Erwerbst\u00e4tigen sowie von Arbeitslosigkeit durchge\u00addr\u00fcckt, das <em>Labor Force<\/em>-Konzept. Als besch\u00e4ftigt galt in Hinkunft jede Person, welche 1 Stunde (in Worten: <em>eine<\/em> Stunde) in der abgelaufenen Wochen arbeitete; als arbeitslos wurde nur anerkannt, wer \u201eaktiv\u201c (?) auf Arbeitssuche war. Die Arbeitslosenzahlen sanken\u2026<\/p>\n<p>Vielleicht noch ein Geschichtchen. 1994, als der EG-Anschluss schon fix war, kamen Statis\u00adtiker von EUROSTAT, dem Statistikamt von EG \/ EU nach \u00d6sterreich, um den hiesigen Statistikern \u201edie Wadeln f\u00fcre zu richten\u201c. Es ging um die Volkswirtschaftliche Gesamtrech\u00adnung (VGR). Der damalige Leiter der Abteilung VGR war ein harter Konservativer, aber ein pingeliger Statistiker. Als er h\u00f6rte, was da alles von ihm verlangt wurde, soll er laut Teilneh\u00admer an der Sitzung in die H\u00f6he gegangen sein und gesagt haben: \u201eDas k\u00f6nnt Ihr in Wanne-Eickel machen, aber nicht hier!\u201c (Die Statistiker waren, nat\u00fcrlich, Deutsche.) Aber selbstver\u00adst\u00e4ndlich wurden die Anordnungen dieser Statistik-Feldwebel durchgef\u00fchrt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Man sieht sich den Bericht \u00fcber die Einkommensentwicklung an. Er ist nicht gerade umfan\u00adgreich (Einkommen private Haushalte, S. 71 \u2013 73;Verteilungsaspekte, S. 80 \u2013 85). Und hier setzt nun die Verwunderung ein. Zuerst wird versucht, nicht nur Transfers (das w\u00e4re berech\u00adtigt), sondern auch kollektive Leistungen (\u201eGesundheits- und Bildungsdienstleistungen\u201c) den privaten Haushalten zuzurechnen. Das ist international ein Trend, um die wachsende Un\u00adgleichheit klein und die finanziellen Verpflichtungen des Staats gro\u00df zu schreiben. Dass dies Leistungen sind, welche die Bev\u00f6lkerung nat\u00fcrlich selbst bezahlt (durch die [Pflicht-] Bei\u00adtr\u00e4ge zur Sozialversicherung), wird nie dazu gesagt. Warum \u00fcbrigens nur diese Leistungen, wenn man dieses Verfahren schon anwendet? Warum rechnet man nicht den Oberen Mittel\u00adschichten und Oberschichten die Kultur-Subventionen zu, die, wie statistisch leicht nachzu\u00adweisen, praktisch ausschlie\u00dflich ihnen zugute kommen? Und da g\u00e4be es noch Einiges!<\/p>\n<p>Dann kommen einige wenige Verteilungsdaten als Graphiken (Graphik 25, 27, 28, 29). Ersichtlich ist, dass die Jahres-Bruttoeinkommen des obersten Quartils, der obersten 25 %, seit 1999 geringf\u00fcgig gestiegen sind. Das unterste Quartil (die untersten 25 %) aber hat 20 % verloren. Das wird eilends gerechtfertigt: Die Teilzeitquoten sind gestiegen, und da sei dies \u201enicht in erster Linie wachsende Ungleichheit\u201c (81).<\/p>\n<p>Dazu ist nun, neben dem schlechten Stil, eine ganze Menge zu bemerken.<\/p>\n<p>Zum einen trifft dies nicht nur auf die Bruttoeinkommen zu (\u201eDer Staat nimmt uns Alles weg\u201c). Die Grafik hier zeigt, dass dieselbe Tendenz auch f\u00fcr die Nettoeinkommen gilt. Ge\u00admeint ist bei dieser seltsamen Behauptung, \u201enicht wachsende Ungleichheit\u201c, nat\u00fcrlich, dass die Stundenl\u00f6hne nicht so stark auseinander gingen. Wir m\u00fcssen hier noch die Grafiken 28 und 29 ansehen, um das Vorgehen kennzeichnen zu k\u00f6nnen. Dort ist S80 \/ S20, das Verh\u00e4lt\u00adnis der Einkommen oben (oberste 20 %) und unten (unterste 20 %) dargestellt. Jedenfalls steht es so dort. Das hat sich in den letzten Jahren praktisch nicht ge\u00e4ndert, die Ungleichheit ist nicht gewachsen. Wie geht es, wenn die unteren L\u00f6hne deutlich fallen und die obersten doch steigen?<\/p>\n<p>(Graphik siehe beim Titel)<\/p>\n<p><em>Quelle der Daten: Statistik \u00d6sterreich, LSt-Statistik. Die Daten sind nicht preisbereinigt, nicht zuletzt, weil wir wissen, dass es keine einheitliche Inflationsrate gibt: Die Preise steigen f\u00fcr die Lebenshal\u00adtungskosten der Unterschichten schneller als die oben. Preisbereinigt mit der allgemeinen Infflationsrate ist dagegen die im Text angef\u00fchrte Zahl.<\/em><\/p>\n<p>Schauen wir genauer hin! Dargestellt ist das \u201e\u00c4quivalenz-Einkommen\u201c der Haushalte. <strong>Aber das ist kein Einkommen<\/strong>. Da wird, in Abh\u00e4ngigkeit von der Haushaltsgr\u00f6\u00dfe, eine Konsum-M\u00f6glichkeit dargestellt, die ganz und gar fragw\u00fcrdig ist. Argumentiert wird: Wenn zwei Leute zusammen wohnen, haben sie meist nur eine Wohnung und nur einen K\u00fchlschrank, usw. Es wird also nur die erste Person voll (mit 1) gez\u00e4hlt, die zweite bekommt einen Wert 0,5, Kinder unter 15 nur 0,3.. Wenn also Person I 2.000 \u20ac verdient, Person II 1.000 \u20ac, dann ist das pro Kopf-Einkommen nicht etwa 1.500, wie man meinen k\u00f6nnte. Das \u201e\u00c4quivalenz-Ein\u00adkommen\u201c ist dann vielmehr 3.000\/1,5 = 2.000.<\/p>\n<p>Dieser Kniff wird seit vielen Jahren durchgef\u00fchrt. Damit wird also weggerechnet, dass der Niedriglohnsektor deutlich verliert. Denn wenn, wie z. B. bei Zuwanderung aus der T\u00fcrkei, die Familie und damit der Haushalt gr\u00f6\u00dfer ist, verzerrt dies den \u201eEinkommens\u201c-Wert nach oben. \u00dcberdies, f\u00fcr \u00d6konomen, wird der Verhaltensaspekt ignoriert: Wenn die L\u00f6hne sinken, ist es plausibel, dass z. B. junge Erwachsene ihren Auszug aus dem elterlichen Haushalt verschieben, weil sie ihn sich nicht leisten k\u00f6nnen. Damit z\u00e4hlen sie weiter zu diesem Haushalt und erh\u00f6hen rechnerisch das \u201e\u00c4quivalenz-Einkommen\u201c. Oder paradox ausgedr\u00fcckt: Das \u201e\u00c4quivalenz-Einkommen\u201c steigt, weil das reale Einkommen sinkt und die Menschen auf dieses Sinken reagieren.<\/p>\n<p>Beim Verh\u00e4ltnis der gro\u00dfen Einkommen zu den niedrigeren wird dieser Kniff wiederholt. Hier kommt ein weiterer Aspekt dazu. Wir wissen aus den Daten von <em>Piketty<\/em> \u2013 deswegen hassen ihn die Neoliberalen ja auch so \u2013 , dass das eigentliche Problem nicht sosehr die obersten 20 % oder 25 % sind. Es ist <em>das oberste Prozent<\/em>, dar\u00fcber hinaus sogar das oberste Promille, wo sich immer gr\u00f6\u00dfere Anteile des Einkommens, und des Verm\u00f6gens sowieso, konzentrieren. <em>Stiglitz<\/em> hat dieses Thema aufgenommen und \u00f6fter schon in Artikeln beschrie\u00adben: \u201eF\u00fcr das eine Prozent \u2026\u201c (<em>Of the 1 %, by the 1 %, for the 1 %<\/em>). Die n\u00e4chsten 9 % darunter gewinnen auch noch, aber schon deutlich schw\u00e4cher, erst recht die n\u00e4chsten 10 %. Und dann h\u00f6rt das Zugeh\u00f6ren zu den Gewinnern langsam auf. Mit der Darstellung, wie sie hier geboten wird, geht dieses, das wirkliche Problem, vollkommen unter. Die eigentlichen Profiteure der Entwicklung bleiben im Schatten.<\/p>\n<p>Die Statistiker sagen uns nun: Aber es ist uns fast unm\u00f6glich, Daten \u00fcber das oberste Prozent, geschweige denn das oberste Promille in Stichproben-Erhebungen wie EU-SILC zu bekom\u00admen. Das ist richtig. Denn die Tatsache, dass es in \u00d6sterreich keine Verm\u00f6genssteuer gibt, macht es tats\u00e4chlich schwierig, halbwegs verl\u00e4ssliche Daten \u00fcber <em>Verm\u00f6gen<\/em> zu sammeln. Aber das ist nur die H\u00e4lfte der Wahrheit. Die Statistiker h\u00e4tten durchaus die M\u00f6glichkeit, <em>Einkommens<\/em>daten auf Personen zusammen zu f\u00fchren. Sie w\u00e4ren sicher bei weitem nicht so verl\u00e4sslich wie die Lohnsteuer-Daten. Aber man h\u00e4tte immerhin einen Ansatzpunkt. Mit Daten aus der VGR k\u00f6nnte man dann auch <em>seri\u00f6se<\/em> Sch\u00e4tzungen versuchen \u2013 wenn man (d.h.: die Auftraggeber der Statistik) interessiert w\u00e4re.<\/p>\n<p>Aber auch in der Statistik selbst sitzen Leute, welche wenig daran interessiert sind, ein gutes Bild \u00fcber die Verteilung zu liefern. Das zeigt ein anderes Detail. Der \u201eGender-Gap\u201c ist seit Jahren ein Thema, und zu Recht. Aber er wird von den Eliten instrumentalisiert. Das ist ein Thema f\u00fcr sich, auf das wir sehr bald einmal zur\u00fcckkommen m\u00fcssen. Es zeigt n\u00e4mlich, wo und wie die Eliten die Probleme sehen. Hier hei\u00dft es, nachdem man in wirklich unzul\u00e4ngli\u00adcher Weise den <em>Gender-Gap<\/em> zerlegt hat, wobei vor allem die hohe Teilzeitquote der Frauen angesprochen wird und der <em>gap<\/em> damit von 21,7 Punkte auf 13,6 Punkte sinkt: Das sei \u201eeine rein rechnerische Bereinigung\u2026 Real bleiben die Unterschiede und damit das Lohngef\u00e4lle bestehen.\u201c Aha. Hier ist dies also bedeutsam; aber bei der allgemein steigenden Ungleichheit \u2013 wo \u201enicht wachsende Ungleichheit\u201c, s. o., behauptet wird \u2013 nicht?<\/p>\n<p>Kurz: Der Bericht liefert einige Daten und Zahlen, die n\u00fctzlich sind. Aber im Gro\u00dfen und Ganzen ist er eine \u00dcbung in Rechtfertigung f\u00fcr die \u00f6sterreichische Politik. Es wird darauf verwiesen, dass die Ungleichheit (aber wieder bei den \u201e\u00c4quivalenz-Einkommen\u201c!) in \u00d6ster\u00adreich noch deutlich unter dem der EU-27 liegt, Gini-\u00d6sterreich = 27,2 gegen Gini EU = 31. Das spiegelt tats\u00e4chlich noch einen gewissen Vorteil der \u00f6sterreichischen Bev\u00f6lkerung gegen das Imperium im Allgemeinen wieder. Die \u00f6sterreichische Politik arbeitet seit Jahren hart daran, \u00d6sterreich auch in dieser Hinsicht zu \u201enormalisieren\u201c. Diese Normalisierung ist ja das eigentliche Ziel der politischen Klasse und ihrer Auftraggeber in \u00d6sterreich. Die n\u00e4chsten paar Jahre wird es da schon einige Fortschritte geben. Ausgerechnet jene, die vermutlich am st\u00e4rksten verlieren werden, \u00e4ltere Frauen, haben in \u00fcberdurchschnittlichem Ausma\u00df dem \u201eNeofeschisten\u201c (\u00a9 Falter) ihre Stimme gegeben und erm\u00f6glichen ihm damit, zusammen mit der FP\u00d6, diese Politik noch zu akzentuieren. Durchgef\u00fchrt haben sie Leute wie Hundstorfer, Foglar, etc. bisher schon. Ja dann.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor einer Woche stellte Konrad Pesendorfer, fr\u00fcher Sekret\u00e4r von Faymann \u2013 wer war das blo\u00df wieder? \u2013 und heute fachstatistischer &hellip; <a href=\"https:\/\/www.euroexit.org\/index.php\/2017\/11\/15\/die-statistik-oesterreich-und-die-internationalen-der-manipulation-wie-steht-es-um-die-ungleichheit-in-oesterreich\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eDIE STATISTIK \u00d6STERREICH UND DIE INTERNATIONALEN DER MANIPULATION: Wie steht es um die Ungleichheit in \u00d6sterreich?\u201c <\/span>weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":1464,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"advgb_blocks_editor_width":"","advgb_blocks_columns_visual_guide":"","footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-1465","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-home"],"author_meta":{"display_name":"Albert Reiterer","author_link":"https:\/\/www.euroexit.org\/index.php\/author\/albert\/"},"featured_img":"https:\/\/www.euroexit.org\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/Einkommen_B_N-300x202.jpg","coauthors":[],"tax_additional":{"categories":{"linked":["<a href=\"https:\/\/www.euroexit.org\/index.php\/category\/home\/\" class=\"advgb-post-tax-term\">Home<\/a>"],"unlinked":["<span class=\"advgb-post-tax-term\">Home<\/span>"]}},"comment_count":"0","relative_dates":{"created":"Ver\u00f6ffentlicht 8\u00a0Jahren vor","modified":"Aktualisiert 8\u00a0Jahren vor"},"absolute_dates":{"created":"Ver\u00f6ffentlicht am 15. 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