{"id":1513,"date":"2017-12-13T16:28:19","date_gmt":"2017-12-13T15:28:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.euroexit.org\/?p=1513"},"modified":"2017-12-13T16:36:49","modified_gmt":"2017-12-13T15:36:49","slug":"einkommens-ungleichheit-zwischen-den-geschlechtern-ist-die-eu-fuer-mehr-gleichheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.euroexit.org\/index.php\/2017\/12\/13\/einkommens-ungleichheit-zwischen-den-geschlechtern-ist-die-eu-fuer-mehr-gleichheit\/","title":{"rendered":"Einkommens-Ungleichheit zwischen den Geschlechtern. Ist die EU f\u00fcr mehr Gleichheit?"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die allgemeine Politik nicht nur der EU auf eine Steigerung der Ungleichheit angelegt ist, gibt es einen Bereich, wo sich die EU und ihre Mitglieder in demonstrativer Wiese bem\u00fchen, eine gegebene Ungleichheit abzubauen. Das ist der sogenannte <em>gender-gap<\/em>. Das ist erstaunlich und macht misstrauisch.<\/p>\n<p>Es ist ein Problem mit einer Reihe von Facetten. Auf der einen Seite ist es eine Politik, welche die <em>Homogenisierung der Oberen Mittelschichten<\/em> anstrebt. Aber ist es unser Problem, einer weiteren Kategorie zu parasit\u00e4ren Einkommen zu verhelfen, indem man Oberschicht-Frauen zu Aufsichtsrats-Posten verhilft? Das hilft in der Erkl\u00e4rung schon betr\u00e4chtlich weiter. Hier soll ein Grund-Prinzip des neoliberalen Supra-Staats durchge\u00adsetzt werden: die <strong>Pseudo-Meritokratie<\/strong>. Diesem Prinzip zufolge soll \u201eLeistung\u201c den Zugang zu den gesellschaftlichen Ressourcen garantieren: Aber die Leistung ist selbst abh\u00e4ngig von der Schicht-Zugeh\u00f6rigkeit und besteht wesentlich aus Anpassungs-Leistung an diese Gesellschaft. Die so viel berufene \u201eQualifizierung der H\u00f6herqualifizierten\u201c als Legitimierung steigender Ungleichheit muss entzaubert werden: Sie ist wesentlich eine <em>kulturelle Qualifizierung<\/em>. Es ist die Einordnung in die hegemonialen Denk- und Verhaltensstrukturen. Sie soll sicher stellen, dass Mittelschicht und Funktions-Eliten dieselbe Sprache sprechen und dieselben Inhalte vertreten.<\/p>\n<p>Das kapitalistische Prinzip soll nicht durch zugeschriebene Identit\u00e4ten und Positionen gest\u00f6rt werden. \u201eGeschlechter-Gleichheit\u201c soll garantieren, dass das Klassen-Prinzip selbst auf einen Spezialfall konsequent angewandt wird. Dem Anliegen umfassender Geschlechter-Gerechtig\u00adkeit dient dies wenig. Es gibt Linke, welche dieses Feld als \u201eNeben-Widerspruch\u201c abqualifi\u00adzieren. Das ist eine m. E. v\u00f6llig verfehlte Beurteilung, die auch aus einer fehlerhaften Theorie, ja Anthropologie, heraus entspringt. Es gibt nicht nur Widerspr\u00fcche zwischen den Klassen, sondern auch zwischen anderen sozialen Kategorien, neben dem Geschlecht vor allem die soziale Zugeh\u00f6rigkeit (Identit\u00e4t).<\/p>\n<p>Die Einkommens-Ungleichheit zwischen den Geschlechtern selbst ist zu einem erheblichen Teil statistisch aus Arbeitszeit, Qualifikation und einigen Qualifizierungen erkl\u00e4rbar, welche bei der Rekrutierung der Arbeitskr\u00e4fte eine Rolle spielen (<em>Mayerhofer u.a<\/em> 2015). Nehmen wir das Beispiel \u00d6ster\u00adreich: W\u00e4hrend der rohe Unterschied sich seit zwei Jahrzehnten kaum ge\u00e4ndert hat, ist der zeitbereinigte Unterschied deutlich geschrumpft. Der Unterschied macht unbereinigt -38,4 % zu Ungunsten der Frauen aus. Nimmt man aber nur Vollzeit-Besch\u00e4ftigte, schrumpft er be\u00adreits um mehr als die H\u00e4lfte auf 17,3 % (2015). Gehen wir in die BRD. Dort gibt die amtliche Statistik einen Unterschied im Brutto-Stundenverdienst (also dadurch bereits zeitbereinigt) von -22 % (2014) an. Bereinigt um die genannten Faktoren macht der Unterschied jedoch nur mehr -6 % aus. Zu diesen Faktoren geh\u00f6rt auch die vermutete unbedingte Einsatzf\u00e4higkeit der Arbeitskraft in weniger regelhaften Zeiten, von der \u00dcberstunde bis zu Dienstreisen, usf. Gera\u00adde dies ist ein Faktor, welcher in Zeiten der Deregulierung zunehmend Bedeutung erh\u00e4lt. Damit begeben wir uns bereits in eine Problematik, welche auch oft von jenen nicht gesehen wird, welche sich guten Willens hier einsetzen. \u00dcberhaupt ist das Anliegen komplex, und die Bemerkungen sind keinesfalls als abschlie\u00dfend zu sehen.<\/p>\n<p>Mit einer gewissen Vorsicht k\u00f6nnen wir den \u201eRest\u201c als Geschlechter-Diskriminierung anseh\u00aden. Aber damit hat es sich nicht. Denn auch hier m\u00fcssen wir andere \u00dcberlegungen einbezieh\u00aden, wenn wir zu einem Verst\u00e4ndnis kommen wollen. Ein besonderes Problem ist bei den Unterschichten und den Unteren Mittelschichten die noch vielfach gegebene \u201eZuverdienst-Mentalit\u00e4t\u201c vieler Frauen. Sie f\u00fchrt zu geringeren Anspr\u00fcchen. Da aber die Zahl und der Anteil der Frauen insbesondere im wachsenden Dienstleistungs-Sektor steigen, hat dies Aus\u00adwirkungen auf das Lohn-Niveau insgesamt. Wir k\u00f6nnen diesmal nicht den kapitalistischen Markt unmittelbar verantwortlich machen. Das ist gemeint mit dem Hinweis auf Widerspr\u00fc\u00adche au\u00dferhalb der Klassen-Verh\u00e4ltnisse.<\/p>\n<p>Beispiel Arbeitszeit: Die Teilzeit-Quote ist bei Frauen besonders hoch. Dies ist aber teilweise auch auf Entscheidungen der Frauen bzw. der Familien zur\u00fcck zu f\u00fchren. Frauen erkl\u00e4ren sich (noch) hauptzust\u00e4ndig f\u00fcr die Kinderbetreuung, auch f\u00fcr die Haushaltsf\u00fchrung. Das ist das Ergebnis einer gesellschaftlichen Arbeitsteilung, welche nicht notwendig mit Arbeitsmarkt-Diskriminierung zusammen h\u00e4ngt. Die Lohnunterschiede, der <em>gender gap<\/em> geht st\u00e4rker auf alte soziale Werte und Entscheidungen in der Familie zur\u00fcck als auf Markt-Gegebenheiten. Wir m\u00fcssten hier eigentlich wieder von Mentalit\u00e4ten, diesmal in der Gesellschaft allgemein, sprechen.<\/p>\n<p>Aber hier m\u00fcssen wir acht geben. Gary <em>Becker<\/em> (1957) schrieb seinerzeit eine \u201e\u00d6konomie der Diskriminierung\u201c. Darin glaubte er, theoretisch nachweisen zu k\u00f6nnen, dass der Markt selbst die Diskriminierung beseitigen werde. Die \u00d6konomen des <em>dualen Arbeitsmarkt<\/em> (<em>Doeringer \/ Piore <\/em>1971) haben ihm geantwortet: Von einem Verschwinden der Diskriminierung merken wir empirisch nichts. Allerdings war dies vor 3 &#8211; 4 Jahrzehnten.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich geht ein Alles entscheidender Faktor v\u00f6llig verloren, und das ist beabsichtigt: Die <em>Kategorie Geschlecht<\/em> ist selbst v\u00f6llig in die Klassenstruktur eingebunden. \u201e<em>Die<\/em> Frauen\u201c sind intern st\u00e4rkst geschichtet. Ich beziehe mich auf Daten aus \u00d6sterreich, die ich bearbeitet habe: Sowohl der Gini-Koeffizient als auch der Indikator P90\/P10, also das Verh\u00e4ltnis der obersten zu den untersten Einkommen, ist f\u00fcr unselbst\u00e4ndigen Einkommen der Frauen h\u00f6her als f\u00fcr jene der M\u00e4nner. Die Klassenschichtung ist also bei ihnen noch st\u00e4rker ausgepr\u00e4gt. Im Bereich Einkommensverteilung von \u201e<em>den<\/em> Frauen\u201c zu sprechen, ist schlichtweg manipulativ und dient nur der Verschleierung der Klassenverh\u00e4ltnisse. Das ist an sich nicht neu. In der postmodernen Debatte und ihrem Jargon spielt der Terminus <em>Intersektionalit\u00e4t<\/em> eine bedeutende Rolle. Wir m\u00fcssen dies in der wirklichen theoretischen Tragweite aufnehmen und ausbauen.<\/p>\n<p><em>Becker, Gary S.<\/em> (1957), The Economics of Discrimination. Chicago: Chicago University Press.<\/p>\n<p><em>Doeringer, Peter P.<\/em><em><strong> \/ <\/strong><\/em><em>Piore, Michael J<\/em><em>. (1971), Internal labor markets and manpower<\/em> adjustment. New York-London: Sharpe.<\/p>\n<p><em>Mayrhuber, Christine \/ Glocker, Christian \/ Horvath, Thomas \/ Rocha-Akis, Silvia<\/em> (2015), Entwick\u00adlung und Verteilung der Einkommen in \u00d6sterreich. Wien: WIFO<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; W\u00e4hrend die allgemeine Politik nicht nur der EU auf eine Steigerung der Ungleichheit angelegt ist, gibt es einen Bereich, &hellip; <a href=\"https:\/\/www.euroexit.org\/index.php\/2017\/12\/13\/einkommens-ungleichheit-zwischen-den-geschlechtern-ist-die-eu-fuer-mehr-gleichheit\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eEinkommens-Ungleichheit zwischen den Geschlechtern. 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