{"id":1532,"date":"2017-12-21T19:34:57","date_gmt":"2017-12-21T18:34:57","guid":{"rendered":"http:\/\/www.euroexit.org\/?p=1532"},"modified":"2017-12-21T19:34:57","modified_gmt":"2017-12-21T18:34:57","slug":"und-noch-einmal-piketty-ein-aeusserst-lesenswerter-bericht-der-world-inequality-report-treibt-konservativen-den-schaum-vor-den-mund","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.euroexit.org\/index.php\/2017\/12\/21\/und-noch-einmal-piketty-ein-aeusserst-lesenswerter-bericht-der-world-inequality-report-treibt-konservativen-den-schaum-vor-den-mund\/","title":{"rendered":"UND NOCH EINMAL PIKETTY: EIN \u00c4U\u00dfERST LESENSWERTER BERICHT. Der &#8222;World Inequality Report&#8220; treibt Konservativen den Schaum vor den Mund"},"content":{"rendered":"<p>Pikettys Erfolg machte und macht den Eliten Probleme. So wandte sich das Feuilleton der Konservativen an die neuen Theologen der Postmoderne, die \u00d6konomen des Hauptstroms. Die FAZ lud damals (15. Mai 2014) \u201eeinige bekannte \u00d6konomen\u201c ein, den \u201eneuen Marx\u201c zu bek\u00e4mpfen. Der \u201eneue Marx\u201c ist eine besonders groteske Phrase; ist doch der Keynesianer Piketty ein bekennender Marx-Gegner. \u00d6konomen waren auch deswegen geeignet, gegen Piketty in Stellung zu gehen, weil sie der Neid \u00fcber den Erfolg ihres Fach-Kollegen zerfrisst. Und sie taten ihre Pflicht. Pikettys etwas einf\u00e4ltige Formel r &gt; g erleichterte ihnen die Auf\u00adgabe. Ist sie doch nur eine versimpelte Beschreibung des Ablaufs, nat\u00fcrlich keine Erkl\u00e4rung. Die Kapitalrendite ist h\u00f6her als das Wirtschaftswachstum und steigt. Man k\u00f6nnte meinen, dass \u00d6konomen, die sich selbst ernst nehmen, dagegen kaum etwas zu sagen wagten.<\/p>\n<p>Weit gefehlt. \u201eEs stimmt nicht\u201c, dekretierte Ph. Bagus aus Madrid. Und ganz \u00e4hnlich St. Homburg aus Hannover: \u201ePikettys eigene Daten [stehen] im diametralen Gegensatz zu seinen Behauptungen.\u201c Der Leib- und Magen-\u00d6konom des DGB und der SPD, Peter Bofinger, ein BRD-\u201eWirtschaftsweiser\u201c, der vor zwei Jahrzehnten auch ein \u201eManifest\u201c f\u00fcr den Euro geschrieben hat, manipulierte und log offenbar bewusst zwei Wochen sp\u00e4ter. Im \u201eSpiegel\u201c vom 2. Juni 2014 zitierte er als Beleg f\u00fcr angeblich widerspr\u00fcchliche Daten eine Graphik aus Pikettys Buch, die dem Aufbau der Argumentation dort dient. Doch die wenige Seiten sp\u00e4ter in einer weiteren Graphik aufscheinenden von ihm als fehlend monierten Daten l\u00e4sst er beiseite. Doch zur\u00fcck zur FAZ.<\/p>\n<p>Da diese S\u00e4tze denn doch in schreiendem Gegensatz zu den allseits bekannten Verh\u00e4ltnissen stehen, musste man sie irgendwie zu begr\u00fcnden versuchen. Der eine Zugang war die <em>Lange Dauer<\/em>. \u00dcber die letzten 200 Jahre, \u2026 w\u00e4hrend der letzten Jahrhunderte \u2026 [gab es] keinen besorgniserregenden Trend:\u201c Ganz \u00e4hnlich Bofinger, der hinzuf\u00fcgt, nur \u201ef\u00fcr die Phase von 1950 bis 2010 [ist] eine steigende Relation vom Kapital zum Volkseinkommen zu belegen.\u201c Genau dies sagt Piketty. Aber er begr\u00fcndet es auch: Es gab eine Kehrtwende der Politik. Sie m\u00f6chte soweit wie m\u00f6glich auf die Korrektur der Verteilung verzichten, welche der europ\u00e4i\u00adsche Wohlfahrtsstaat in der ersten Generation nach dem Krieg durchf\u00fchrte. F\u00fcr die Zukunft verhei\u00dft dies eine st\u00e4ndig st\u00e4rkere Konzentration von Einkommen und Verm\u00f6gen oben.<\/p>\n<p>Wenn wir wirklich ernsthaft mit der sehr langen Dauer argumentieren wollen, sollten wir ein neues Buch ernst nehmen, das allerdings sehr d\u00fcster daher kommt. Walter <em>Scheidel<\/em>, Althis\u00adtoriker aus Wien, doch seit gut zwei Jahrzehnten in Stanford, arbeitet \u00fcber Bev\u00f6lkerung, Wirtschaft, Verm\u00f6gen und Einkommen in der antiken Welt (z. B. <em>Scheidel \/ Morris \/ Saller<\/em> 2008). Nun erschien von ihm ein Buch \u201eThe great Leveller\u201c, \u00fcber Ressourcenkonzentration in sehr langer Frist, von der Fr\u00fchgeschichte bis heute. Hier meint er, belegen zu k\u00f6nnen, dass es stets nur in Kriegszeiten zu einer gewissen Einebnung von Ungleichheit gekommen ist. Ich m\u00f6chte dies f\u00fcr die bisherige Geschichte nicht bestreiten, es ist zu offensichtlich. Doch man k\u00f6nnte meinen: Die Gegenwart sollte auch in dieser Hinsicht mit der Vergangenheit brechen. Aber das ist eine politische Frage \u2013 und die hat Piketty gestellt.<\/p>\n<p>Doch bleiben wir einen Moment beim Match <em>mainstream<\/em>-\u00d6konomen gegen Piketty. Der zweite Argumentationsstrang gegen die Akkumulation des Reichtums ist fast l\u00e4cherlich. Da hei\u00dft es, bei H.-W. Sinn (und bei Homburg sogar noch eindeutiger): \u201eEs werden ja nicht alle Kapitaleinkommen gespart. Viel Einkommen wird konsumiert\u201c und kann daher nicht akkumuliert werden und die Ungleichheit vergr\u00f6\u00dfern. Ich verzichte auf einen Kommentar.<\/p>\n<p>Worum es wirklich geht, machen Lars Feld aus Freiburg und wieder Homburg deutlich. \u201ePi\u00adkettys Buch liefert lediglich die n\u00e4chste Entschuldigung (!) f\u00fcr mehr Staat\u201c (<em>Feld<\/em>); und Hom\u00adburg: \u201eEnteignungen passen zwar gut zum Zeitgeist (!). \u2026 Pikettys Buch [ist] v\u00f6llig unzeitge\u00adm\u00e4\u00df.\u201c Also was jetzt? Zeitgeistig oder nicht?<\/p>\n<p>Piketty ist ein <em>Neukeynesianer<\/em>. Ich nenne so die wenigen \u00d6konomen, welche auf die Fragw\u00fcr\u00addigkeit von \u00f6ffentlichen Schulden hinweisen, aber sich auf eine keynesianische Nachfrage-L\u00fccke st\u00fctzen. Nicht dass dies sonderlich neu w\u00e4re. Aber gegenw\u00e4rtig sind dies wei\u00dfe Raben unter den \u00d6konomen. Ihre Konsequenz hei\u00dft n\u00e4mlich, und das kommt bei Piketty so deutlich wie sonst bei Keinem heraus: Die obersten Einkommen \u2013 und ich f\u00fcge hinzu: die Konzern-Gewinne \u2013 m\u00fcssen steuerlich so weit abgesch\u00f6pft werden, dass diese Nachfragel\u00fccke aufge\u00adf\u00fcllt wird und das Geld nicht einfach in die Steueroasen zwecks Spekulation abgeleitet wird. Und andererseits ist dies, historisch im 20. Jahrhundert f\u00fcr Alle erkenn- und belegbar, die einzige M\u00f6glichkeit, die wachsende Ungleichheit einwenig in den Griff zu bekommen. Dass dies die einzige M\u00f6glichkeit ist, wird man von links her nicht akzeptieren, im Gegenteil. Aber es ist ein Beginn.<\/p>\n<p>Und nun gibt es ein weiteres Buch von Piketty und Kollegen, der \u201e<strong>World Inequality Re\u00adport<\/strong>\u201c. Der vermeidet viele der Schw\u00e4chen von Pikettys Buch von 2013 \/ 14, ist ausgespro\u00adchen gut und verst\u00e4ndlich geschrieben, mit einem Wort, ist h\u00f6chst lesenswert. Es gibt auch eine deutsche Zusammenfassung. Die Reaktionen darauf waren vorhersehbar, aber doch wieder interessant.<\/p>\n<p>Die <em>Welt<\/em> vom 15. Dezember sch\u00e4umt. Sie diagnostiziert eine \u201egezielte Verdummungskampa\u00adgne\u201c und \u201ehysterische Aufregung\u201c. Vor drei Jahren (23. April 2014) hatten noch zwei ihrer Journalisten eine gem\u00e4\u00dfigt positive Rezension geschrieben, allerdings auch schon mit dem Versuch, die Ergebnisse durch sehr langfristige Graphiken zu relativieren. Heute f\u00fchlen sich die harten Konservativen ins Mark getroffen. Die Wiener \u201ePresse\u201c vom 14. Dezember 2017 glaubt, sich anschlie\u00dfen zu m\u00fcssen (\u201eUngleichheit: Piketty widerlegt sich selbst\u201c). Aber auch unter den Eliten gibt es unterschiedliche Faktionen. Die Transformisten und ihre Stimmen berichten neutral und sogar tendenziell positiv. Die \u201eZeit\u201c bleibt ganz \u201eobjektiv\u201c: \u201eSoziale Ungleichheit weltweit gewachsen\u2026\u201c. Die \u201eFrankfurter Rundschau\u201c (\u201eDie gro\u00dfe Spaltung\u201c) l\u00e4sst auch ein wenig Kritik am Nachbar, am neuen Helden der technokratischen Konserva\u00adtiven und Sozialdemokraten, durchblicken: \u201eVon den Steuerreformen von Frankreichs Pr\u00e4\u00adsident Emmanuel Macron werden die reichsten zehn Prozent der Franzosen die H\u00e4lfte der Entlastung einstreichen, was die Ungleichheit weiter steigen lassen wird\u2026\u201c Bei der <em>FAZ<\/em> kommt die negative Bewertung durch und ein ziemlich b\u00f6sartiger Angriff: \u201eNiemand interes\u00adsiert sich f\u00fcr Fragen der Verteilung so sehr wie die Freunde der Umverteilung. Deshalb wer\u00adden in der \u00f6ffentlichen Debatte meist die Zahlen betont, die so aussehen, als gehe die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auf.. Dass die Ungleichheit in vielen L\u00e4ndern der Welt w\u00e4chst, das stellt er in seinem Bericht ganz nach vorne. Dass die weltweite Ungleichheit schrumpft, steht irgendwo in der Mitte des Berichts, wo die meisten Leser schon mit ihrer Aufmerksamkeit k\u00e4mpfen.\u201c Und \u00fcber Deutschland: \u201eUngef\u00e4hr seit 2005 ist er aber gebro\u00adchen. Seitdem stagniert die gesamtgesellschaftliche Ungleichheit.\u201c \u00dcber den materiellen Inhalt dieser Aussage w\u00e4re viel zu sagen, was diesen Verteidigern des Status quo weniger gut gefallen d\u00fcrfte. Der letzte Satz ist schlichtweg falsch, das d\u00fcrfte der Schreiber selbst wissen.<\/p>\n<p>Warum die lange Auseinandersetzung mit den neoliberalen Kampfbl\u00e4ttern? Es zeigt sich: Die Patrone dieser Zeitungen und ihre Lohnschreiber machen sich Sorgen um die Hegemonie. Und da hilft auch nichts, wenn die FAZ, vermutlich zu Recht feststellt: \u201e\u2019Das Kapital im 21. Jahrhundert\u2019 geh\u00f6rt zu den B\u00fcchern, die Leser Daten von Amazon zufolge am schnellsten zur Seite legen \u2013 offenbar wird ihnen das zu kompliziert.\u201c Das Problem mit dem <strong>Ungleichheits-Report<\/strong> k\u00f6nnte sein: Auch eilige, aber interessierte Leser werden diesen Bericht nicht so schnell aus der Hand geben. Zu interessant sind die Fakten. <strong>Bitte herunterladen und lesen! <\/strong>Antihegemoniale Arbeit ist wichtig und zeitigt auf die Dauer Wirkung. \u201eDie Theorie wird zur materiellen Gewalt, wenn sie die K\u00f6pfe der Massen ergreift.\u201c<\/p>\n<p><strong>Literatur<\/strong><\/p>\n<p><strong><em>Facundo Alvaredo \/ Lucas Chancel \/ Thomas Piketty \/ Emmanuel Saez \/ Gabriel Zucman<\/em><\/strong><strong> (2017), World Inequality Report 2018. <\/strong><strong>World Inequality Lab.<\/strong><\/p>\n<p><em>Piketty, Thomas<\/em> (2001), Les In\u00e9galit\u00e9s dans le long terme. In : Conseil d\u2019analyse \u00e9conomique, In\u00e9galit\u00e9s \u00e9conomiques. Paris, 138 \u02d7 204.<\/p>\n<p><em>Piketty, Thomas<\/em> (2005), Income Inequality in France, 1901 \u2013 1998. In: J. of Political Economy 111, 1004 \u2013 1042.<\/p>\n<p><em>Piketty, Thomas<\/em> (2013), Le capital au xxi<sup>e<\/sup> si\u00e8cle. Paris: Seuil.<\/p>\n<p><em>Piketty, Thomas<\/em> \/ <em>Saez, Emmanuel<\/em> (2006), The Evolution of Top Incomes: A Historical and International Perspective. In : AEA Papers and Proceedings 96.2 \u02d7 Measuring and Interpreting Trends in Economic Inequality, 200 \u02d7 205.<\/p>\n<p><em>Scheidel, Walter \/ Morris, Ian \/ Saller, Richard<\/em> (2008), eds., The Cambridge Economic History of the Greco-Roman World. Cambridge: Univ. Press.<\/p>\n<p><em>Scheidel, Walter<\/em> (2017), The Great Leveller. Violence and the History of Inequality from the Stone Age to the Twenty-First Century. Princeton: Princeton University Press.<\/p>\n<p><strong>Daten:<\/strong><\/p>\n<p><em>Leider ist die Piketty-website im neuen Design deutlich unbequemer geworden. Das Datenbank-Format erschwert die Benutzung eher statt sie zu erleichtern: <a href=\"http:\/\/wid.world\/\">http:\/\/wid.world\/<\/a><\/em><\/p>\n<p><em>N\u00fctzlich auch: <a href=\"https:\/\/www.wider.unu.edu\/database\/world-income-inequality-database-wiid34\">https:\/\/www.wider.unu.edu\/database\/world-income-inequality-database-wiid34<\/a> http:\/\/www.oecd.org\/social\/income-distribution-database.htm<\/em><\/p>\n<p>OECD: <a href=\"http:\/\/www.oecd.org\/social\/income-distribution-database.htm\">http:\/\/www.oecd.org\/social\/income-distribution-database.htm<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Pikettys Erfolg machte und macht den Eliten Probleme. 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