{"id":1556,"date":"2018-01-03T15:28:16","date_gmt":"2018-01-03T14:28:16","guid":{"rendered":"http:\/\/www.euroexit.org\/?p=1556"},"modified":"2018-01-03T15:28:16","modified_gmt":"2018-01-03T14:28:16","slug":"die-zukunft-londons-als-finanzcasino","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.euroexit.org\/index.php\/2018\/01\/03\/die-zukunft-londons-als-finanzcasino\/","title":{"rendered":"Die Zukunft Londons als Finanzcasino"},"content":{"rendered":"<h3>Nachtrag zum Brexit<\/h3>\n<p>von Rainer Brunath<\/p>\n<p>Die Verhandlungsdelegationen beider Seiten waren sich bisher offenbar darin einig, dass der Finanzplatz London f\u00fcr alle Seiten ge\u00f6ffnet bleiben muss. Am Verhandlungstisch blieb diese Frage (bisher) ausgeklammert. Die Zeit dr\u00e4ngt aber, denn am 29.3.2018 soll es soweit sein: der Austritt Britanniens aus der EU.<\/p>\n<p>Wor\u00fcber redet man denn sonst? Zollfragen? Nein! Zu einem Chaos wird es nicht kommen. Die H\u00e4fen werden weiterhin abfertigen, der Warenverkehr wird im Modus, wie er vor dem Brexit war, aufrecht erhalten werden. Und das d\u00fcrfte durchaus im Interesse jener sein, die die Zollunion in ihrer jetzigen Form haben aushandeln lassen.<\/p>\n<p>Ja, selbst  EU-Nichtmitglieder, wie die Schweiz oder Norwegen, pflegen weitgehende Zollfreiheit zur EU. Warum sollte dieser Zustand nicht weiter in ein Nach-Brexit-Britannien \u00fcbernommen werden. Das ginge sogar ohne<\/p>\n<p>spezielle \u00dcbereinkunft, es gilt der gegenw\u00e4rtige Zustand einfach weiter. Und aus diesem einfachen Grund, hat man bisher nicht (oder nur beil\u00e4ufig) \u00fcber Handelsfragen gesprochen.<\/p>\n<p>Was bleibt denn als Verhandlungspunkt zwischen den Kontrahenten? Es sind die Beitr\u00e4ge  die Britannien in die EU nachzahlen soll, sowie die Frage des Status von der EU-Migranten in Gro\u00dfbritannien und <u>die Frage der Grenzregelung zwischen Irland und Nordirland.<\/u><\/p>\n<p>F\u00fcr die britischen Wirtschaftseliten wird es unbedeutend sein, zu welchem Ergebnis die Verhandlungen f\u00fchren. Hauptsache, es kommen billige Arbeitskr\u00e4fte ins Land. Man will lediglich vermeiden, dass Drittl\u00e4nder in dieser Frage Mitsprache beanspruchen.<\/p>\n<p>Mit diesen Themen ist man aber erst im Vorhof der eigentlichen Verhandlung. Der wirkliche Knackpunkt ist der Finanzplatz London.  Bisher konnten internationale Banken, z.B. jene der USA von London aus ihre grenz\u00fcberschreitenden Gesch\u00e4fte in der EU betreiben. Wird das ge\u00e4ndert werden?<\/p>\n<p>Am Erhalt des jetzigen Zustandes haben alle internationalen Banken seit der von Margret Thatcher eingef\u00fchrten gro\u00dfen Deregulierung (Big Bang) am Finanzplatz London gro\u00dfes Interesse.<\/p>\n<p>Was war nun der \u201eBig Bang\u201c auf dem Finanzplatz London?<\/p>\n<p>Die Londoner City, war schon vor Jahrhunderten von h\u00f6chster finanzpolitischer Bedeutung f\u00fcr die Politik in der Regierenden in Britannien.. Margaret Thatcher leitete diesbez\u00fcglich eine finanzpolitische Wende ein &#8211; mit dem sogenannten Big Bang &#8211; mit h\u00f6chst fragw\u00fcrdigen  Folgen.<\/p>\n<p>Bisher finanzierten die Londoner Geldh\u00e4user die Kolonialpolitik der Regierungen. Diese Tradition hatte Bestand, bis die konservative Premierministerin Margaret Thatcher mit dieser Tradition gr\u00fcndlich aufr\u00e4umte.<\/p>\n<p>Paul Auerbach, Wirtschaftsdozent an der Universit\u00e4t Kingston sagte [Zitat]: &#8222;Frau Thatcher wollte die Londoner City f\u00fcr ausl\u00e4ndisches Kapital so attraktiv wie m\u00f6glich machen, und so wurde Gro\u00dfbritannien eines der ersten L\u00e4nder, in dem die Devisenkontrollen und die staatliche \u00dcberwachung von Kapitalbewegungen abgeschafft wurden. &#8220;<\/p>\n<p>Das f\u00fchrte dazu, dass innerhalb kurzer Frist die Londoner Banken zu Spezialisten f\u00fcr internationale Verm\u00f6gensverwaltung wurden.  Aber Margaret Thatcher legte noch eins zu: am 27.10. 1986 befreite sie den Wertpapierhandel von regulativen Fesseln. Normale Banken und Investmentbanken wurden gleich gestellt, Kontrolle von Kommissionen wurde abgeschafft. Das f\u00fchrte auf dem Kontinent zu schock\u00e4hnlichem Erstaunen, die Medien redeten von einem &#8222;Big Bang&#8220;.<\/p>\n<p>Der bereits zitierte Wirtschaftsdozent Paul Auerbach schrieb dazu: \u201eJetzt konnten die Banker mit den Geldern ihrer Sparkunden, spielen und spekulieren, geradeso als w\u00e4ren sie Investmentbanker. Traditionelle Bausparkassen verloren ihren Sonderstatus und wurden von den gro\u00dfen Banken verschluckt. F\u00fcr Ausl\u00e4ndische Banken galten pl\u00f6tzlich dieselben Bestimmungen wie f\u00fcr die britischen Banken.&#8220;<\/p>\n<p>Schutzbestimmungen waren also abgeschafft, US-Amerikanische Geldinstitute kamen in die Londoner City, brachten ihre Gesch\u00e4ftsmethoden mit. Riskante Transaktionen wurden zur Norm, der traditionelle Banker, der seine Obhut dem Geld seiner Sparkunden widmete, war zum Mythos geworden. Der Enth\u00fcllungsroman \u201eCityboy\u201c von Geraint Anderson beschreibt dieses Szenario.<\/p>\n<p>Auf der Insel begann, ausgehend von den reich gewordenen Londoner Finanzspezialisten, ein gro\u00dfer Konsumrausch. Der ehemalige Schatzkanzler Nigel Lawson gab zu: [Zitat] &#8222;Damals herrschte ein exzessiver Optimismus. Es gab v\u00f6llig \u00fcberzogene Erwartungen. Nat\u00fcrlich ist der Wirtschaft mit einer optimistischen Haltung besser gedient \u2013 aber was wir damals erlebten, das ging eindeutig zu weit.&#8220;<\/p>\n<p>Neben diesem als positiv apostrophierten Effekt entwickelten sich gravierende Folgen. Das soziale Gef\u00e4lle klaffte in London und im ganzen Land  so weit auseinander wie in keiner anderen Metropole der westlichen Welt. Die traditionelle Kluft zwischen dem britischen S\u00fcden und Norden wurde immer tiefer. Teile von Nordengland erlebten als Folge der von Frau Thatcher favorisierten Finanzpolitik, eine gravierende De-Industrialisierung und wurden bitterarm. Der Finanzsektor Londons dagegen wurde zu \u00fcbergewichtig im Vergleich zur materiellen Produktion, sagt  Paul Auerbach [Zitat]: &#8222;W\u00e4hrend die USA einen enorm gro\u00dfen Industrie- und Landwirtschaftssektor besitzen, ist Gro\u00dfbritannien \u00e4u\u00dferst einseitig geworden. Das ist schlecht f\u00fcr den Arbeitsmarkt. Der Finanzsektor hat relativ wenig Arbeitspl\u00e4tze, au\u00dferdem wirbt er wertvolle Nachwuchskr\u00e4fte direkt nach dem Studienabschluss ab. Das sind junge Talente, die sich in der Wissenschaft oder in der Industrie viel n\u00fctzlicher machen k\u00f6nnten.&#8220;<\/p>\n<p>Nach der Finanzkrise 2008 wurden, auch auf Betreiben der EU, f\u00fcr die Londoner Banken Kontrollmechanismen eingef\u00fchrt. Doch besteht die Gefahr, dass diese nach einem Brexit wieder abgeschafft werden, so f\u00fcrchtet Auerbach.<\/p>\n<p>Auch f\u00fcr die vielen Banken, darunter auch Hedgefonds und Private-Equity-Fonds etc. aus den L\u00e4ndern der EU,  die sich in jenen Jahren in der Londoner City niederlie\u00dfen, galten seit den 90er Jahren Kontrollmechanismen durch eine nationale Bankenaufsicht. So wurde der  Finanzsektor die bei weitem gr\u00f6\u00dfte und ertragreichste Branche im K\u00f6nigreich und London damit reich. Das bedeutet, dass wenn London nicht mehr in der EU ist, das an der britischen Volkswirtschaft nicht spurlos  vorbeigeht. M\u00f6glich, dass man nicht \u00fcber die Wirkung eines massenhaften Auszugs der Banken aus London reden m\u00f6chte. Es konnte ja Verhandlungspositionen schw\u00e4chen. Ein denkbarer Knick in der Prosperit\u00e4t der Wirtschaft betr\u00e4fe jedoch nur London, der Rest des Landes hat diesen Knick schon hinter sich.<\/p>\n<p>Die Banken und ihre Vertreter in London wollen unter allen Umst\u00e4nden solch eine Entwicklung verhindern oder Ersatzl\u00f6sungen finden. Man macht  \u201eStresstests\u201c und was nicht alles, um die Folgen einer Abwanderung des lukrativen Investmentbankings abzuwenden.<\/p>\n<p>Aber schon fr\u00fch, kurz nach dem Brexit-Votum kam James Dimon, Chef von J.\u2009 P. Morgan, der seit der letzten Finanzkrise gr\u00f6\u00dften Bank der USA (und der Welt), zu einem Besuch nach London und sagte frank und frei [Zitat]: \u201eEs gibt eine L\u00f6sung f\u00fcr alle Probleme. Man muss nur die richtigen Leute in einem Zimmer versammeln. Vielleicht kann man dann die Brexit-Entscheidung einfach wieder umdrehen.\u201c<\/p>\n<p>Haben die <em>richtigen Leute<\/em> entschieden, dem Brexit (und Premierministerin Theresa May) \u00f6konomisch ein Bein zu stellen?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Literatur:<\/strong><\/p>\n<ol>\n<li><a href=\"http:\/\/www.deutschlandfunk.de\/londoner-boerse-vor-30-jahren-big-bang-brachte-riskante.871.de.html?dram:article_id=369619\">http:\/\/www.deutschlandfunk.de\/londoner-boerse-vor-30-jahren-big-bang-brachte-riskante.871.de.html?dram:article_id=369619<\/a><\/li>\n<\/ol>\n<p>(DLF Nachrichten vom 27.10.2016)<\/p>\n<ol start=\"2\">\n<li>aktuelle Nachrichtenmedien<\/li>\n<\/ol>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nachtrag zum Brexit von Rainer Brunath Die Verhandlungsdelegationen beider Seiten waren sich bisher offenbar darin einig, dass der Finanzplatz London &hellip; <a href=\"https:\/\/www.euroexit.org\/index.php\/2018\/01\/03\/die-zukunft-londons-als-finanzcasino\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eDie Zukunft Londons als Finanzcasino\u201c <\/span>weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"advgb_blocks_editor_width":"","advgb_blocks_columns_visual_guide":"","footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-1556","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-home"],"author_meta":{"display_name":"Wilhelm Langthaler","author_link":"https:\/\/www.euroexit.org\/index.php\/author\/wilhelm\/"},"featured_img":null,"coauthors":[],"tax_additional":{"categories":{"linked":["<a href=\"https:\/\/www.euroexit.org\/index.php\/category\/home\/\" class=\"advgb-post-tax-term\">Home<\/a>"],"unlinked":["<span class=\"advgb-post-tax-term\">Home<\/span>"]}},"comment_count":"0","relative_dates":{"created":"Ver\u00f6ffentlicht 8\u00a0Jahren vor","modified":"Aktualisiert 8\u00a0Jahren vor"},"absolute_dates":{"created":"Ver\u00f6ffentlicht am 3. 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