{"id":1619,"date":"2018-02-07T09:53:26","date_gmt":"2018-02-07T08:53:26","guid":{"rendered":"http:\/\/www.euroexit.org\/?p=1619"},"modified":"2018-02-11T10:16:41","modified_gmt":"2018-02-11T09:16:41","slug":"anschluss-1918-1938-und-eu-2018-die-sehnsucht-nach-der-grossmacht-und-das-globale-weltsystem-seinerzeit-und-heute","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.euroexit.org\/index.php\/2018\/02\/07\/anschluss-1918-1938-und-eu-2018-die-sehnsucht-nach-der-grossmacht-und-das-globale-weltsystem-seinerzeit-und-heute\/","title":{"rendered":"ANSCHLUSS 1918, 1938 UND EU 2018: Die Sehnsucht nach der Gro\u00dfmacht und das globale \u201eWeltsystem\u201c seinerzeit und heute"},"content":{"rendered":"<p>Wenige Monate vor dem totalen Zusammenbruch der Mittelm\u00e4chte schwadronierten in Wien Politiker und ihre intellektuellen Sprachrohre noch vom \u201eSiegfrieden\u201c. Doch 1918 war dies nicht von einer Terror-Propaganda des Regimes erzwungen wie 1945. Diese Redner und Schreiberlinge glaubten Ende Juli 1918 noch wirklich, was sie sagten. Als dann Ende Septem\u00adber tats\u00e4chlich alles zusammenbrach und selbst ein Blinder dies nicht mehr \u00fcbersehen konnte, waren sie fassungslos.<\/p>\n<p>Es war der unbedingte Glaube an die Gro\u00dfmacht, welcher sie bis zuletzt und dar\u00fcber hinaus in ihrem Wahn gefangen hielt. Nun aber brachen ringsum alle Bestandteile des verrotteten Habsburgerstaats weg. Da versuchte die deutschsprachige politische Klasse, sich schleunigst an eine andere Gro\u00dfmacht anzuschlie\u00dfen. Die Abgeordneten des seinerzeitigen Reichsrats beschlossen einhellig: \u201eDeutsch\u00f6sterreich ist ein Teil der Deutschen Republik\u201c (StGBl 5). <strong>Das war die eine, eigentliche Wurzel des Anschlusses zwei Jahrzehnte sp\u00e4ter<\/strong>.<\/p>\n<p>Den neuerlichen deutschen Gro\u00dfmachtambitionen und in ihrem Schlepptau den \u00f6sterreichi\u00adschen Politikern wurde mit dem Friedensvertrag von 1919 ein Riegel vorgeschoben. Ein Anschluss h\u00e4tte eine St\u00e4rkung Deutschlands bedeutet. Dazu waren die Sieger mit gutem Grund nicht bereit. Die Mittelm\u00e4chte hatten immerhin den Krieg vom Zaun gebrochen. Dieses Deutsche Reich wurde 1918, entgegen den Legenden danach, an denen auch Keynes kr\u00e4ftig mitwob, politisch eigentlich recht schonend behandelt.<\/p>\n<p>Und noch eine Legende muss hier angesprochen werden: <strong>Die<\/strong> \u00d6sterreicher seien 1918 ff. einm\u00fctig f\u00fcr den Anschluss gewesen. Es war die politische Klasse in \u00d6sterreich, nicht <strong>die<\/strong> \u00d6sterreicher. Otto Bauer, damals Au\u00dfenminister, sagte dies sehr deutlich. Eine Volksab\u00adstimmung \u00fcber den Anschluss f\u00fcrchtet er zu verlieren (vgl. Reiterer 1993).<\/p>\n<p>1938 hatte sich die Situation ge\u00e4ndert. Der Austrofaschismus hatte die \u00f6sterreichische Wirt\u00adschaft durch eine deflation\u00e4re Politik ruiniert. Nach dem kurzen und von der Sozialdemo\u00adkratischen Partei nicht ernsthaft unterst\u00fctzten Aufstand der Arbeiter 1934 hatte er die Sozialdemokraten unbarmherzig verfolgt. Als nun die Nazis einmarschierten, h\u00e4tten sie vermutlich auch eine \u201esaubere\u201c Volksabstimmung gewonnen. Aber das widersprach ihrer Ideologie, sie wollten 100 %. Vor die Wahl zwischen Austrofaschisten und Nazis gestellt, h\u00e4tte ein erheblicher Teil der Sozialdemokraten f\u00fcr Letztere gestimmt. Man braucht nur zu lesen, was Helmer und Olah \u00fcber die Stimmung bei den Sozialdemokraten schrieb.<\/p>\n<p>Die <strong>zweite Wurzel des Anschlusses war somit die ruin\u00f6se Wirtschaftspolitik<\/strong> von Dollfuss und Schuschnigg und deren Kumpanen. Ihre Folgen, u. a. die horrende Arbeitslosigkeit eines Viertels der Erwerbst\u00e4tigen, wurden den Arbeitern aufgeb\u00fcrdet.<\/p>\n<p>Aber dies Alles spielte sich auf einer bestimmten Folie ab. Die Sozialdemokraten waren seit ihrer Gr\u00fcndung deutschnational. Viktor Adler war Teil des deutschnationalen Kreises um Sch\u00f6nerer gewesen und daraus erst durch dessen immer rabiateren Antisemitismus vertrieben worden. H\u00f6chste Funktion\u00e4re der Sozialdemokraten kamen entweder direkt aus der deutsch\u00adnationalen Bewegung (Engelbert Pernerstofer) oder aber wollten ihre j\u00fcdische Herkunft durch eine besonders (deutsch-) nationalistische Haltung \u00fcberkompensieren, wie Otto Bauer selbst, oder Friedrich Austerlitz mit seinem skandal\u00f6sen AZ-Artikel am Beginn des Kriegs. Diese Haltung aber war durch den Gro\u00dfmacht-Chauvinismus bedingt, wie wir ihn musterg\u00fcltig z. B. bei Friedrich Engels finden, nicht aber in gleicher Weise bei Marx, und das ist wichtig. Der \u201edeutsche\u201c Polit- und Kultur-Chauvinismus, der bei Bauer so ungusti\u00f6s ausgepr\u00e4gt ist, war da nur noch das Obersh\u00e4ubchen.<strong> Der alte Gro\u00dfmacht-Nationalismus des 19. Jahrhunderts<\/strong>, der sich mit der gemeinsamen Sprache zu rechtfertigen glaubte, war also die ideologische Grundlage dieser Politik gegen ein selbst\u00e4ndiges \u00d6sterreich.<\/p>\n<p>Aber da ist ein wesentlicher Punkt zu erg\u00e4nzen. Die Christlich-Sozialen waren 1918 \u00fcberrum\u00adpelt worden. Sie waren ideologisch in der Tradition des Seipel\u2019schen Katholizismus im Grund Anti-Nationalisten. Das hinderte die meisten unter ihnen nicht, sich auf die schmutzigsten Seiten des Deutschnationalismus einzulassen. Lueger und Vogelsang kultivierten den Anti\u00adsemitismus. Aber Seipel hatte begriffen: Nation beruft sich auf die Volkssouver\u00e4nit\u00e4t und ist somit eine demokratische Struktur. Der Nationalismus der \u201ekleinen\u201c Nationen (<em>Hroch<\/em>) mit dem Ruf nach Selbstbestimmung ist eine Demokratie-Bewegung. Beides ging diametral gegen das Christlichsoziale Konzept einer von Kirche und Dynastie autorit\u00e4r zu g\u00e4ngelnden Bev\u00f6l\u00adkerung. Und mit der Dynastie versuchten sie, den Begriff \u201e\u00d6sterreich\u201c auf diese reaktion\u00e4ren vornationalen Inhalte festzulegen. In diesem Sinn hat Otto Bauer 1924 in seiner \u201e\u00d6sterrei\u00adchischen Revolution\u201c doch recht. In der Monarchie war \u201e\u00d6sterreich\u201c ein antinationales Projekt der Reaktion. Doch bei ihm war diese Einsicht vor allem eine Rationalisierung seines deutschen Nationalismus mit der Orientierung auf die Gro\u00dfmacht. Die Sozialdemokratie hatte dieses reaktion\u00e4re Projekt auch in der Monarchie nicht bek\u00e4mpft. Karl Renner wollte es unbedingt retten, und Bauer stimmte da mit seiner Idee einer \u201ePersonalautonomie\u201c statt einer Selbstbestimmung zu. Es ist derselbe Gedanke, den heute Van der Bellen verfolgt, wenn er erkl\u00e4rt: \u201e\u00d6sterreich ist eine Minderheit in der EU.\u201c<\/p>\n<p>Die Christlich-Sozialen waren in der Ersten Republik \u00fcberdies auf die Unterst\u00fctzung der Gro\u00dfdeutschen angewiesen. Daher definierten sie die \u00d6sterreicher entgegen einer besseren Einsicht einer kleinen Minderheit unter ihnen (E. K. Winter und sein Kreis) als Deutsche. Sie seien die \u201ebesseren Deutschen\u201c \u2013 diese Phrase griff der neue Kanzler der Industriellenvereini\u00adgung, Kurz, in seiner Regierungserkl\u00e4rung vor Weihnachten wieder auf.<\/p>\n<p>Damit war der Anschluss ideologisch und politisch von den herrschenden Kr\u00e4ften und von einem gewichtigen Teil der Opposition vorbereitet. Als die Kommunisten anfingen, dem entgegen zu arbeiten (Alfred Klahr), war es zu sp\u00e4t.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.euroexit.org\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/AlfredKlahr.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-1617\" src=\"https:\/\/www.euroexit.org\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/AlfredKlahr-300x225.jpg\" alt=\"\" width=\"482\" height=\"362\" srcset=\"https:\/\/www.euroexit.org\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/AlfredKlahr-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.euroexit.org\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/AlfredKlahr-768x576.jpg 768w, https:\/\/www.euroexit.org\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/AlfredKlahr-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/www.euroexit.org\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/AlfredKlahr-1200x900.jpg 1200w, https:\/\/www.euroexit.org\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/AlfredKlahr.jpg 1600w\" sizes=\"(max-width: 482px) 85vw, 482px\" \/><\/a><\/p>\n<p><strong>Der Anschluss von 1938 war durch die Bek\u00e4mpfung der nationalen Eigenst\u00e4ndigkeit \u00d6sterreichs und den Verzicht auf einen selbstbewussten nationalen Aufbau dieses Staates vorbereitet und tats\u00e4chlich unabwendbar geworden.<\/strong><\/p>\n<p>Der Faschismus war eine gesamteurop\u00e4ische Bewegung. Georgi Dimitroff allerdings fiel seinem eigenen Vulg\u00e4r-Marxismus zum Opfer, als er ihn 1935 rein instrumentell definierte \u2013 als offene terroristische Diktatur des (Finanz-) Kapitals. Doch w\u00e4re er nur das, dann w\u00e4re es v\u00f6llig unerkl\u00e4rlich, dass sich in Italien, im Deutschen Reich, aber auch in den peripheren Gesellschaften des restlichen Europas von den Baltischen Staaten \u00fcber Griechenland bis zu Spanien die Faschisten doch auf einen erheblichen Teil ihrer jeweils nationalen Bev\u00f6lkerun\u00adgen hatten st\u00fctzen k\u00f6nnen. Die griffen n\u00e4mlich ein Anliegen der Bev\u00f6lkerung auf.<\/p>\n<p>Der konservative und dann in den \u201eRevisionismus\u201c abgeglittene \u2013 das bedeutet in der Zeitge\u00adschichte: faschistoide \u2013 Historiker Emil <em>Nolte<\/em> hat versucht, solche Str\u00f6mungen wie den Austrofaschismus als Pseudofaschismus vom Nazismus abzuspalten. Damit wurde dieser auch verharmlost. Aber der <em>Bauern- und Provinzfaschismus<\/em> des Engelbert Dollfu\u00df war ein genuiner Faschismus. Allerdings war er an die \u00f6sterreichischen Verh\u00e4ltnisse angepasst. Der Dualismus zwischen Wien und den Industriegebieten einerseits, dem (gro\u00df-) b\u00e4uerlichen Nieder\u00f6sterreich und den zur\u00fcckgebliebenen Alpenl\u00e4ndern andererseits zusammen mit der ideologischen Abst\u00fctzung auf den Katholizismus brachte diese besonders sch\u00e4bige Reaktion hervor. Der Konflikt mit der deutschen Variante des Faschismus war teils auf dessen Imperialismus zur\u00fcck zu f\u00fchren. Teils kam er aus einer Vernachl\u00e4ssigung b\u00fcrgerlicher Interessen durch die christlichsoziale Politik. Mit einer eigenst\u00e4ndigen nationalen Politik hatte dies nichts zu tun. Die Herrschaften wie G.-K. <em>Kindermann<\/em>, welche den Austrofaschisten solche Motive zuschreiben, sind sp\u00e4te und leicht durchschaubare Apologeten dieses Regimes. Schuschnigg schlie\u00dflich versuchte erfolglos, beide Str\u00f6mungen unter einen Hut zu bringen.<\/p>\n<p>Die Nazis dagegen waren die Fortsetzung des Wilhelminismus und des Bismarckianismus und deren nationalliberalen Basis. Aber sie hatten ein populistisches Element, sie verschoben diesen Imperialismus hin zum Plebeischen. Dazu diente die Berufung auf das \u201edeutsche Volk\u201c. Den Widerspruch zwischen Restauration (\u201eNational \u2026\u201c) und Appell an die Unter\u00adschichten (\u201e\u2026sozialistische Arbeiter\u2026\u201c) wollten sie mit dem F\u00fchrerprinzip l\u00f6sen. Gerade f\u00fcr die Kleinb\u00fcrger, aber auch f\u00fcr manche Arbeiterschichten hatte dies einen gewissen Charme. Da mit dem R\u00fcstungs-Keynesianismus auch die Arbeitslosigkeit in \u00d6sterreich binnen weniger Monate schnell sank (\u201eordentliche Besch\u00e4ftigungspolitik\u201c), war die Zustimmung anfangs hoch. &#8211; Und heute ist der Wilhelminismus in Deutschland nicht im geringsten aufgearbeitet: In Hunderten von deutschen St\u00e4dten stehen Bismarck-Denkm\u00e4ler, und die ach so aufgekl\u00e4rten und von \u00f6sterreichischen Intellektuellen bewunderten Deutschen denken nicht im geringsten daran, sie abzurei\u00dfen.<\/p>\n<p>Aber \u00d6sterreich war durchaus als peripheres Land im gro\u00dfen Reich, der europ\u00e4ischen Super\u00admacht, gedacht. Das merkten die \u00d6sterreicher bald, sogar fanatische Nazis unter ihnen. Als dann auch die Niederlage greifbar heranr\u00fcckte, stand nicht nur bei den k\u00fcnftigen Siegern (Moskauer Deklaration), sondern auch bei vielen k\u00fcnftigen \u00f6sterreichischen Politikern fest: Das neue \u00d6sterreich sollte wieder selbst\u00e4ndig sein. Adolf Sch\u00e4rf, erster Vizekanzler nach 1945 und sodann Bundespr\u00e4sident, beschreibt dies in seinen Erinnerungen (<em>Sch\u00e4rf<\/em> 1955, 20): Als ihn ein deutsche Sozialdemokrat, Wilhelm Leuschner, 1943 aufsuchte und Vorschl\u00e4ge f\u00fcr das k\u00fcnftige Vorgehen zu machen begann, habe er, Sch\u00e4rf ihm pl\u00f6tzlich spontan widerspro\u00adchen: &#8222;Ich unterbrach meinen Besuch unvermittelt und sagte: \u2019Der Anschlu\u00df ist tot. Die Liebe zum Deutschen Reich ist den \u00d6sterreichern ausgetrieben worden.\u2019\u201c Das kann eine Konstruk\u00adtion im Nachhinein sein. Aber das w\u00fcrde nichts daran \u00e4ndern: Ein f\u00fchrender Politiker hatte das Bed\u00fcrfnis, sich nun, 1955, zu einem aufrechten \u00d6sterreicher zu stilisieren. Das galt frei\u00adlich nicht f\u00fcr alle. Da waren die Sozialdemokraten wie Friedrich Adler, die nur Hass auf dieses \u00d6sterreich empfanden. Und da war, wichtiger, der unvermeidliche schmutzige alte Karl Renner, nun Bundespr\u00e4sident. Dieser Gro\u00dfmeister des politischen Opportunismus deklarierte sich zwar auch f\u00fcr die Unabh\u00e4ngigkeit. Er konnte sich aber nicht verkneifen hinzuzuf\u00fcgen: Aber bis zur nationalen Eigenst\u00e4ndigkeit wird es wohl noch eine Zeitlang dauern \u2026 (<em>Reiterer<\/em> 1986 und 1996).<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst schien es allerdings allen ma\u00dfgeblichen Kr\u00e4ften klar: Dieses neue \u00d6sterreich wird seine selbst\u00e4ndige Existenz als Kleinstaat als Atout betrachten. Auf das ruinierte Deutschland war man nicht mehr neugierig. Man \u00e4u\u00dferte sogar Gebietsanspr\u00fcche (im Kleinen Deutsche Eck) und \u00fcbte sich ein wenig in Preu\u00dfenbeschimpfung: Figl erinnerte daran, dass die Preu\u00dfen ja kein \u201egermanisches\u201c, sondern ein \u201ehalbasiatisches\u201c Volk gewesen seien\u2026 Und links tat Ernst Fischer einen bedeutenden Schritt hinter Alfred Klahr zur\u00fcck. Er stieg in seiner Begr\u00fcn\u00addung der Nation \u00d6sterreich ganz auf die konservative Ideologie und Otto Bauers \u201eNational-Charakter\u201c ein (<em>Fischer<\/em> 1948).<\/p>\n<p>Dann aber wurde erst die EGKS und sodann 1957 \/ 1958 die EWG gegr\u00fcndet. Bereits da r\u00fchrten sich auf \u00d6VP-Seite die ersten Begierden. Der steirische Landeshauptmann Krainer sprach davon, man wolle nicht \u201ein der Neutralit\u00e4t verhungern\u201c, und Raab \u00fcbernahm dies. Diese Stimmen verstummten allerdings bald, jedenfalls in der \u00d6ffentlichkeit. Die Entwick\u00adlung \u00d6sterreichs war zu offensichtlich besser als im Westen, die Wachstumsraten h\u00f6her als die deutschen.<\/p>\n<p>Aber diese Kr\u00e4fte verschwanden nicht. Sie warteten ab. Ihre Stunde sahen sie gekommen, als das Sowjetsystem zusammenbrach. In diesem Moment trat eine Allianz von neokonservativen bzw. wirtschaftspolitisch neoliberalen Kr\u00e4ften und globalistischen Intellektuellen hervor. Es gelang ihnen, die politische Agenda im \u00d6sterreich seit den 1980ern zu bestimmen.<\/p>\n<p>Das Ende der Aufbau-Periode samt deren hohen Wachstumsraten brachte auch das Ende des Nachkriegs-Arrangements der R\u00fccksicht auf die arbeitenden Schichten. Es war den Eliten stets l\u00e4stig gewesen und hatte ihnen zuviel gekostet. Aber man f\u00fcrchtete \u201eden Kommunis\u00admus\u201c. Als nun die USA auf die Bedrohung ihrer globalen Dominanz \u2013 Wallerstein hatte sogar schon von einem Ende des US-Hegemonie-Zyklus gesprochen \u2013 mit einer aggressiven Wende reagierten, sahen diese politischen und \u00f6konomischen Interessen in Westeuropa: Das f\u00fchrte <strong>nicht<\/strong> zum Aufstand der Massen. Das Vorbild wirkte, und die neoliberale Reaktion setzte in voller Wucht ein. In \u00d6sterreich versuchten die Sozialdemokraten kurze Zeit, den keynesiani\u00adschen Kurs zu halten (\u201eAustrokeynesianismus\u201c). Doch die Umstrukturierung der Weltwir\u00adtschaft (\u201e\u00d6lschocks\u201c 1973 und 1979) kamen ihnen ebenso in die Quere wie ihre interne Uneinigkeit und Unschl\u00fcssigkeit.<\/p>\n<p>Dann kam ein Angriff seitens der <strong>hegemonialen intellektuellen Kreise<\/strong> auf die politische Grundlage \u00fcberhaupt. Die Mehrzahl der Intellektuellen dieses Landes war stets deutschnatio\u00adnal gewesen. Die deutsche Katastrophe hatte sie eine Zeitlang zum Verstummen gebracht. Es wurde kurzfristig sogar Mode, sich \u201e\u00f6sterreichisch\u201c zu geben. Aber t\u00e4uschen wir uns nicht! Diese \u00d6sterreich-orientierten Kr\u00e4fte kamen eher aus dem liberal-katholischen Bereich. Als nun die alten nazistisch-deutschnationalen Akademiker langsam wegstarben, welche bisher die Universit\u00e4ten beherrscht hatten \u2013 man muss sich nur einmal die B\u00fccher aus dem Verlag der \u00d6sterreichischen Akademie der Wissenschaften ansehen \u2013 und gleichzeitig die langj\u00e4hrige Wissenschaftsministerin Firnberg einen gewissen Einstrom von Sozialdemokraten in die Hochschulen erm\u00f6glichte, kam eine alt-neue Tendenz wieder durch. In Otto Bauer\u2019scher Tradition galt bald Alles, was \u00f6sterreichisch klang, als finster. Hilfreich dabei war, dass die Publikationslandschaft v\u00f6llig von deutschen Verlagen beherrscht wurde.<\/p>\n<p>Zu Hilfe kam diesen Kr\u00e4ften der politische Versuch, die fragw\u00fcrdigen Momente in der \u00f6ster\u00adreichischen Geschichte unter den Teppich zu kehren. Musterbeispiel war Kreisky. Der hatte allerdings dabei den Wunsch eines Gro\u00dfteils der Bev\u00f6lkerung nach einem Schlussstrich hinter sich. Mit der <strong>Aff\u00e4re Waldheim<\/strong> kam dieser ganze Komplex hoch. Und diese Kr\u00e4fte nutzten das. \u00d6sterreich, seine Existenz und seine Selbst\u00e4ndigkeit wurden madig gemacht.<\/p>\n<p>Man spricht immer wieder von Linksliberalen. Das ist grundfalsch. Es sind <em>globalistische Liberale in der Tra\u00addition des John St. Mill<\/em>, der ebenso wenig links war, wie diese globalistischen Kr\u00e4fte links sind. Gleichstellung der Geschlechter, Akzeptanz von pers\u00f6nlichen sexuellen Pr\u00e4ferenzen \u2013 das ist gewiss gut liberal und gegen die Altkonservativen zu vertreten. Aber was ist daran links? Diejenigen, die sich hier engagieren, sind meist durch\u00adaus sehr elit\u00e4r eingestellt.<\/p>\n<p>Nun hatte man zus\u00e4tzlich einen unsch\u00e4tzbaren Vorteil gewonnen. Man musste nicht mehr \u201eDeutschland\u201c rufen wenn man sich an eine Gro\u00dfmacht anbiedern wollte. Nun gab es die EG. Man sagte somit EUROPA. Aber die, welche dies politisch als erstes nutzten, waren gerade die, welche das Ziel dieser angeblichen \u201eAufarbeitung der Geschichte\u201c waren: Es waren die Konservativen und Neoliberalen. Mock, der alte verh\u00fcllte Antisemit, wurde zum Vork\u00e4mpfer \u201eEuropas\u201c. Die neokonservative Wende der SP\u00d6 brachte ihm Verst\u00e4rkung mit Vranitzky. Man konnte den Kurs auf den <strong>neuen Anschluss<\/strong> zielstrebig einschlagen.<\/p>\n<p>Im Lauf der Volksabstimmungs-Kampagne 1993 \/ 94 schlie\u00dflich gelang es den Konservati\u00adven, die Gro\u00dfmacht-Nostalgie, die in einem sonderbaren Habsburg-Kult stets im Untergrund vorhanden geblieben war, zu aktualisieren und zu mobilisieren. Die neuen Sozialdemokraten trugen das ihre bei. In einem regelrechten Terror-Feldzug in den Betrieben brachten sie mit Drohungen und Versprechungen (\u201eEderer-Tausender\u201c) ihre Anh\u00e4nger dazu, sich mehrheitlich auch f\u00fcr die EG (bald: EU) auszusprechen. Der Anschluss, der 1945 noch einmal r\u00fcckg\u00e4ngig gemacht worden war, war nun vollzogen.<\/p>\n<p>Endg\u00fcltig?<\/p>\n<p><strong>Eine entscheidend wichtige Schlussfolgerung<\/strong><\/p>\n<p>Wir sprechen hier st\u00e4ndig von \u00d6sterreich. Aber <strong>wer, was ist <\/strong><strong>\u00d6sterreich<\/strong>? Gehen wir nicht in die Falle der EU-Propagandisten, die uns weismachen wollen, \u201e\u00d6sterreich\u201c habe vom EU-Anschluss profitiert. Profitiert haben die Exporteure und die Finanzkapitalisten, vielleicht auch einige intellektuelle Sektoren. Aber gehen wir auch nicht in die alternative Falle der (Mills-) Liberalen. Die kennen kein \u00d6sterreich, sie kennen nur eine globalisierte Welt. Auf der k\u00f6nnen sie allen den Kurs vorgeben \u2013 glauben sie. Wir m\u00fcssen dialektisch sein.<\/p>\n<p>\u00d6sterreich ist der Staat der kapitalistischen Eliten und ihrer Handlanger in Politik und Kultur. Die denken, dass sie diesen Staat immer weniger brauchen. Sie m\u00f6chten ihn daher am liebsten entsorgen \u2013 wenn sie ihn nicht immer wieder f\u00fcr ihren Vorteil doch brauchen w\u00fcrden. Er ist ja ihr haupts\u00e4chliches politisches Instrument, und auch die globalistische Politik k\u00f6nnen sie nur mittels seiner Institutionen durchf\u00fchren.<\/p>\n<p>Aber \u00d6sterreich ist auch die Lebenswelt einer beachtlichen Mehrheit jener Menschen, die hier geboren sind und hier leben, die meisten von ihnen gern. Auf die \u00f6sterreichische Gesellschaft wollen sie sich verlassen k\u00f6nnen. Und sie brauchen diesen Staat, dringlicher als die Eliten und die Herrschenden. Doch es sollte ein selbstbestimmter Staat sein, der ihnen und ihrer politischen Identit\u00e4t auch einen Bezugsrahmen anbietet.<\/p>\n<p>Zwischen diesen beiden Projekten gibt es einen z\u00e4hen Kampf. Denn eine Nation ist ein politisches Projekt auf der Basis einer geteilten Identit\u00e4t.<\/p>\n<p>Der Nazi-Faschismus war auf seine Art globalistisch und gegen Verzwergung. Wir wissen, wohin dies politisch gef\u00fchrt hat. Knapp vor dem Zweiten Weltkrieg meinte der damalige polnische Au\u00dfenminister Beck fatalistisch: \u201eIch f\u00fcrchte, dass Deutschland gemeinsame Grenzen mit Japan anstrebt.\u201c Der b\u00f6se Witz traf den Sachverhalt nicht schlecht. \u00d6sterreich war damals sein erstes Opfer: das \u00d6sterreich der Austrofaschisten, aber noch viel mehr das \u00d6sterreich der Arbeiter, Angestellten und Bauern.<\/p>\n<p>Der Nazismus landete auf dem M\u00fcllhaufen der Geschichte. Aber vorher st\u00fcrzte er die Welt in eine Katastrophe, wie man sie bis damals noch nicht gesehen hatte. \u00d6sterreich wurde ein Teil dieser Katastrophe, und ein nicht geringer Teil der Bev\u00f6lkerung hatte die ersten Schritte dazu freiwillig getan. Damals allerdings konnte sich das Land mit der Hilfe Anderer noch einmal daraus hervorarbeiten. Und heute?<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Albert F. Reiterer, 6. Feber 2018<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Helmer, Oskar (1957), 50 Jahre erlebte Geschichte. Wien: Verlag der Volksbuchhandlung.<\/p>\n<p>Jankowitsch, Peter (2008), \u00d6sterreichs Europapolitik im Parteienstreit, In: \u00d6sterr. Jb. f\u00fcr Politik 2008, 265 &#8211; 276.<\/p>\n<p>Kindermann, Gottfried-Karl (2003), \u00d6sterreich gegen Hitler. Europas erste Abwehrfront 1933 \u2013 1938. Bonn: Langen M\u00fcller.<\/p>\n<p>Nolte, Emil (1966), Die faschistischen Bewegungen. Die Krise des liberalen Systems und der Entwicklung der Faschismen M\u00fcnchen: dtv.<\/p>\n<p>Olah, Franz (1995), Die Erinnerungen mit 110 Abbildungen und Dokumenten. Wien: Amalthea.<\/p>\n<p>Reiterer, Albert F. (1986), Vom Scheitern eines politischen Entwurfs. Der &#8218;\u00f6sterreichische Mensch&#8216; \u2013 ein konservatives Nationalprojekt der Zwischenkriegszeit. In: \u00d6GL (\u00d6sterreich in Geschichte und Literatur)  31, 19 \u2013 36.<\/p>\n<p>Reiterer, Albert F. (1996), Intellektuelle und politische Eliten in der Nationswerdung \u00d6sterreichs. In: Max Haller, Hg., Identit\u00e4t und Nationalstolz der \u00d6sterreicher. Gesellschaftliche Ursachen und Funktionen \u2013 Herausbildung und Vergleich seit 1945 \u2013 Internationaler Vergleich. Wien: B\u00f6hlau, 271 \u2013 325.<\/p>\n<p>Sch\u00e4rf, Adolf (1955), \u00d6sterreichs Erneuerung 1945 &#8211; 1955. Das erste Jahrzehnt der Zweiten Republik. Wien: Verlag der Volksbuchhandlung.<\/p>\n<p>Schulmeister, Paul (2008), Europapolitik als Spaltpilz. Der Lissabon-Vertrag, die Volksabstimmungs-Debatte und ein Leserbrief an die Krone. In: \u00d6sterr. Jb. f\u00fcr Politik 2008, 277 &#8211; 293<\/p>\n<p>Wallerstein, Immanuel (1984), The Politics of the World Economy. The States, the Movements and the Civilizations. London: Cambridge Univ. Press.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenige Monate vor dem totalen Zusammenbruch der Mittelm\u00e4chte schwadronierten in Wien Politiker und ihre intellektuellen Sprachrohre noch vom \u201eSiegfrieden\u201c. 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