{"id":1710,"date":"2018-08-01T10:13:39","date_gmt":"2018-08-01T08:13:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.euroexit.org\/?p=1710"},"modified":"2018-08-01T10:13:39","modified_gmt":"2018-08-01T08:13:39","slug":"1968-der-verrat-der-intellektuellen-und-die-frage-nach-dem-weg-der-geschichte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.euroexit.org\/index.php\/2018\/08\/01\/1968-der-verrat-der-intellektuellen-und-die-frage-nach-dem-weg-der-geschichte\/","title":{"rendered":"1968: \u201eDer Verrat der Intellektuellen\u201c und die Frage nach dem Weg der Geschichte"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.euroexit.org\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/DutschkesRad.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-1709\" src=\"https:\/\/www.euroexit.org\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/DutschkesRad-200x300.jpg\" alt=\"\" width=\"200\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.euroexit.org\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/DutschkesRad-200x300.jpg 200w, https:\/\/www.euroexit.org\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/DutschkesRad.jpg 683w\" sizes=\"(max-width: 200px) 85vw, 200px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Dutschkes Rad nach dem Mordversuch<\/p>\n<p>Das Jahr 1917 haben wir erinnert und reflektiert. Wir haben sogar eine eigene Veranstaltung dazu ausgerichtet. 1918 ist f\u00fcr uns ebenfalls Anlass des Nachdenkens: Die Gr\u00fcndung der Republik \u00d6sterreich brachte die Basis f\u00fcr eine kleine Nation und die \u00dcberwindung des habs\u00adburgischen Sp\u00e4tfeudalismus. 1918 wurde aber f\u00fcr die Sozialdemokratie auch zum Anlass des Verrats an ihrer ohnehin nur mehr rhetorisch revolution\u00e4ren Politik. In \u00d6sterreich verbargen sie sich hinter dem K\u00fcrzel des <em>Austromarxismus<\/em>. Im \u201eneuen\u201c Deutschen Reich der Weimarer Republik hielten sie dies nicht f\u00fcr notwendig. Dort wurden sie offen reaktion\u00e4r und brachten ihrerseits die Revolution\u00e4re um. \u201eEiner muss ja der Bluthund sein\u201c, meinte der Sozialdemo\u00adkrat Noske in sch\u00f6ner Offenheit.<\/p>\n<p>Aber 1968?<\/p>\n<p>1968 ist f\u00fcr die Linke eine Verlegenheit. Und das ist noch eine Untertreibung. Denn 1968 war f\u00fcr viele, die sich heute noch als Linke begreifen, die Zeit ihrer Politisierung, die Zeit ihres Abschieds vom Konservativismus ihrer Herkunft, von der schwarzen Reaktion der Zweiten Nachkriegszeit. 1968 war also f\u00fcr sie und f\u00fcr die Gesellschaft auch ein Riesenschritt vorw\u00e4rts. Das bleibt durchaus ehrenwert. Daher r\u00fchrt ja auch noch der Hass der Konservativen, selbst heute noch, auf die \u201e68er\u201c. Ob CDU- oder CSU-ler, AfD-ler oder auch Liberale \u2013 f\u00fcr sie ist 1968 der Beinahe-Untergang des Abendlands, das man heute noch retten muss.<\/p>\n<p>Und doch ist die Diagnose im Nachhinein eindeutig. 1968 ist das Symboljahr des Abgleitens des Gro\u00dfteils jener politischen Intellektuellen, die sich damals links nannten, in eine arbeiter\u00adfeindliche, gegen die Massen gerichtete und offen antiplebeische Haltung. Sie hat sich inzwi\u00adschen weiter entwickelt zu einer elit\u00e4ren, ja elitistischen Einstellung: F\u00fcr die Unterschichten haben sie nur mehr Verachtung und Beschimpfung \u00fcbrig. Der lange Marsch durch die Institu\u00adtionen wurde zum Karriere-Trick. Der heutige Alt-68er ist gew\u00f6hnlich ein pensionierter Sektions-Chef. Oder er war Abteilungsleiter in einem Konzern. Nicht selten ist es auch ein aktiver oder ein Ex-Politiker, ein gewesener Minister oder ein ehemaliger Abgeordneter, gew\u00f6hnlich von der SP oder den Gr\u00fcnen. Schaut Euch Otto Schily und Daniel Cohn-Bendit an; oder Franz-Josef-Fischer \u2013 oder in einem sehr bescheidenen Format in \u00d6sterreich Raimund L\u00f6w!<\/p>\n<p>Hierzulande spielt, mit einer Ausnahme, die wir uns noch vornehmen werden, das Jahr 1968 keine Rolle. Dabei ist die hegemoniale \u00d6ffentlichkeit doch so versessen auf \u201eErinnerungs-Kultur\u201c. Nimmt man eine franz\u00f6sische Zeitung in die Hand, ob aus Paris oder der Provinz, so hat man einen drastisch anderen Eindruck: vorne und hinten 1968!<\/p>\n<p>Vielleicht sagt uns gerade das: Auch wir m\u00fcssen 1968 analysieren. Das gro\u00dfe revolution\u00e4re Ereignis, von dem manche heute schw\u00e4rmen, war es gewiss nicht. Es war aber zumindest in manchen Teilen Europas mehr als nur ein Aufruhr von frustrierten Intellektuellen. Jedenfalls hatte es politische Auswirkungen, wenn uns auch viele davon nicht gefallen.<\/p>\n<p>Durch Zufall kam mir ein Interview mit einem inzwischen alten, fr\u00fcher recht angesehenen franz\u00f6sischen Soziologen, <em>Alain Touraine<\/em>, in die H\u00e4nde (<em>La Depeche<\/em> \/ Toulouse, 17. Juni 2018). Er spricht da mehrere wichtige Themen an. Er sieht einen Bruch in der Arbeitswelt seit 1968: \u201eHeute spricht man nicht mehr von Arbeit (<em>travail<\/em>), man hat vielmehr eine Besch\u00e4fti\u00adgung (\u2026 <em>est occup\u00e9<\/em>).\u201c Mir scheint dies extrem wichtig: Besagt es doch, dass sich die Produk\u00adtions- als Arbeitsverh\u00e4ltnisse grundlegend gewandelt haben. Die k\u00f6rperliche Erm\u00fcdung und Ersch\u00f6pfung, das Stigma des alten Proletariats, wurde f\u00fcr den Gro\u00dfteil der Bev\u00f6lkerung durch nerv\u00f6se Anspannung und einen dauernden Stress durch Kontrolldruck abgel\u00f6st, das Zeichen der neuen plebeischen Unterschicht. <em>Touraine<\/em> ist leider nicht konsequent. Er sieht auch nicht, dass er von europ\u00e4ischen Verh\u00e4ltnissen, von Verh\u00e4ltnissen im Zentrum, spricht. Hier wurde der Prozess der materiellen Basis-Produktion teils automatisiert. <em>Teils aber wurde er in die Peripherie ausgelagert<\/em>. Der Wandel der Arbeitswelt ist also ein wesentlicher Aspekt des Strukturwandels im Prozess der Globalisierung. Damit stehen wir vor den techno-sozialen Grundlagen unserer heutigen Verh\u00e4ltnisse. Die Zentrum-Peripherie-Struktur gestaltet ihre Basis um. Das aber hat Konsequenzen f\u00fcr die Klassen-Schichtung. Und es hat fundamentale Konsequenzen f\u00fcr die politische Organisation, vor allem der sozialistischen Bewegungen. Denn bereits 1968 war die politische Bewegung der Lohnabh\u00e4ngigen, vor allem in den Kommunistischen Parteien, in vielerlei Weise \u00fcberholt. Sie war au\u00dferstande, auf neue Anforderungen zu reagieren.<\/p>\n<p>Und damit geht es weiter im Text \u00fcber 1968.<\/p>\n<p>1968 hat einen neuen Akteur geschaffen oder jedenfalls sichtbar werden lassen, meint <em>Tourai\u00adne<\/em>. Der neue Akteur hat eine individuelle oder individualisierende Mentalit\u00e4t. Damit kommen wir langsam an die Problematik heran. Denn diese individuelle Mentalit\u00e4t war stets das Krite\u00adrium der Intellektuellen. Arbeiter und Unterschichten waren entweder eher kollektiv bzw. kol\u00adlektivisierend orientiert, oder sie waren nicht selten anarchisch, letzteres vor allem die Bauern.<\/p>\n<p>Bevor wir auf dieser abstrakten Ebene weiter argumentieren, m\u00fcssen wir unbedingt einen Blick auf die politischen Abl\u00e4ufe machen. Doch auf die Abl\u00e4ufe wo, in welchem Land? Denn 1968 hatte in Frankreich und Italien eine v\u00f6llig andere Bedeutung als in der BRD oder auch der USA.<\/p>\n<p>In Frankreich, ebenso wie in Italien, gab es eine starke KP und starke Gewerkschaften. Doch beide Organisationen wurden durch die Basis-Bewegungen v\u00f6llig \u00fcberrollt. Die lief jedenfalls in Paris an ihnen vorbei und entwickelte schnell einen Charakter, der nicht weit von einer revolution\u00e4ren Situation entfernt war. Die Gewerkschafts- und KP-Funktion\u00e4re standen ziem\u00adlich hilflos neben dem Geschehen und sahen eigentlich nur zu. F\u00fcr die Staatsmacht schien die Sache dagegen aus dem Ruder zu laufen. Sie f\u00fchlte sich akut bedroht. Da tat De Gaulle einen primitiven und doch genialen Schachzug. Er setzte Neuwahlen an. Damit hatte er Gewerk\u00adschaften und KPF richtig eingesch\u00e4tzt. Er zwang sie damit in das Korsett des b\u00fcrgerlichen Systems. Und sie lie\u00dfen sich gern dort hinein zw\u00e4ngen.<\/p>\n<p>Denn nun konnten sie endlich wieder auf ihre Weise mobilisieren und aktiv werden \u2013 in der einzigen Weise, wozu sie imstande waren. Sie taten genau das, was sie konnten. Sie machten Wahlkampf und brachen damit aktiv die Dynamik der Bewegung. Nun konnte sie ihre St\u00e4r\u00adken und ihren Einfluss auf die Arbeiter wieder einsetzen. Cohn-Bendit hatte in gewisser Weise recht, wenn er in seinem Buch von damals (\u201eLinksradikalismus\u2026\u201c) der KPF den Vorwurf machte, eigentlich w\u00e4re sie es gewesen, welche den franz\u00f6sischen Mai in seiner Kampfkraft ein Ende gesetzt habe.<\/p>\n<p>Er empfiehlt dann, in einer Art Polemik gegen Lenin, den \u201eLinksradikalismus\u201c als Heilmittel. Es ist wert, dar\u00fcber einen Satz zu verlieren. Denn diese Art von \u201eLinksradikalismus\u201c war eine zutiefst b\u00fcrgerlich intellektuelle Haltung. Sie war auch von Cohn-Bendit in Wirklichkeit nicht sonderlich ernst gemeint. Sein Flirt mit Brigitte Bardot hat ihn einige Wochen lang viel mehr besch\u00e4ftigt als die politische Aktivit\u00e4t.<\/p>\n<p>Aber h\u00e4tten die KPF und die CGT denn einen B\u00fcrgerkrieg beginnen sollen? Der w\u00e4re mit Sicherheit verloren gegangen. De Gaulle hatte bereits seine milit\u00e4rischen Einheiten zwar diskret aber doch deutlich in Bereitschaft. Das h\u00e4tte somit in einer <em>v\u00f6llig unvorbereiteten<\/em>, daher hoffnungslosen Situation viel Blut gekostet und w\u00e4re vermutlich schnell niedergeschla\u00adgen worden.<\/p>\n<p>Das zeigt, dass die Frage falsch gestellt ist. Das Stichwort hei\u00dft n\u00e4mlich: \u201ev\u00f6llig unvorberei\u00adtet\u201c. Denn die KPF und auch die Togliattische KPI hatten in ihrer Sowjet-Abh\u00e4ngigkeit nur ein Denkmuster: Yalta. Der Osten war sowjetisch. Im Westen musste man sich eben an die 1944 \/ 45 vereinbarten Spielregeln halten. Die sahen politische Aktivit\u00e4t nur im Rahmen des parlamentarischen Systems vor. Diese Parteien kamen \u00fcberhaupt nicht auf die Idee, sich auch nur Gedanken \u00fcber andere Organisationsformen oder Kampf-M\u00f6glichkeiten zu machen. Als eine solche Notwendigkeit im Pariser Mai auftauchte, war ihnen nicht einmal mehr die abso\u00adlute Dringlichkeit alternativer Militanz bewusst, geschweige denn, sie h\u00e4tten irgendetwas vorzuschlagen gehabt.<\/p>\n<p>Damit war die Geschichte gelaufen. Es war nicht so un\u00e4hnlich wie das, was Marx ein Jahr\u00adhundert fr\u00fcher im \u201e18. Brumaire\u201c geschildert hatte. Denn au\u00dferhalb Paris war die Bewegung sowieso viel schw\u00e4cher. Daf\u00fcr waren die \u00c4ngste der B\u00fcrger und der sonstigen Mittelschich\u00adten umso gr\u00f6\u00dfer. Es war von vorneherein klar, wie Wahlen dieser Art in diesem Kontext und im gegebenen institutionellen Rahmen ausgehen w\u00fcrden. Die KPF aber lief ins offene Messer. Das l\u00e4ndliche Frankreich machte dem Pariser Mai auch ein schnelles und nicht sonderlich ruhmreiches Ende.<\/p>\n<p>In der <em>BRD<\/em> oder in <em>\u00d6sterreich<\/em> lief die Geschichte sowieso ganz anders und viel eindeutiger. Es ist wert, sich eine der recht naiven Erinnerungsschriften anzusehen (<em>Lieb<\/em> 1968). Die Berli\u00adner und sodann die deutsche Studentenbewegung war von vorneherein das Aufbegehren b\u00fcr\u00adgerlicher Jugendlicher und Adoleszenten gegen die erzreaktion\u00e4re deutsche Gesellschaft der 1950er und 1960er. Und diese jungen Leute haben ihre eigenen Interessen nicht vergessen! Sie nutzen einzelne Versatzst\u00fccke aus dem marxistischen Vokabular (\u201eWissenschaft als Produktivkraft\u201c), um f\u00fcr sich ein \u201eStudienhonorar\u201c zu verlangen. Von einer Reflexion war da keine Rede. Dass ein Gro\u00dfteil der sogenannten Wissenschaft ein kunstvolles Geb\u00e4ude hege\u00admonialer Ideologie ist, dass Studenten ohnehin zum privilegierten Teil dieser Gesellschaft geh\u00f6ren \u2013 Fehlanzeige! Und selbst eine unterst\u00fctzenswerte Forderung reformistischen Charakters \u2013 etwa: Stipendien f\u00fcr Unterschicht-Kinder \u2013 geriet damit ins Zwielicht einer sch\u00e4bigen Privilegien-Politik.<\/p>\n<p>Das Mail\u00fcfterl hier, die \u201eBewegung\u201c, war exklusiv intellektuell. Nicht der Schatten einer proletarischen Bewegung war hier vorhanden. Rudi Dutschke wurde von einem jungen Hilfs\u00adarbeiter abgeschossen. Als sp\u00e4ter eine Minderheit zu begreifen anfingen, wie die Gesellschaf\u00adten des Zentrums tats\u00e4chlich strukturiert sind, waren die Folgerungen zwar moralisch ehren\u00adhaft und aufrichtig, aber gleichzeitig kurzschl\u00fcssig: Es f\u00fchrte zum sofortigen Abgleiten in den Terrorismus, welcher diese Menschen selbst pers\u00f6nlich vernichtete, die politische Entwick\u00adlung aber nicht voranbrachte.<\/p>\n<p>Und in <em>Wien<\/em> war auch die intellektuelle Bewegung von einer ganz speziellen Art von Intel\u00adlektuellen gepr\u00e4gt. Die Aktionisten, Nitsch, Ossi Wiener, werden heute von den gutb\u00fcrgerli\u00adchen Bl\u00e4ttern wie die \u201ePresse\u201c hochgejubelt. Eine gewisse Ausnahme ist M\u00fchl, dessen Kom\u00admune nicht in das heutige Klima der neuen Pr\u00fcderie passt. Gibt es etwas Kennzeichnenderes? Wir k\u00f6nnen ruhig beiseite lassen, dass dieselbe \u201ePresse\u201c, die da heute hagiographisch \u00fcber die Aktionisten von 1968 schreibt (zu denen heimlich auch ihr Redakteur Malte Olschewski ge\u00adh\u00f6rt haben soll), damals w\u00fcst gehetzt hat, wie die \u201eKronenzeitung\u201c oder der l\u00e4ngst verbliche\u00adne \u201eExpress\u201c auch. Aber was soll eigentlich an den Aktionisten links gewesen sein? Was ist so fortschrittlich daran, im H\u00f6rsaal 1 auf den Tisch zu schei\u00dfen? \u2013 Der n\u00e4chste Schritt im \u201elinken Forderungs-Katalog\u201c war sodann dem gleichwert: In Parallele zum \u201eStudienhonorar\u201c wollten die verkannten K\u00fcnstler einfach mehr materielle Privilegien.<\/p>\n<p>Es gab eine Gemeinsamkeit in der so unterschiedlichen Entwicklung in Paris, Berlin oder Frankfurt und Wien:<\/p>\n<p>Damals, sp\u00e4testens, trennten sich die angeblich Linken, die Linksliberalen n\u00e4mlich, endg\u00fcltig von der Masse der Bev\u00f6lkerung. Dar\u00fcber k\u00f6nnen und m\u00fcssen wir reden. Denn diese Massen waren tats\u00e4chlich in hohem Ma\u00df reaktion\u00e4r. Wie h\u00e4tte dies auch anders sein k\u00f6nnen, nach Jahrzehnten zuerst von SP\u00d6 \/ SPD, dann von NSDAP, und dann wieder von SP\u00d6, SPD und CDU? Dass man diese reaktion\u00e4re Haltung nicht mitmacht, dass man sie angreift, war ganz in Ordnung. Die Frage ist nur, welche Folgen man daraus zieht.<\/p>\n<p>Der entscheidende Punkt w\u00e4re gewesen: Man h\u00e4tte diese Bedingungen <em>realistisch<\/em> analysieren m\u00fcssen. Realistisch analysieren hei\u00dft, sich nicht auf das einzige Schlagwort <em>Manipulation<\/em> zur\u00fcck zu ziehen. Ich erinnere mich an eine Diskussions-Veranstaltung mit Johannes <em>Agnoli<\/em>, der eben ein links viel gelesenes Buch (\u201eTransformation der Demokratie\u201c) geschrieben hatte. Ein versprengter Liberaler hatte sich in den H\u00f6rsaal gewagt und stellte an Agnoli die Frage: Aber warum kandidieren Sie nicht und stellen sich einer Wahl? Und Agnoli hatte keine andere Antwort parat als zu sagen: Wenn Sie mir das Wahlkampf-Budget einer unserer gro\u00dfen Parteien geben, werde ich das tun\u2026<\/p>\n<p>Vor allem d\u00fcrfen wir \u00fcber Eines nicht hinweg gleiten: Die Bed\u00fcrfnisse von Intellektuellen und Unterschichten sind nicht dieselben. Das hei\u00dft nicht, dass die intellektuellen Bed\u00fcrfnisse nicht ihre Berechtigung h\u00e4tten. Der junge Marx hat, in diesem Punkt vielleicht auch ein wenig unreflektiert, seine Intellektuellen-Bed\u00fcrfnisse mit den Bed\u00fcrfnissen der fortschreitenden Menschheit gleichgesetzt. Also nicht die Intellektuellen m\u00fcssen sich auf das Massen-Niveau begeben, sondern die Massen m\u00fcssen die materiellen M\u00f6glichkeit haben, \u00fcber die reinen Basis-Bed\u00fcrfnisse hinaus andere, vielleicht weiter reichende Bed\u00fcrfnisse zu entwickeln, ein wirklicher Mensch zu werden.<\/p>\n<p>Das war die Grundlage, die Basis-Idee der Marx\u2019schen Befreiungs-Theorie und des Gedan\u00adkens vom revolution\u00e4ren Subjekt: Das Proletariat, die Unterschichten, muss sich selbst be\u00adfreien, um als Menschen \u00fcberleben zuu k\u00f6nnen. Damit befreien sie die ganze Menschheit, weil sie damit die Klassen-Spaltung aufheben.<\/p>\n<p>In dieser fundamental-strukturellen Auffassung gibt es aber mehrere gef\u00e4hrliche Abk\u00fcrzun\u00adgen. An ihnen kann man schon den Weg verlieren. Die Gleichheit dieses Interesses an der allgemeinen Befreiung zwischen den Unterschichten und einem progressiven Teil \u2013 einem intellektuellen Teil? \u2013 der Mittelschichten ist kein Automatismus. Er ist keineswegs immer und in jedem historischen Augenblick gegeben. Es scheint, als ob derzeit die Gruppe der Intellektuellen beinahe geschlossen zwischen sich und den Unterschichten einen Antagonis\u00admus sieht. Sie stellen sich entschlossen auf die Seite der Eliten. Oder ist das eine okzidentale (Denk-) Beschr\u00e4nkung?<\/p>\n<p>In der Mitte des 19. Jahrhunderts war diese Identit\u00e4t zumindest im politischen Antagonismus gegen das Alte Regime gegeben. 1848 war die gro\u00dfe Stunde dieser nat\u00fcrlichen Koalition. Aber sie ging schnell vorbei. Die B\u00fcrger und die Mittelschichten bekamen es mit der Angst. Sie sahen ihre Interessen daher eher auf Seiten des leicht reformierten, des transformistischen Staats. Im Deutschen Reich wenig sp\u00e4ter wurde Bismarck zum Heros des B\u00fcrgertums. Der dankte es ihm nicht, sondern versuchte, dieses B\u00fcrgertum in seine eigenen Entw\u00fcrfe hinein zu schrecken: Dazu wollte er Lasalle benutzen \u2013 und Lasalle war bereit, darauf einzusteigen\u2026.<\/p>\n<p>Eine weitere Problematik ist das Verh\u00e4ltnis zwischen gegebenen allt\u00e4glichen Lebenswelten und kulturellen Orientierungen und Interessen in einer mittleren und l\u00e4ngeren Frist. Historisch stellten die Bauern das Parade-Beispiel. Immer wieder lie\u00dfen sie sich von den Eliten und deren Mittelsm\u00e4nnern, in Europa waren dies vor allem Geistliche, instrumentalisieren. Dabei h\u00e4tten sie nach ihren l\u00e4ngerfristigen Interessen unbedingt an der Seite der st\u00e4dtischen Unter\u00adschichten und, in der Moderne, der Arbeiter stehen m\u00fcssen. Heute ist dies ein Hauptproblem der Unterschichten in ihrem Verh\u00e4ltnis zu konservativen und reaktion\u00e4ren Kr\u00e4ften \u2013 das eigentliche \u201ePopulismus-Problem\u201c. Die heutigen Plebeier sehen sich in ihren kulturellen Identit\u00e4ten viel eher durch die provinziellen Reaktion\u00e4re der Rechten repr\u00e4sentiert. Mit den globalistischen (\u201eLinks\u201c-) Liberalen wollen sie nichts zu tun haben.<\/p>\n<p>Und was hat dies Alles mit 1968 zu tun?<\/p>\n<p>Die Linksliberalen haben ihre Wahl klar getroffen. Sie entschieden sich f\u00fcr ihre eigenen Inter\u00adessen, f\u00fcr die Globalisierung, gegen eine Solidarit\u00e4t mit den Beherrschten, f\u00fcr die Solidarit\u00e4t mit den Eliten. <strong>Ihre politische Organisation ist heute die EU<\/strong>.<\/p>\n<p>Die Linke war auch damals minorit\u00e4r. Und sie wurde zerrissen und aufgerieben in mehreren <em>Cleavages<\/em>: jenem zwischen der lokalen Lebenswelt und dem Internationalismus; der eigenen kulturellen Identit\u00e4t und dem Engagement f\u00fcr die Unterschichten und die Dritte Welt; und Einiges Andere. Die Reste der Linken haben es nicht geschafft, eine Synthese der eigenen Lebenswelt und ihrer politischen Einstellung herzustellen. 1968 wurde damit in vielerlei Weise zu einem Symboldatum. Das Jahr kennzeichnet das Scheitern der Intellektuellen als eine progressive Kraft. Es markiert aber auch das Scheitern der traditionellen Linken. F\u00fcr die damaligen Probleme haben wir bis heute keine g\u00fcltige Antwort gefunden. Wir m\u00fcssen sehr acht geben, dass dies kein endg\u00fcltiges Scheitern wird.<\/p>\n<p>Albert F. Reiterer, 1. August 2018<\/p>\n<p><em>Lieb, Wolfgang<\/em> (2018), 50 Jahre danach \u2013 Erfahrungen in und mit der 68er Bewegung. Bergkamen: pad.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dutschkes Rad nach dem Mordversuch Das Jahr 1917 haben wir erinnert und reflektiert. 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