{"id":1728,"date":"2018-09-23T10:22:49","date_gmt":"2018-09-23T08:22:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.euroexit.org\/?p=1728"},"modified":"2018-09-23T10:22:49","modified_gmt":"2018-09-23T08:22:49","slug":"italiens-abstieg-der-euro-und-oesterreich-nochmals-beitraege-zur-waehrungs-debatte-von-alberto-bagnai","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.euroexit.org\/index.php\/2018\/09\/23\/italiens-abstieg-der-euro-und-oesterreich-nochmals-beitraege-zur-waehrungs-debatte-von-alberto-bagnai\/","title":{"rendered":"ITALIENS ABSTIEG, DER EURO UND \u00d6STERREICH: Nochmals Beitr\u00e4ge zur W\u00e4hrungs-Debatte von Alberto Bagnai"},"content":{"rendered":"<p>In einem h\u00f6chst technischen Artikel f\u00fcr eine \u00f6konometrische Zeitschrift (<em>Bagnai<\/em> 2016) pr\u00e4\u00adsentiert der \u00d6konom und italienische Politiker seine Ergebnisse aus einer Untersuchung \u00fcber den Abstieg Italiens in den letzten 2 \u2013 3 Jahrzehnten. W\u00e4hrend das Wirtschaftswachstum bis in die 1990er deutlich \u00fcber jenem der heutigen \u20ac-Zone lag, und vor allem auch \u00fcber jenem des Kerns, des Zentrums, \u00e4ndert sich dies mit der Ausrichtung auf die W\u00e4hrungsunion. Aus seinen Daten (z. B. <em>Graphik 2<\/em> zur Arbeitsproduktivit\u00e4t) wird der erste Bruch 1990\/1991 deut\u00adlich, beim Eintritt in den \u201eharten\u201c (\u201eglaubw\u00fcrdigen\u201c) Wechselkurs-Mechanismus; der zweite und entscheidende, weil nicht mehr aufgeholte Bruch ergab sich 1996. Damals gab es wieder einen Politikwechsel zu einer Aufwertungs-Politik, und die sogenannten \u201eArbeitsmarktrefor\u00admen\u201c, n\u00e4mlich die \u201eFlexibilisierung\u201c und Lohnsenkung \u2013 ziemlich genau das, was die \u00f6sterreichische Regierung jetzt auch durchdr\u00fcckt \u2013 begannen zu wirken. Merken wir uns dieses Detail vor!<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte hinzuf\u00fcgen, was <em>Bagnai<\/em> in der wissenschaftlichen Zeitschrift vermutlich nicht schreiben durfte: Die erste Ma\u00dfnahme, der Beitritt zum EMS, wurde noch von einer Regie\u00adrung durchgef\u00fchrt, die in der Tradition der Christdemokraten stand, aber bereits von den nun \u201ePostkommunisten\u201c, also der sich eben zur Rechts-Sozialdemokratie wandelnden Ex-KPI geduldet wurde (Ministerpr\u00e4sidenten Andreotti 1989\/92, Amato 1992\/93, Ciampi 1993\/94). Die zweite Runde, u. a. die Verschlechterungen auf dem Arbeitsmarkt, f\u00fchrten bereits Regie\u00adrungen durch, welche direkt von der Ex-KPI gest\u00fctzt und gef\u00fchrt wurden, unter dem Namen \u201eUlivo\u201c (die \u201ctechnische\u201c Regierung Dini 1995\/96 eingeschlossen; dann Prodi 1996\/98, d\u2019Alema 1998\/2000, der sich heute wieder als \u201eOppositioneller\u201c gegen Renzi geriert, und Amato 2000\/2001). Und dann haben sich die Sozialdemokraten gewundert, dass Berlusconi wieder die Wahl gewann und f\u00fcnf Jahre Ministerpr\u00e4sident war.<\/p>\n<p>Doch gehen wir zur\u00fcck zur \u00f6konomischen Basis! Bagnai versucht die italienische Krise mit au\u00dfenwirtschaftlichen Bedingungen (<em>balance of payment-constraints<\/em>) zu erkl\u00e4ren. Da eine Abwertung nicht mehr m\u00f6glich ist, schl\u00e4gt nun die deutsche Politik \u2013 gefolgt von \u00d6sterreich, den Benelux-L\u00e4ndern und Finnland \u2013 einer \u201einneren Abwertung\u201c, also des Lohndrucks und der damit nicht nur m\u00f6glichen, sondern notwendigen (denn wer kauft sonst die Produkte?) Gewinnsteigerung in der Au\u00dfenwirtschaft, voll durch.<\/p>\n<p>Italien allerdings hatte im ersten Jahrzehnt eine eigenartige Zwitterstellung zwischen dem \u20ac-Kern und der \u20ac-Peripherie. Die Peripherie wuchs infolge spekulativer Investitionen, und eben\u00adso spekulativ bedingt durch deutlich niedrigere Zinsen als zuvor, bis 2008 schneller als der Kern. Italien aber hatte in seinem Au\u00dfenhandel zwar schon erhebliche Verluste gegen die real abwertenden Wirtschaften des Kerns (L\u00e4nder siehe oben) hinzunehmen. Es konnte aber seine Situation insgesamt durch seine Stellung gegen\u00fcber der Peripherie infolge deren Wachstums (technisch: infolge h\u00f6herer Einkommens-Elastizit\u00e4ten des Exports in diese L\u00e4nder) noch irgendwie ein wenig retten, wenn es auch bereits stagnierte. Das war 2008 vorbei, und damit kam der gro\u00dfe Jammer auch \u00fcber Italien.<\/p>\n<p>Hier kommt die gro\u00dfe Schw\u00e4che dieses Beitrags von <em>Bagnai<\/em> durch. Er behandelt Italien als eine Einheit. Doch wie alle wissen, besteht das Land aus einem hoch entwickelten Norden und einem peripheren S\u00fcden samt Inseln. Man m\u00fcsste also die unterschiedliche Wirkung auf die diversen Landesteile absch\u00e4tzen, wenn man wirklich einen Eindruck von der nicht nur wirtschaftlichen, sondern auch politischen Situation bekommen wollte. Es war schlie\u00dflich nicht zuf\u00e4llig, dass der erste gro\u00dfe Durchbruch der M5S bei den Regionalwahlen in Sizilien gelang. Nur nebenbei: Bagnai selbst wurde in einem Wahlkreis in den Abruzzen gew\u00e4hlt.<\/p>\n<p>Italien ist also ein Land auf halben Weg zwischen Peripherie und Zentrum, wenn man es als Einheit sehen will \u2013 auch wenn dies eine schiefe Betrachtung ist. Im Rahmen des Eurosys\u00adtems verliert es gegen\u00fcber den Zentren. Aber wer und welche Landesteile verlieren? Die Gewinne von Seiten der Peripherie reichten schon im ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts nicht aus, um diesen Verlust wett zu machen. Tats\u00e4chlich wuchs ja auch die soziale und politische Unzufriedenheit bereits in dieser Zeit massiv. Eine Zeitlang schien Berlusconi f\u00fcr seine Sch\u00e4fchen noch zu sorgen. Er f\u00fchrte die von ihm verlangten \u201eReformen\u201c einfach nicht oder i. S. der Br\u00fcsseler und Berliner Auftrag-Geber nur unzul\u00e4nglich durch.<\/p>\n<p>Man setzte ihn daher in einem regelrechten Putsch ab und Monti an seine Stelle. Aber noch gibt es Wahlen in Italien. Monti, der genau das tat, was die zentralen Eliten von ihm wollten, wurde bei der Wahl mit Schimpf und Schande davon gejagt. Bersani, der brave und ziemlich beschr\u00e4nkte PD-Sekret\u00e4r und Minister-Pr\u00e4sident, wollte Montis Politik weiter f\u00fchren. Aber da kam der aufgeblasene <em>rottamattore<\/em> Renzi und man\u00f6vrierte ihn ins Abseits. Inzwischen wurde der Verschrotter aber selbst verschrottet. Und die neue Regierung gewinnt mehr und mehr an Zustimmung, und sowohl Renzi wie auch Berlusconi verlieren noch und noch. Sie k\u00f6nnten sich ja zusammenschlie\u00dfen. Die Demokratische Renzi-Partei will sich ohnehin aufl\u00f6sen.<\/p>\n<p>Leider endet Bagnais Untersuchung mit dem Jahr 2010. Wir k\u00f6nnen uns allerdings die weiteren Entwicklungen ausmalen, zumal wir sie mit dem freien Auge sehen. Mit dem Zusammenbruch der Peripherie verschwand auch die bescheidene Erleichterung, welche deren Wachstum und deren eifrige Importe aus Italien f\u00fcr das Land noch bewirkt hatten. Damit vertiefte sich die italienische Krise. Bagnai hat seine Folgerung daraus gezogen, obwohl er sie gegenw\u00e4rtig als Politiker wieder etwas zur\u00fcck h\u00e4lt. Er sprach sich eindeutig f\u00fcr den Austritt Italiens aus der \u20ac-Zone aus und versuchte auch, die Folgerungen auf eine seri\u00f6se Weise, leider wieder f\u00fcr Nicht-\u00d6konomen praktisch unverst\u00e4ndlich, abzusch\u00e4tzen (<em>Bagnai<\/em> u. a. 2017).<\/p>\n<p>Hier sind noch einige Details anzumerken.<\/p>\n<p>Sogenannte \u201eArbeitsmarkt-Reformen\u201c haben in der Regel einen <strong>negativen<\/strong> Einfluss auf die Arbeits-Produktivit\u00e4t. Insbesondere Teilzeit-Besch\u00e4ftigte bremsen laut einer neueren Unter\u00adsuchung die Arbeitsproduktivit\u00e4t (<em>Daveri \/ Parisi<\/em> 2010). Nun k\u00f6nnte man verwundert fragen: Wissen dies die Kapitalisten nicht? Wozu bezahlen sie denn ihre intellektuellen Zutr\u00e4ger, die \u00d6konomen? Die Antwort d\u00fcrfte einfach sein: Sie <strong>wollen<\/strong> es nicht wissen! Die Klassenkampf-Mentalit\u00e4t von Oben geht mit ihnen durch. Das ist ja nicht der einzige Fall in dieser Hinsicht. Denken wir an die st\u00e4ndigen Drohungen mit der Abwanderung des Kapitals. Nicht wenige Unternehmen kehren \u2013 wenn sie nicht pleite gegangen sind \u2013 nach einigen Jahren wieder in ihre Ursprungs-L\u00e4nder zur\u00fcck. Denn die gesamte Infra-Struktur, welche sie als selbstver\u00adst\u00e4ndlich voraus setzen, wiegt vor allem in Branchen, wo der Lohnanteil gering ist, die niedrigen L\u00f6hne wieder auf, auch wenn diese in Indien oder in Bangla Desh nur ein Bruchteil der hiesigen L\u00f6hne ausmachen.<\/p>\n<p>Interessant w\u00e4re eine vergleichbare Untersuchung an \u00d6sterreich. Trotz seines bis zum EU-Beitritt und dem \u20ac-Aufbau h\u00f6heren Wachstums und st\u00e4rkerer Produktivit\u00e4ts-Steigerung hat doch die \u00f6sterreichische Wirtschaft Schwachstellen. Diese, etwa der noch immer hohe Anteil des Tourismus und damit einerseits die dort niedrige Produktivit\u00e4t und andererseits die enorme Abh\u00e4ngigkeit von konjunkturellen Schwankungen z. B. in der BRD, erinnern auch manchmal an gewisse periphere Strukturen. Allerdings hat das \u00f6sterreichische Export-Kapital durch die schleichende reale Abwertung erkenntlich gewonnen. Dementsprechend steigt die Ungleichheit.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich stellt sich die Frage nach dem angestrebten Politikbruch in der unmittelbaren Gegenwart. \u00d6konomisch l\u00e4uft dies auf die \u201eNormalisierung\u201c zu Westeuropa hinaus, und damit auf eine Verschlechterung f\u00fcr die unteren und die Mittelschichten. Politisch ist die Regierung aber offenbar eisern entschlossen, dies durchzusetzen, solange sie noch Zeit hat. Vor eineinhalb Jahrzehnten w\u00e4ren zumindest von der FP bereits zwei Minister\/innen ver\u00adschwunden. Die Regierung h\u00e4lt sie, weil sie wei\u00df: Es k\u00f6nnte das ganze Programm ins Rutschen kommen. Und bislang \u2013 aber noch gab es keine Wahlen, und die Demoskopie wird immer unzuverl\u00e4ssiger \u2013 scheint dies zu funktionieren.<\/p>\n<p>Die SP\u00d6 ist dabei, sich selbst zu zerst\u00f6ren. Das w\u00e4re langfristig durchaus zu begr\u00fc\u00dfen. Kurz\u00adfristig ist es eine ambivalente Geschichte. Eine Linke aber existiert nicht bzw. nur auf einer lokalen Insel. Und wir haben keine wirkliche Idee, wie wir die Inhalte an eine zunehmend apathische \u00d6ffentlichkeit bringen k\u00f6nnten. Mit unseren bisherigen Auftritten geht es nicht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Bagnai, Alberto<\/em> (2016), Italy\u2019s decline and the balance-of-payments constraint: a multicountry analysis. In: Int. Rev. of Applied Economics 30, 1 \u2013 26.<\/p>\n<p><em>Bagnai, Alberto \/ Granville, Brigitte \/ Mongeau Ospina, Christian A.<\/em> (2017), Withdrawal of Italy from the euro area: Stochastic simulation of a structural macroeconomic model. In: Economic Modelling 64, 524 \u2013 538.<\/p>\n<p><em>Daveri, F. \/ Parisi, M. L<\/em>. (2010), Temporary Workers and Seasoned Managers as Causes of Low Productivity. Paper\u2026. https:\/\/www.oecd.org\/regreform\/reform\/44537061.pdf<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In einem h\u00f6chst technischen Artikel f\u00fcr eine \u00f6konometrische Zeitschrift (Bagnai 2016) pr\u00e4\u00adsentiert der \u00d6konom und italienische Politiker seine Ergebnisse aus &hellip; <a href=\"https:\/\/www.euroexit.org\/index.php\/2018\/09\/23\/italiens-abstieg-der-euro-und-oesterreich-nochmals-beitraege-zur-waehrungs-debatte-von-alberto-bagnai\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eITALIENS ABSTIEG, DER EURO UND \u00d6STERREICH: Nochmals Beitr\u00e4ge zur W\u00e4hrungs-Debatte von Alberto Bagnai\u201c <\/span>weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"advgb_blocks_editor_width":"","advgb_blocks_columns_visual_guide":""},"categories":[1],"tags":[],"author_meta":{"display_name":"Albert Reiterer","author_link":"https:\/\/www.euroexit.org\/index.php\/author\/albert\/"},"featured_img":null,"coauthors":[],"tax_additional":{"categories":{"linked":["<a href=\"https:\/\/www.euroexit.org\/index.php\/category\/home\/\" class=\"advgb-post-tax-term\">Home<\/a>"],"unlinked":["<span class=\"advgb-post-tax-term\">Home<\/span>"]}},"comment_count":"0","relative_dates":{"created":"Posted 8 Jahren ago","modified":"Updated 8 Jahren ago"},"absolute_dates":{"created":"Posted on 23. 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