{"id":376,"date":"2015-07-03T15:29:53","date_gmt":"2015-07-03T15:29:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.euroexit.org\/?p=376"},"modified":"2015-07-03T15:29:53","modified_gmt":"2015-07-03T15:29:53","slug":"der-deutsche-kampf-gegen-griechenland-die-ideologie-wird-selbstandig","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.euroexit.org\/index.php\/2015\/07\/03\/der-deutsche-kampf-gegen-griechenland-die-ideologie-wird-selbstandig\/","title":{"rendered":"DER DEUTSCHE KAMPF GEGEN GRIECHENLAND: Die Ideologie wird selbst\u00e4ndig"},"content":{"rendered":"<p>Die Springer-Presse \u00fcbertrifft sich selbst. Seit mehreren Monaten ist die S. 2 von BILD weitgehend der Hetze gegen Griechenland und seine Regierung reserviert. Da will sich auch das &#8222;seri\u00f6se&#8220; Flagschiff f\u00fcr Dr. Lieschen M\u00fcller nicht lumpen lassen. &#8222;Die Welt&#8220; schickt ihren Kultur-Chef auf Entdeckungsreise und wird auch f\u00fcndig. Herr Berthold Seewald enth\u00fcllt am 11. Juni 2015 in einem langen Artikel allerdings eine Haltung, \u00fcber die wahrscheinlich selbst die meisten Konservativen nicht gl\u00fccklich sein werden. Das ist nicht mehr eigentlich braun. Das ist tiefschwarz, in einem italienischen Sinn. Das ist vorb\u00fcrgerliche Reaktion, f\u00fcr die man auf bestimmte Theoretiker des Konservatismus aus dem 18. und 19. Jahrhundert zur\u00fcck gehen muss, auf die &#8222;Petersburger N\u00e4chte&#8220; (<em>Les Soir\u00e9es de Saint-P\u00e9tersbourg<\/em>) des Joseph de Maistre von 1821 etwa.<\/p>\n<p>Die falschen Liberalen und die Pseudo-Linken reagieren w\u00fctend, wenn man die EU mit der Heiligen Allianz vergleich. Nun, dieser Herr Seewald von der Welt macht gerade dies in h\u00f6chst affirmativen Sinn. Er wirft den Griechen vor, dass sie schon einmal &#8222;Europas Ordnung&#8220; zerst\u00f6rt h\u00e4tten. Und was meint er damit?<\/p>\n<p>Der griechische Unabh\u00e4ngigkeitskrieg seit 1821 wurde nach einigem Z\u00f6gern von Gro\u00dfbritannien und Frankreich unterst\u00fctzt. Mit der Seeschlacht von Navarino vom Oktober 1827 war die Niederlage der Osmanen besiegelt. Und das &#8222;brachte die Ordnung Europas zum Einsturz&#8220;, wie der &#8222;Welt&#8220;-Journalist voll Empathie mit der Wut des Mettrernich und des Friedrich Gentz schreibt.<\/p>\n<p>Auf diese wahrlich erstaunliche Stellungnahme f\u00fcr Metternichs Absolutismus und die Heilige Allianz setzt der Herr noch einen fast versteckten rassistischen Tupfer drauf. Er schreibt da von den Griechen als &#8222;<a href=\"http:\/\/www.welt.de\/geschichte\/article140470041\/Griechenlands-mittelalterlicher-Systemfehler.html\">einer Mischung aus Slawen, Byzantinern und Albanern<\/a>&#8222;, und das hei\u00dft nat\u00fcrlich in seiner Feder nur das \u00dcbelste.<\/p>\n<p>Um das zu verstehen, muss man ein wenig ausholen. Mitte des 19. Jahrhunderts gab es ein kleines akademisches Skand\u00e4lchen, das jedoch durchaus einen ernsthaften politischen Hintergrund hatte.<\/p>\n<p>Die Philhellenen aus Frankreich, England und dem deutschen Sprachraum hatten die Griechen mit der Brille ihrer Gymnasialbildung betrachtet. Das waren f\u00fcr sie die Nach\u00adkommen des Leonidas, des Themistokles und des Perikles. Sie sahen, ganz wie die Tiermondisten des 20. Jahrhunderts, da ein Volk, das jenen Kampf f\u00fchrte, den sie selbst nicht f\u00fchren konnten oder wollten; dass jene Freiheit errang, welches sie selbst zu Hause au\u00dfer Reichweite sahen.<\/p>\n<p>Doch da trat pl\u00f6tzlich ein deutscher Professor auf, ehemaliger Reisebegleiter eines russischen Adeligen durch den Vorderen Orient, und erkl\u00e4rte allen, die es h\u00f6ren wollten:<\/p>\n<p>Die heutigen Griechen haben mit den alten Griechen nichts zu tun. Sie sind eingewan\u00adderte Slawen, welche assimiliert und schlie\u00dflich eine Variante des Griechischen \u00fcber\u00adnahmen, welche mit dem klassischen attischen oder ionischen Griechisch von einst wenig gemeinsam hat.<\/p>\n<p>Es war gegen die Mitte des 19. Jahrhunderts, als dieser bis dato unbekannter S\u00fcdtiroler Sprachwissenschafter diese These publizierte. Sie machte ihn schlagartig ber\u00fchmt. <strong>Johann Jakob Fallmerayer<\/strong> (1790 \u2013 1861) provozierte ganz bewusst die philhellenische deutsche und westeurop\u00e4ische \u00d6ffentlichkeit seiner Zeit, die eben tatkr\u00e4ftig, finanziell und durch Druck auf ihre jeweiligen Regierungen, die Gr\u00fcndung eines neugriechischen Staats und in der Folge seiner Nation betrieben hatte. Doch er meinte es nicht nur als Provokation, er meinte, was er sagte. Und er w\u00fcnschte damit den Griechen kein Kom\u00adpliment zu machen. Er l\u00e4sst keinen Zweifel daran: F\u00fcr die Slawen hatte er nichts \u00fcbrig.<\/p>\n<p>Dabei verarbeitete er seine Erfahrungen aus der ausgedehnten Orientreise in eine Kritik an den g\u00e4ngigen Auffassungen. Der eigentliche Witz ist: Jakob Philipp <em>Fallmerayer<\/em> brachte eine Reihe valider Argumente gegen diese Kontinuit\u00e4tsthese seit der Antike vor. Doch er tat dies aus der Denkweise des damaligen fr\u00fchen auf Biologismus begr\u00fcndeten Ethno-Nationalismus. Er l\u00e4sst die Griechen von den \u201eSlawen\u201c abstammen. Und das ist in seiner Sicht ganz und gar nicht schmeichelhaft gemeint. Er wird schlie\u00dflich in eine reine Geschichtsmystik abgleiten. Den Nazis gefiel dies und sie sandten w\u00e4hrend des Zweiten Weltkriegs ihren Soldaten Heftchen mit Fallmerayers Schriften an die Front nach (<em>Fallmerayer<\/em> 1943).<\/p>\n<p>Gegen \u201eden Hellenenglauben jener Deutschen &#8230;, welche die Gem\u00fctsbewegung der Jahre 1821 \u2013 27 geteilt und empfunden haben\u201c, ruft <em>Fallmerayer<\/em> (1845, 379 und 277) die eigene Erfahrung zum Zeugen: \u201eH\u00e4tten wir denn umsonst der Reihe nach alle Provinzen des byzantinischen Reiches durchwandert und besucht?\u201c Die griechische Nation ist also ein hellenisierendes westeurop\u00e4isches Missverst\u00e4ndnis, welches von der Aufkl\u00e4rung und ihren Intellektuellen auf den Balkan exportiert wurde. Die Entwicklung dieser Nation war dann \u2013 in diesem extrem \u00fcberspitzten Sinn \u2013 ein reiner Zufall aus einer Kombination von westeurop\u00e4ischen Stimmungen, osmanischem Modernisierungsversagen und politischen Strukturtendenzen im Bereich des gr\u00f6\u00dferen Europa. Fallmerayer hat da gar nicht so unrecht. \u00c4hnliches lie\u00dfe sich allerfdings von den meisten Nationen sagen. Die Rum\u00e4nen wurden in Paris erfunden, die Slowaken im Mittleren Westen der USA; usw.<\/p>\n<p>Die Akteure in der Geschichtsauffassung <em>Fallmerayers<\/em> sind \u201e\u00dcbernationen\u201c, n\u00e4mlich tats\u00e4chlich Sprachfamilien: die Germanen, die Slawen, usw. Das ist der Intellektuelle des 19. Jahrhunderts, wo im Hintergrund auch eine rassistische Grundannahme steht. Wie aber kommt er eigentlich zu einer solchen Auffassung, die er im \u00fcbrigen mit vielen Intellektuellen seiner Zeit und manchen Nationalisten von sp\u00e4ter, ja bis heute, teilte? Die Frage ist umso mehr angebracht, als zu seiner Zeit, so um die 1840 herum, die eigentli\u00adchen politischen Akteure noch die Dynastien und ihre kleine Hilfsgruppe (der \u201eHof\u201c) war. Etwas sp\u00e4ter wollten es \u201edie Nationen\u201c werden und wurden es auch, n\u00e4mlich die Intellektuellen und die entsprechenden oberen Mittelschichten, die sich in Europa paradigmatisch in den Liberalen wieder fanden, die ein enges B\u00fcndnis mit den alten Eliten, dem Adel und den H\u00f6fen, eingingen. Niemals aber waren die Sprachfamilien aktiv, weder in einer Elite noch gar als Volk. <em>Fallmerayers<\/em> und seiner Geistesverwandten Auffassung war somit <strong>pure historische Ideologie<\/strong>. Er war konservativer Ideologe mit katholischen ebenso wie mit biologistischen Wurzeln. So konnte er denn auch in der europ\u00e4ischen Nationen-Entwicklung nicht den Staatsaufbau aus der traditionalen Gesellschaft heraus und seine Prozesse erkennen und den darin ausgetragenen Widerspruch zu einer heraufziehenden Moderne. Ein bisschen grotesk wirkt es, wenn er st\u00e4ndig vom gro\u00dfen Gegensatz von Rom und Byzanz spricht. Allerdings findet man dies auch heute noch bei konservativen Politikern und Ideologen. Wenn wir allerdings heute solche Entwicklungs- und Kultur-Gegens\u00e4tze schon an konfessionellen Grenzen festmachten, w\u00fcrden wir eher von Luther gegen Rom und Byzanz sprechen.<\/p>\n<p><em>Fallmerayer<\/em> ist heute daher in Westeuropa weitgehend vergessen. Aber viele Griechen tragen ihm seine Behauptungen von ihrer slawischen Herkunft bis heute nach. \u201eNicht so wie Fallmerayer!\u201c d\u00fcrfe er die griechische Geschichte behandeln, forderte die Wirtin eines griechischen Restaurants in M\u00fcnchen einen Osteuropa-Experten auf, als dieser erz\u00e4hlte, dass er sich auch mit Griechenland befasse.<\/p>\n<p>Was ist so schlimm an <em>Fallmerayer<\/em> These? Vor allem aber: Was ist dran aus einer analyti\u00adschen Sicht? Wo hat er recht? Oder liegt er v\u00f6llig falsch?<\/p>\n<p><strong>Er setzt Nation mit Abstammung, ja mit &#8222;Rasse&#8220; gleich. Dass eine politische K\u00f6rperschaft eine lange Abstammungstradition hat, ist \u00fcblich. Dass sie dadurch definiert wird, ist schlichtweg Rassismus. Wie gesagt: Es war kein Zufall, dass die Nazis Fallmerayer sch\u00e4tzten.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Griechenlands<\/strong> Existenz als Nationalstaat begann 1828. Aber wann entstand die griechi\u00adsche Nation? <em>Woodhouse<\/em> (1998) beginnt die Erz\u00e4hlung in seiner \u201cShort History of Greece\u201d \u2013 so hie\u00df die erste Auflage des Buches 1960 \u2013 mit der Gr\u00fcndung von Konstantinopel. Bei <em>Vakalopoulos<\/em> (1986) kommt dieses Datum auch; aber er beginnt tats\u00e4chlich noch fr\u00fcher und wiederholt im Grund die Kontinuit\u00e4ts-These. Alle m\u00fcssen also eine Kontinuit\u00e4t Griechenlands und der Griechen durch die ganze byzantinische \u00c4ra annehmen. Die Vorstellung ist auch im deutschen Sprachraum unter dem Einfluss altsprachlicher (\u201ehumanistischer\u201c) Bildung, d,. h. konservativer Ideologie, weit verbreitet. Das Problem vieler Griechen bis heute ist, dass sie auf diese Mythologie nur zu gerne einsteigen.<\/p>\n<p>Nun kommt also ein extrem reaktion\u00e4rer deutscher Journalist und kramt diese ganze Geschichte wieder hervor, um ein aktuelles politisches Kampf-Instrument daraus zu machen. Das d\u00fcrfte zweierlei besagen: Die Herrschenden f\u00fcrchten sich wirklich vor dem griechischen Neuansatz. Das ist nun ziemlich wichtig. Daher versuchen sie, zweitens, die Angelegenheit auf eine h\u00f6here Ebene, auf die kulturelle zu heben. Es geht nicht mehr nur um die Interessen, z. B. der deutschen Exportwirtschaft oder der griechischen Bev\u00f6lkerung an einem Ende der Austerit\u00e4t und an Wachstum. Es geht um mehr. Es geht um &#8222;Europas Ordnung&#8220;, es geht offenbar um die Kultur des Abendlands.<\/p>\n<p>Wenn solche T\u00f6ne heute angeschlagen werden, ist das ein ziemlich sicheres Zeichen einer gewissen Verzweiflung. Insofern k\u00f6nnte uns diese retrograde Publizistik fast optimistisch stimmen. Leider sind die Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse so ungleich, dass dies wohl ein \u00dcberoptimismus w\u00e4re. Was bleibt, ist reiner, schmutziger Kampf mit allen Mitteln.<\/p>\n<p><strong>Literatur<\/strong><\/p>\n<p><em>Fallmerayer, Johann Jakob<\/em> (1845), Fragmente aus dem Orient. Stuttgart\/T\u00fcbingen: Cotta<\/p>\n<p><em>Fallmerayer, Johann Jakob<\/em> (1857), Das albanesische Element in Griechenland. M\u00fcnchen: Verlag der k\u00f6niglichen Akademie.<\/p>\n<p><em>Fallmerayer, Johann Jakob<\/em> (1943), Hellas und Byzanz. Weimar: B\u00f6hlau.<\/p>\n<p><em>Vakalopoulos, Apostolos<\/em> (1985), Griechische Geschichte von 1204 bis heute. K\u00f6ln: Romiosini.<\/p>\n<p><em>Woodhouse, C. M.<\/em> (1991), Modern Greece. A Short History. London: Faber &amp; Faber.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Springer-Presse \u00fcbertrifft sich selbst. 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