{"id":636,"date":"2015-12-17T13:22:20","date_gmt":"2015-12-17T12:22:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.euroexit.org\/?p=636"},"modified":"2017-02-20T01:12:46","modified_gmt":"2017-02-20T00:12:46","slug":"ausenhandelsuberschusse-staatsverschuldung-und-profite-die-gedankenspiele-der-okonomen-und-ihre-realen-bedeutungen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.euroexit.org\/index.php\/2015\/12\/17\/ausenhandelsuberschusse-staatsverschuldung-und-profite-die-gedankenspiele-der-okonomen-und-ihre-realen-bedeutungen\/","title":{"rendered":"AU\u00dfENHANDELS\u00dcBERSCH\u00dcSSE, STAATSVERSCHULDUNG UND PROFITE. Die Gedankenspiele der \u00d6konomen und ihre realen Bedeutungen"},"content":{"rendered":"<p>Profit l\u00e4sst sich zerlegen in: Konsum der Kapitalisten, Investition, den Au\u00dfenhandels-\u00dcber\u00adschuss und die laufende (Netto-) Staatsverschuldung. Dies ist eine originelle &#8222;Analyse&#8220; von Micha\u0142 Kalecki (1899 \u2013 1970). Der war ein polnischer \u00d6konom und Links-Keynesianer; manche nennen ihn ehrf\u00fcrchtig einen Vorl\u00e4ufer von Keynes. Er legte dabei Kreislauf-\u00dcberlegungen zu Grunde. Die Aussage soll als das gesehen werden, was \u00f6konomische &#8222;Theorie&#8220; die l\u00e4ngste Zeit war und ist: ein &#8222;L\u00e4ngeres Gedankenspiel&#8220; \u2013 \u00a9 Arno Schmidt; Schmidt sprach dabei allerdings von Belletristik und Karl May, nicht von so seri\u00f6s-gravit\u00e4\u00adtischen Wissenschaften wie der \u00d6konomie. Es war \u00fcbrigens Joan Robinson, eine andere Links-Keynesianerin, welche diesen Charakter der \u00d6konomie hervorhob, zumindest in ihren Anf\u00e4ngen.<\/p>\n<p>Diese Zerlegung beruht zwar auf einer &#8222;heroischen Simplifizierung&#8220; (Hyman P. Minsky). Aber sie gibt einen h\u00f6chst anregenden Ausgangs-Impuls. Obwohl ein Kreislauf-Argument, weist sie n\u00e4mlich auf die Motivation hin, welche z. B. die deutsche Wirtschaft und die deutsche Wirtschaftspolitik in ihrer schon fast verr\u00fcckten, jedenfalls aber destruktiven Jagd nach Au\u00dfenhandels-\u00dcbersch\u00fcssen treibt. Export-\u00dcbersch\u00fcsse sind eine der wesentlichen Quellen, woraus sich hohe Profite alimentieren. Um solche aber zu erreichen, braucht es vorher schon niedrige, &#8222;zu niedrige&#8220;, L\u00f6hne. Insofern z\u00e4umt man mit dieser Behauptung das Pferd beim Schwanz auf.<\/p>\n<p>Flassbeck und Genossen aus der linkskeynesianischen Tradition haben auch diesen Zugang gew\u00e4hlt. Sie sind damit auf dem besten Weg, die fundamentale Rolle der Verteilung f\u00fcr die derzeitigen Probleme zu erkennen. Im Weg steht ihnen nur mehr der Keynesianismus selbst. Mit seiner vordergr\u00fcndigen Betonung des Kreislaufs vergisst Keynes st\u00e4ndig auf das viel fundamentalere Problem der Verteilung. Er \u00fcbersieht den Wald vor lauter B\u00e4umen.<\/p>\n<p>Bei dieser Kalecki-Formel stellt sich aber eine wesentliche politische Frage: Wenn Profite, unter anderem, aus Staatsschulden bestehen, warum stellen sich dann die Konservativen so erbittert gegen Staatsschulden?<\/p>\n<p>Daf\u00fcr gibt es eine Reihe von Motiven.<\/p>\n<p>Das erste und wahrscheinlich unwichtigste ist rein dogmatischer Natur. F\u00fcr neoklassische und heute neoliberale \u00d6konomen ist der Staat an sich des Teufels. Nochmals ein Schlenker zu Kalecki: Er nennt die Netto-Verschuldung einen &#8222;Binnen-Export&#8220;. Die groteske Vorstellung dahinter ist: Der Staat &#8222;geh\u00f6rt nicht zur Wirtschaft&#8220;. So ist es kein Zufall, dass es insbesonde\u00adre die Professoren sind, welche besonders grimmig gegen die Staatsverschuldung w\u00fcten. Sie haben allerdings Einfluss auf die Politik, wo ihre Adlaten sitzen, ob in der EZB, der EU-Kom\u00admission oder im Fed.<\/p>\n<p>Die Abneigung gegen den Staat wuchs umso st\u00e4rker, als der Staat seit dem Zweiten Weltkrieg f\u00fcr kurze Zeit zum Sozialstaat wurde. Damit kommen wir zum zweiten Motiv. Das ist wesent\u00adlich wichtiger. Staat hat in der Periode des Politischen Keynesianismus mit einem gewissen Erfolg versucht, die Prim\u00e4r-Verteilung ein wenig zu korrigieren. Die Mittel- und Unterschich\u00adten sollten eine Garantie gegen die unvermeidbaren Wechself\u00e4lle des Lebens erhalten, spezi\u00adell auch gegen die Arbeitslosigkeit. Das ging nicht nur teilweise (aber nur teilweise!) auf Kosten der Profite und der besser Verdienenden. Vor allem schw\u00e4chte es kurzfristig die Verhandlungs- und Macht-Position des Kapitals. Ein wesentliches Disziplinierungs-Mittel verlor einige seiner Giftz\u00e4hne.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich aber strebt das Kapital im allgemeinen und das Finanzkapital im besonderen eine gesellschaftliche Organisation an, wo es selbst die Rahmenbedingungen festlegt und die Lebensumst\u00e4nde der Menschen bestimmen kann. Staat ist, insbesondere in Zeiten des allgemeinen Wahlrechts, stets ein Risiko-Faktor f\u00fcr die Herrschenden der Grundstruktur. Nicht dass man daher die sich anbietenden Profite aus der Staatsverschuldung verachtet \u2013 ganz im Gegenteil. Aber vor die Wahl gestellt, ob man sie einstreift oder ob man eine Deregulierung bevorzugt, ist zumindest f\u00fcr das Finanzkapital die Wahl klar.<\/p>\n<p>Keynesianismus will die Nachfragel\u00fccke in einer Unterkonsumtions-Situation f\u00fcllen: Die kann durchaus auch ein &#8222;Gleichgewicht&#8220; auf zu tiefer Ebene sein, wo hohe Arbeitslosigkeit herrscht. Dazu ruft er den Staat auf, sich zu verschulden. In Kaleckis Gedankengang und in der Wirklichkeit hei\u00dft das: indem er nochmals die Profite erh\u00f6ht. Damit sollte aber klar sein: Das hei\u00dft den Teufel mit Belzebub austreiben. Das kann auf Dauer gar nicht funktionieren. Irgendwann muss der Staat die Schulden zur\u00fcck zahlen. Mit welchen Mitteln? Au\u00dferdem hei\u00dft dies in der Logik von Kalecki: Er senkt diesmal die Profite.<\/p>\n<p>Wenn man aber von der Verteilung ausgeht und dazu auch noch die Kreislauf-Analyse be\u00adr\u00fccksichtigt, bietet sich eine ganz andere Politik an. Offensichtlich sind die Profite zu hoch, nicht zu niedrig. Man muss die Verteilung korrigieren. Ein erster Schritt dazu w\u00e4re: Man muss die \u00fcbersch\u00fcssigen Profite wegsteuern, um die Nachfragel\u00fccke zu verkleinern bzw. zu f\u00fcllen.<\/p>\n<p>Aber das ist noch nicht Alles. Keynesianische Politik in einer Welt der offenen Grenzen und der Kapitalverkehrs-Freiheit zwischen Gebieten (L\u00e4ndern) unterschiedlicher Produktivit\u00e4ts-Entwicklung ist an sich bereits zum Scheitern verurteilt. Wenn die 300 Mrd. \u20ac des Herrn Juncker \u2013 die sich bei n\u00e4herem Zusehen noch dazu auf l\u00e4ppische 3 Mrd. \u20ac reduzieren \u2013 irgend einen Effekt tun sollten, werden die Milliarden dorthin flie\u00dfen, wo sie am ehesten und am leichtesten einen Gewinn erkennen. Dann werden sie die deutsche Wirtschaft ein klitzeklein wenig f\u00f6rdern und so die Differenzen zur Peripherie noch vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n<p>Quantitative Easing hingegen ist die kostspieligste und im Aufwand-Ertrags-Verh\u00e4ltnis am wenigsten effektive Art der Wirtschaftspolitik. Dieser monetaristische Keynesianismus verfolgt offen das Ziel, die ohnehin hohen Profite nochmals zu steigern. In den USA hat er nach mehr als einem halben Jahrzehnt ein bisschen Wirkung gezeigt \u2013 aber zu welchen Kosten! Der Gini-Koeffizient zeigte in der Finanzkrise einen kleinen Knick nach unten. Nunmehr geht er wieder nach oben. Und dabei ist der Gini-Koeffizient keineswegs das geeignetste Ma\u00df f\u00fcr das Thema hier. Viel interessanter w\u00e4re der Anteil des obersten Prozents bzw des obersten Promilles. V\u00f6llig zu Recht weist Stiglitz immer und immer wieder auf diesen Anteil hin.<\/p>\n<p>Die EU und die EZB waren durch ihren Dogmatismus unter deutscher Fuchtel eine Zeitlang verhindert, diesen f\u00fcr ihre eigentliche Klientel so erfreulichen Effekt zu erkennen. Jetzt haben sie offenbar ihren Fehler eingesehen. Nun treiben auch sie es seit einer Zeit schon mit QE.<\/p>\n<p>Keynesianische Politik will kurzfristig die Stagnation \u00fcberwinden, erh\u00f6ht aber auf Dauer die Profite. Das w\u00e4re schlimm genug. Doch mittlerweile kommt noch was Schlimmeres hinzu: Keynesianische Politik funktioniert einfach nicht mehr.<\/p>\n<p>Die Folgerung daraus ist: Es muss R\u00fcck-Umverteilung geben. Da dies aber in der EU nicht m\u00f6glich ist, mag jede und jeder die Konsequenzen selbst ziehen.<\/p>\n<p><em>Kalecki, Micha\u0142<\/em> (1976), Werk-Auswahl. Rezession und Prosperit\u00e4t im Kapitalismus. Mit einer Einleitung von Dr. Karl K\u00fchne. Neuwied: Luchterhand.<\/p>\n<p><em>Minsky, Hyman P<\/em>. (1995), Financial Factors in the Economics of Capitalism. In: J. of Financial Services Research 9, 197 \u2013 208.<\/p>\n<p><em>Stiglitz, Joseph<\/em> (E.) (2015), Reich und Arm. Die wachsende Ungleichheit in unserer Gesellschaft. M\u00fcnchen: Siedler.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">AFR, 17. Dezember 2015<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Profit l\u00e4sst sich zerlegen in: Konsum der Kapitalisten, Investition, den Au\u00dfenhandels-\u00dcber\u00adschuss und die laufende (Netto-) Staatsverschuldung. Dies ist eine originelle &hellip; <a href=\"https:\/\/www.euroexit.org\/index.php\/2015\/12\/17\/ausenhandelsuberschusse-staatsverschuldung-und-profite-die-gedankenspiele-der-okonomen-und-ihre-realen-bedeutungen\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eAU\u00dfENHANDELS\u00dcBERSCH\u00dcSSE, STAATSVERSCHULDUNG UND PROFITE. 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