Als EU-Kritiker werde ich oft mit dem Vorwurf
konfrontiert politisch rechts zu stehen, während die EU selbst als politische
Mitte oder sogar links bezeichnet wird. Vor allem junge Menschen verorten die
EU wegen Integrationsprozess und Personenfreizügigkeit als links und
beschuldigen die Kritiker Mauern zwischen den europäischen Völkern bauen zu
wollen. Leider verkennen die Befürworter, dass dieser Völkerbund keine linken
Werte verteidigt, sondern rechte Wirtschaftspolitik unter dem Deckmantel der
Völkerverständigung transportiert und die Europäer im Interesse der
Großkonzerne gegeneinander ausspielt. Die EU kann somit nicht als links, rechts
oder Mitte bezeichnet werden, tatsächlich verfolgt sie einen bipolaren Ansatz
der zwar gesellschaftspolitisch vermeintlich links ist aber
wirtschaftspolitisch rechts. Dies gilt auch für die meisten Parteien Europas
die sich selbst als politische Mitte bezeichnen.
Links oder rechts?
Ist es nicht so, dass linke Politik die Interessen
des “kleinen Mannes” vertreten sollte, für gerechte Löhne und zeitgemäße
Sozialstandards? Davon kann in der neoliberalen EU keine Rede sein. Der
Lohnfindungsprozess hat sich im europäischen Binnenmarkt zu Gunsten der
Arbeitgeber entwickelt und Gewerkschaften können ihre Lohnforderungen nicht
einmal ansatzweise durchsetzen, da die Arbeitgeberseite regelmäßig damit droht
die Produktion in ein anderes Mitgliedsland zu verlagern.[i] Besonders Großkonzerne haben hier einen Vorteil, da sie in der Regel
bereits über mehrere Standorte in der EU verfügen und problemlos Teile der
Fertigung in ein anderes Werk übertragen können. Durch die drohenden
Arbeitsplatzverluste bleibt den Gewerkschaften nichts anderes übrig als das
Angebot der Arbeitgeberseite zu akzeptieren da eine Lohnzurückhaltung das
kleinere Übel darstellt. Mit dem gleichen Drohpotenzial werden die nationalen
Regierungen unter Druck gesetzt die Unternehmenssteuern niedrig zu halten bzw.
zu senken.[ii] Dadurch ist es den Unternehmen gelungen sich vor ihrem gerechten
Anteil an der Finanzierung der von ihr benötigten Infrastruktur zu drücken,[iii] Arbeitnehmer werden schließlich in Schulen und Universitäten
ausgebildet und pendeln zum Arbeitsplatz auf öffentlichen Straßen und
Verkehrsmitteln. Aber nicht nur die drohende Auswanderung der Unternehmen hat
zu einer Senkung des Lohnniveaus geführt, sondern auch die
Personenfreizügigkeit die massive Migrationsbewegungen innerhalb der EU zur
Folge hat.[iv] Durch die Auswanderung aus den osteuropäischen Ländern, die
wirtschaftlich noch nicht aufgeholt haben, und dem krisengebeutelten Süden des
Kontinents, wurden die Arbeiter in den Zielländern verstärkter Konkurrenz
ausgesetzt, der sie sich nur durch Lohnverzicht zur Wehr setzen konnten. Einst
riefen die Linken “Arbeiter aller Länder vereinigt euch”, doch momentan stehen
sich die Arbeiter der EU-Länder feindselig gegenüber und kämpfen mit Lohnverzicht,
um ihre Arbeitsplätze. Englische EU-Kritiker nennen das “The race to the
bottom”, die kontinuierliche Abwärtsspirale aus sinkenden Löhnen, Renten,
Sozialstandards und Unternehmenssteuern. Versucht ein Land sich dieser
Entwicklung zu widersetzen hat es im Binnenmarkt und vor allem in der Eurozone
keine Überlebenschance. Einst dienten die Wechselkurse bei Lohnsenkungen eines
Handelspartners als Puffer, da die anderen Länder dies durch Abwertung ihrer
Währung kompensieren konnten, mit einer Einheitswährung ist dies jedoch nicht
mehr möglich. Die südeuropäischen Länder, die versuchten ihre Wirtschaft mit
Konjunkturpaketen zu stimulieren mussten feststellen, dass mit dem Geld vor
allem deutsche Produkte gekauft wurden, da Deutschland durch Lohnverzicht eine sogenannte
innere Abwertung vorgenommen hatte.[v] Dieser Lohnverzicht war ein klarer Bruch der Verträge von Maastricht
weil dadurch die deutsche Inflation über mehrere Jahre unter dem geforderten
Zielwert von 2% blieb.[vi] D.h. also die Krisenländer haben sich verschuldet und statt der
eigenen nur die deutsche Wirtschaft stimuliert, was mit einer eigenen Währung
nicht passiert wäre. Griechenland war das erste Opfer dieser
Wirtschaftspolitik, andere werden zwangsläufig folgen.
Kann man also diese EU als links bezeichnen?
Wirtschaftspolitisch jedenfalls nicht und die gesellschaftspolitischen Aspekte,
vor allem die Personenfreizügigkeit, wären eigentlich eine linke Position, wenn
die Unternehmen sie nicht zur Lohndrückerei nutzen würden. Alle EU-Migranten
die ich in England und Deutschland kennengelernt habe wollten ihre Heimat nie
verlassen, waren aber aufgrund ihrer wirtschaftlichen Situation dazu gezwungen.
Es ist eine (vor allem deutsche) sozialromantische Verklärung wenn die Menschen
glauben, dass die EU-Bürger aus Abenteuerlust oder kulturellem Interesse
umsiedeln. Die EU kann also durchaus als rechts bezeichnet werden, da selbst
die gesellschaftspolitischen linken Merkmale nur der Durchsetzung einer rechten
Wirtschaftspolitik dienen. Dies sollte bedingungslosen EU-Unterstützern aus dem
vermeintlichen Mitte-Links-Lager zu denken geben, allen voran den Wählern der
sozialdemokratischen und grünen Parteien. Bei diesen wird zwar Reformbedarf
angemeldet aber es darf auf keinen Fall Druck, z.B. durch eine Austrittsdrohung,
ausgeübt werden, doch ohne diesen Druck wird sich die EU sicherlich nicht
reformieren lassen. Vor allem Deutschland profitiert momentan von Binnenmarkt
und Währungsunion, warum sollte es also einer Reform zu seinem Nachteil
zustimmen? Da eine Änderung der europäischen Verträge Einstimmigkeit erfordert
ist davon auszugehen, dass es zu solch einer Reform nicht kommt. Auch die
Steueroasen innerhalb der EU (z.B. Luxemburg und die Niederlande) profitieren
von der nationalen Steuersouveränität gepaart mit dem freien Kapitalverkehr und
haben kein Interesse an einer Änderung des Status Quo.
Was tun?
Gibt es überhaupt einen Ausweg aus der derzeitigen
Situation? Die vielzitierte Transferunion die momentan bei Macron und den
deutschen Grünen hoch im Kurs steht halte ich nicht für eine geeignete Lösung.
Transfers sind nur eine Mittel gegen die Symptome doch die ursächlichen
Probleme werden dadurch nicht gelöst. Es gibt genügend europäische Beispiele
die belegen, dass Transfers zu Unmut bei den Geberregionen und zu keiner
Besserung in den Regionen der Empfänger führt, z.B. Nord-/Süditalien,
Nord-/Südspanien, West-/Ostdeutschland, Süd-/Nordengland. Besser wäre die
Rückkehr zu nationalen Währungen und Kapitalverkehrskontrollen, was jedoch in
krassem Gegensatz zu den Interessen der deutschen Exportindustrie steht. Nur
eine Austrittsdrohung hätte eventuell das Potential Deutschland zum Einlenken
zu bewegen und falls nicht, muss das jeweilige Land auch bereit sein seine
Drohung umzusetzen. Hier sind besonders die Netto-Zahler Frankreich und Italien
gefragt, warum sollen sie eine Union mitfinanzieren die ihre Wirtschaft
schwächt? Bei Netto-Empfängern wie Spanien wird es wahrscheinlich schwer die
Bevölkerung von einem Austritt zu überzeugen. Die spanische Wirtschaft leidet
zwar auch unter dem deutschen Lohndumping und der von der EU verordneten
Austerität, aber solange EU-Gelder ins Land fließen wird sich kein Widerstand
mobilisieren lassen.[vii] Dasselbe gilt auch für die osteuropäischen Länder, noch dazu verfügen
sie über eine eigene Währung wodurch ihre Wirtschaften etwas mehr Luft zum
Atmen haben. Diese Länder sind zwar formal verpflichtet den Euro einzuführen
sobald sie die Konvergenzkriterien erfüllen, doch eines dieser Kriterien ist
allerdings die Teilnahme am Wechselkursmechanismus II. Da sie eine Teilnahme
verweigern haben sie die Möglichkeit ihren Beitritt zur Eurozone auf die lange
Bank zu schieben. Das heisst nach dem Austritt Großbritanniens liegt es vor
allem an Frankreich und Italien Druck auf Deutschland auszuüben und zu einer
Reform zu bewegen. Leider waren die Bemühungen beider Länder in den letzten
Jahren nicht von Erfolg geprägt. Frankreich entschied sich mit der Wahl von
Macron für den Weg der Kooperation mit Deutschland doch wurden seine Vorschläge
von deutscher Seite freundlich aber bestimmt zurückgewiesen.[viii] In Italien scheint die Anti-EU-Stimmung ausgeprägter zu sein, doch
solange seine Geldversorgung von der EZB abhängt ist ein Austritt unmöglich.
Durch die Schaffung einer gesetzlichen Grundlage für die sogenannten Mini-Bots,
könnte Italien diese als Ersatzwährung für den Euro verwenden und somit von der
EZB unabhängig werden, zumindest theoretisch ein potentielles Druckmittel.[ix] Da zur Zeit die EU-freundliche PD in der Regierungskoalition vertreten
ist wird ein solches Szenario wahrscheinlich nicht intern diskutiert.
Weiter so?
Da sich die europäischen Mitte-Links Parteien nicht zu einem Anti-EU Kurs durchringen können, ruhen die letzten Hoffnungen auf linken EU-kritischen Parteien oder Bewegungen wie z.B. La France insoumise oder Liberiamo l’Italia, ansonsten müssen wir wohl oder übel mitansehen wie rechte Parteien immer mehr Zulauf erhalten und die heute noch bipolare EU irgendwann nicht mehr nur wirtschaftspolitisch sondern auch gesellschaftspolitisch auf der rechten Seite steht. Das ganze Drama, dass Europa glaubte hinter sich gelassen zu haben, könnte wieder von vorne beginnen.
* Stefan Rossi – Tontechniker, geboren 1974 in München, als Produktionstechniker für Sportübertragungen tätig. Ende der 90er bis 2008 positiv gegenüber EU und Euro eingestellt, doch nach der Eurokrise, den fortwährenden Problemen Südeuropas und den Wahlerfolgen rechter Parteien intensiver mit dem Thema beschäftigt.
[i] Die Metall- und Elektroindustrie hat im vergangenen Jahr mit einer
Netto-Umsatzrendite von 3,6 Prozent ein sehr gutes Ergebnis erzielt. Und
trotzdem drohen die Unternehmer mit der Abwanderung von Investitionen und
Arbeitsplätzen. Dass die Beschäftigten an den satten Gewinnen
beteiligt werden sollen und müssen, lehnen die Arbeitgeber strikt ab.
[ii] Die mittlere Steuerbelastung für Unternehmen in der EU liegt derzeit
bei 22 %, während die deutschen Firmen durch Körperschafts- und Gewerbesteuer mit durchschnittlich 30 bis 32 % belastet
werden. Als Folge verstärkt sich die Abwanderung deutscher Industriefirmen ins
Ausland.
[iii] Die Gesamt- einnahmen aus Steuern auf Unternehmens- und Vermögenserträge, um die es in der vorliegenden
Studie geht, betrugen dabei rund 156,8 Milliarden Euro und damit 22,2 Prozent
des gesamten Steueraufkommens.
[iv] Die gewerkschaftsnahe Hans Böckler-Stiftung
hat errechnet, dass die Löhne und Gehälter in Deutschland zwischen 1995 und
2004 um – preisbereinigt – 0,9 Prozent gesunken sind. Seit 1992 gab es (bis
2016) keine Reallohnerhöhung. Das ist
freilich nicht nur dem ständigen Zufluss billiger Arbeitskräfte im Gefolge des Zusammenbruchs von
Rat für gegenseitige
Wirtschaftshilfe (RGW) und Sowjetunion sowie Bürgerkriegen und NATO-Intervention in
Jugoslawien et cetera geschuldet, aber die Migration trägt ihr Scherflein dazu bei.
[v] Deutschland hat die Euroeinführung genutzt, um 2002 und 2003 eine
Abwertungsstrategie zu fahren und die anderen Euroländer unter Druck zu setzen. Zehn Jahre
vorher hätten Frankreich und Italien in einer solchen Situation
ihre Währung abgewertet, und die Sache wäre erledigt gewesen. Aber mit dem Euro
ging das nicht mehr.
[viii] Vor allem Deutschland steht Fuchs zufolge auf der Bremse, was eine
Vertiefung der deutsch-französischen
Beziehungen angeht. Macron hingegen habe diesbezüglich am Anfang Schwung gehabt.
[ix] Sie ermöglichen es, schleichend eine Ersatzwährung für den Euro einzuführen.
“Es geht um die Stärkung der Verhandlungsposition gegenüber Brüssel und Frankfurt”, sagt Mayer. In Rom habe man sich
genau angeschaut, wie es der Syriza-Regierung in Griechenland im Streit mit der
EU-Kommission und der EZB erging – und daraus Lehren gezogen.
Es ist eine Dokumentation der besonderen Art über die
Europäische Union. Es sind nicht die Gewinner des neoliberalen Projekts, die
üblicherweise die Medienlandschaft beherrschen, sondern die großen Massen der
Verlierer in Frankreich, Großbritannien, Griechenland und anderen EU- Ländern,
denen eine Stimme gegeben wird. Eine ehrliche, authentische Stimme, der mit der
Achtung begegnet wird, die sie verdient! Die Menschen schildern ihre
Lebensbedingungen, für die Europa sich schämen muss, sie fühlen sich verraten
und im Stich gelassen und sie setzen sich mit der Situation auf verschiedene
Weise auseinander. Der besondere Verdienst der Dokumentation ist, dass man diesen
Menschen zuhören mag. Sie werden, nur weil sie beispielsweise für den Brexit
sind, nicht in ein Rassisteneck oder sonst ein Eck, wo man sich angeblich nicht
mit ihnen auseinander zu setzen braucht, gestellt – man nimmt ihre Argumente ernst und will mehr
verstehen, wenn man wirklich zuhört.
Untermauert durch die wichtigsten Fakten der Entwicklung der
letzten Jahre, wie zum Beispiel die Missachtung des Willens des griechischen
Volkes zu seiner weiteren Erdrosselung durch die EU, und den Beiträgen
verschiedener Analytiker, stellt die Dokumentation insgesamt implizit das
EU-Projekt in Frage.
[Bild: Die Tories konnten vor allem dort Labour schlagen, wo es eine Brexit-Mehrheit gab (rechts der Linie).]
Zumindest kurzfristig hat es der EU für einmal die Sprache verschlagen. Das Ergebnis der britischen Wahlen ist für sie wesentlich schlimmer als sie es erwartete, zumindest, schlimmer, als sie ihre Medien, den ORF z.B., senden und verbreiten lies. Doch zu klar ist diesmal der Brexit-, der Anti-EU-Charakter der Wahl. Zu schwierig ist es für die EU-Propaganda, dies sofort umzudeuten in einen Erfolg. In Österreich hat der „Standard“ versucht, vorzubeugen: Immer wieder hat er Meinungsumfragen publiziert, welche eine Anti-Brexit-Mehrheit belegen sollen. Das ist nun schwieriger geworden. Nach dieser Wahl kann man das Ergebnis der britischen Volksabstimmung kaum mehr als augenblickliche Geistes-Verwirrung der spinnerten Briten hinstellen. Aber der gibt nicht auf: In der letzten Ausgabe (vom Samstag Sonntag, 14. / 15. Dezember 2019) haben wir das Spiel wieder. Denn es gilt, dem österreichischen Publikum jede Idee einer Unabhängigkeit auszureden.
Boris Johnson
und die Führungsgruppe der britischen Konservativen haben die Stimmung für
diesmal richtig eingeschätzt: „Wir wollen endlich die EU verlassen!“ Eine
Mehrheit hat die Intrigen der Parlamentarier gründlich satt. Zugegeben: Diese
Mehrheit ist nicht überwältigend, aber sie besteht. Und Johnsons Slogan: Volk
gegen Parlamentarier war von den Fakten gestützt und daher überzeugend.
Wenn die
EU-Ultras immer wieder die Volksabstimmung wiederholen wollen, so könnte man
dazu sagen. Bei knappen Mehrheiten ist das eine Überlegung wert, warum nicht? Aber das müsste dann für alle knappen
Mehrheiten gelten! Da hätte man nicht nur seinerzeit die Volksabstimmungen
in Irland mehrmals wiederholen müssen. Warum hat man nicht die EU-Abstimmung in
Schweden 1994 wiederholt, die auch 52 : 48 % ausging? Warum hat man nicht die
französische Abstimmung für den Maastricht-Vertrag wiederholt, die 1992 im
gleichen Verhältnis für die EU ausfiel? Das zeigt, worum es geht: Die Europäer,
die EU-Ultras, wollen schlicht und einfach Entscheidungen nach den üblichen
demokratischen Regeln nicht zur Kenntnis nehmen, wenn sie gegen ihre Absichten
ausfallen. Und das kommt immer öfter vor. Wie es ja der gewesene Kommissions-Präsident
gesagt hat: Gegen die EU gibt es keine Demokratie, darf es keine geben.
Verloren ging
in diesem Wahl- und Abstimmungskampf vorerst Eines: Das May-Johnson-Abkommen mit der EU ist fast das schlechteste denkbare
Austritts-Abkommen, das man sich vorstellen kann. Wir haben darüber schon
gesprochen. Aber dazu oder dagegen muss man jetzt sagen: Das Wichtigste ist,
dass der Brexit endlich vollzogen wird, dass das Vereinigte Königreich endlich
den Willen seiner Mehrheit entspricht und austritt. Ist es erst einmal draußen,
kann die politische Auseinandersetzung wieder einsetzen und vielleicht sogar
aus diesem Abkommen etwas machen. Bisher war dies nicht möglich. Insofern muss
man als Linker dieses Wahlergebnis begrüßen.
Ebenso klar,
wie die Konservativen gewonnen haben, hat Labour verloren. Verwundern kann dies
niemanden. Die Konservativen – ob Altkonservative oder „Linksliberale“ –
versuchen dies, auf das Konto des Corbyn’schen „Linksradikalismus“ zu
schreiben. Sie wissen selbst natürlich sehr gut, dass sie lügen. Corbyn hat mit
seinem gemäßigten Linkskurs die vergangenen Wahlen fast gewonnen. Dann aber
kam die rechts dominierte Fraktion des Unterhauses und versuchte ihn und damit
die Partei kaputt zu machen. Sie wählten ihn kurzfristig sogar ab, Das schlug
fehl. Dann versuchten sie es anders herum, und damit hatten sie Erfolg: Sie
drängten der Partei einen pro-EU-Kurs auf.
Das, was sich bei Labour abspielt, ist die
Krise der europäischen Sozialdemokratie auf Britisch. Es zeigt auch, dass
eine Rückwende zur klassischen Sozialdemokratie – nichts anderes war ja der
Corbyn’sche „Links-Kurs“ – unmöglich ist. Labour hatte für diesmal noch Glück.
Zu stark ist offenbar die Erinnerung an die Thatcher- und Major-Politik. Mit
den 32 % ist die Partei noch lange nicht dort angekommen, wo inzwischen die SPD
oder die SPÖ sind, ganz zu schweigen von den französischen Sozialisten. Aber es
wird schon werden. Denn noch immer ist die Fraktion oder sind die jungen
„Linken“ der Parteiführung bereit, die Partei selbst zu ruinieren, wenn sie
ihnen nicht auf dem EU-Weg folgt. Dass Labour noch nicht soweit ist wie SPD und
SPÖ, dürfte es vor allem dem linken Ruf Corbyns zu verdanken haben. Den
beschleunigten Weg nach Unten kann man aber für Labour nach dem Rücktritt
Corbyns ohne große Angst vor fehlgehenden Prophezeiungen voraussagen. Da wird
es auch darauf ankommen, ob die Konservativen ihre für britische Verhältnisse
großzügigen Versprechungen halten werden oder wieder auf Erzreaktionär
schalten.
Die extremen
pro-EU-Parteien haben etwas gewonnen. Die Liberalen haben zwar wegen des
britischen Systems eine schwere Niederlage eingefahren, auch einen wirklichen
Prestige-Verlust, da ihre Vorsitzende ihr Mandat verloren hat. Aber da sollten
wir auch auf die Stimmen, nicht nur die Mandate sehen. Die SNP hat dagegen
gewonnen, ohne dass dies wegzudiskutieren wäre. Aber es mag paradox klingen:
Auch dieser Gewinn beider EU-Unterwürfigen ist eher ein Zeichen der Schwäche.
Denn das kommt aus der Polarisierung der britischen Gesellschaft. Die hat die
Konservativen zur eindeutigen Brexit- und damit Anti-EU-Partei gemacht, was sie
vorher ja keineswegs waren.
Konservative 43,6
% +1,2 Punkte 365 Mandate
Labour 32,1
% -7,9 203 Mandate
SNP 3,9 +0,8 48 Mandate
Liberale 11,5 +4,2 11 Mandate
Grüne 2,7 +1,1 1 Mandat
Brexit 2,0
DUP 0,8 -0,2 8 Mandate
Sinn Féin 0,6 -0,1 7
Plaid Cymru (Wales) 0,5 4
Alliance (Nordirland) 0,4 1
Die offenen
EU-Opportunisten allerdings haben eine vernichtende Niederlage erlitten. Es
reicht denn doch nicht aus, sich im Äußeren und wegen der Hautfarbe als
Obama-Imitat zu gebärden.
Eine Garantie
für eine bessere Entwicklung ist das britische Wahl-Ergebnis natürlich
keineswegs. Eine solche Garantie gibt es auch mit einem EU-Austritt nicht.
Jetzt müsste der politische Kampf erst einsetzen. Aber wer soll ihn führen?
Immerhin ist eines zu sagen: Jetzt wäre ein solcher Kampf wieder möglich.
Bisher hat ihn die EU-Mitgliedschaft und die EU-Politik verhindert. Zwar war
das Vereinigte Königreich nicht Teil der Eurozone und damit nicht den
schlimmsten Zwängen unterworfen. Aber die EU-Politik war auch so hinreichend.
Gerade Johnsons Versprechungen während des Wahlkamps schaffen eine gute
Ausgangslage für eine neue politische Auseinandersetzung. In diesem Sinn können
wir als Linke den Wahlausgang durchaus begrüßen.
Ich denke, wir hier in unserer Runde brauchen keine Erklärungen, wo die Gefahren der Rechten im allgemeinen und der AfD im speziellen liegen. Wir müssen aber verstehen, …. verstehen, warum … warum wählen – und gerade in den neuen Bundesländern – so viele Menschen diese Rechte. Die Geschichte Deutschlands, die mit den Nazis zu tun hat, ist den Wählern mit sehr wahrscheinlich bekannt und mit Sicherheit wollen die AfD-Wähler nicht eine Wiederholung dieser Geschichte. Etwas also muss neu sein an der Rechten. Was ist das?
Das Neue an den Neuen Rechten, sprich AfD, findet man nicht in ihren politischen
Programmen. Die werden so abgefasst, dass sie den Eindruck machen
sollen, bürgernah zu sein. Sie
orientieren sich dabei an Vorbildern aus dem gesamten demokratischen Spektrum.
Das entscheidende und nicht sofort erkennbare aber ist: Die Neue Rechte (in allen Ländern Europas) verdreht
in verklausulierten Textblasen die Krise des Kapitalismus, lenkt die Erklärung dafür
auf angeblichen und vermeintlichen Verlust nationaler Souveränität und auf ein
vermeintlich verloren gegangenes
Zeitalter einer kulturellen (gemeint ist völkischen) Identität. Der
Begriff „völkisch“ wird weitgehend vermieden, und wird ersetzt durch „kulturell“!
Als Sündenbock dafür werden die seit einigen Jahren in
Europa vor sich gehenden
Migrationsentwicklungen benannt. Die Migranten werden als die
politischen Gegner ausgemacht, die den
„kulturellen Verlust“ verschulden.
Nichts ist an dieser Politik neu. Im Gegenteil: sie hat
Vorbilder im europäischen Faschismus.
Neu
ist das Auftreten, neu sind die öffentlichen Formen (freundliches Blau
statt schwarz-rot-weiß und Runen), die Nutzung aufwendiger Darstellungen und
die Strategien der Kommunikation. Neu sind folglich auch die Vertriebs- und
Verteilungswege sowie die Techniken der Vermarktung. Mit
anderen Worten: Das Neue an den Neuen Rechten ist ihr Design.
Was ist das, dieses Design?
Ein moderner Bereich der „Gestaltung“ nennt sich „Public Interest Design“. Politische Kräfte
nutzen das, ein politisches Design zu entwickeln, damit die Auftraggeber – also
die Parteien – vom Wahlvolk als Akteure
gesellschaftlicher Veränderungen wahrgenommen werden können. Wir kennen das von
den großen Parteien, die Vereinfachungen, Plattitüden erfunden haben (oder
durch Werbeagenturen erfinden ließen)
und auch pragmatische Versprechungen, die ins Gegenteil umgedreht werden
können. Und unter diesem neuen,
erweiterten Designbegriff stellt sich in der Konsequenz die Frage: Was heißt
es, im Sinne eines öffentlichen Interesses zu gestalten? Und weiter gegriffen:
Was heißt es, wie gelingt es, das öffentlicheInteresse selbst zu gestalten?
An diesem Punkt sehen wir, wohin die Reise gehen soll.
Die Neue Rechte hat ihre strategischen
Vordenker, die im Hintergrund, im Gegensatz zum öffentlich auftretenden AfD,
agieren. Zu jenen „Vordenkern“ gehört u.a. auch die „Identitäre Bewegung“.
Wikipedia schreibt darüber:
Als Identitäre
Bewegung bezeichnen sich mehrere aktive und völkisch orientierte
Gruppierungen, die ihrem Selbstverständnis nach die Ideologie einer
geschlossenen, ethnisch homogenen „europäischen Kultur“ (der Europäischen
Völker) vertritt, deren „Identität“ vor allem von einer Islamisierung bedroht
sei. Wissenschaftler und Verfassungsschützer beschreiben solche Vorstellungen
als Rassismus ohne Rassen und ordnen
diese Gruppen dem Rechtsextremismus zu.
Deutlich geworden ist das besonders in
Österreich, aber auch in Ungarn oder Polen.
Martin Sellner, der sich als strategischer
Kopf der Identitären Bewegung gefällt, wird nicht müde, den Angriff auf
die offene und multikulturelle
Gesellschaft als ästhetisches Vorhaben zu beschreiben.
Und der identitäre Aktivist Mario Müller
sekundiert: „Die Identitäre Bewegung schafft nun auch alltägliche Kultur-,
Sozial- und Freizeitangebote von rechts.“
Demnach haben große Teile der Rassisten die
Bomberjacken abgelegt. Und tausende Kasernenstiefel wurden durch Sneakers
(Turnschuhe) ersetzt. Ihren Fremdenhass
und aggressiven Nationalismus haben die Rassisten durch Anpassung ihrer ästhetischen
Erscheinung kaschiert, verdeckt, übertüncht.
Mittlerweile geben sie sich als zugewandte
und sorgende Mitglieder einer
pluralistischen Gesellschaft. Ihr nach außen getragenes Engagement vermählt sich
mit den dominierenden Themen der Zeit: z.B. dem Umwelt- und Klimaschutz. So gründen manche der Neuen Rechten NGO-ähnliche Zirkel, engagieren sich im Naturschutz und sorgen
sich um den Erhalt nachhaltiger Lebensräume – wie sich überhaupt die allermeisten
bei nahezu jeder Gelegenheit als intellektuell engagiert und emanzipatorisch
bewegt ausgeben.
Ideologische Form gewinnt diese Auffassung
eines kulturell (sprich völkisch) gesäuberten Zusammenlebens im Konzept des
„europäischen, Pluralismus“ . Die europäischen Völker sollen ethnisch definiert
werden und jede ein qualitatives Merkmal haben. Dieses Merkmal, in
Deutschland ist das „Arische“ gemeint,
soll bestimmend für die jeweilige nationale
Kultur sein, während kulturelle Durchmischung Kulturverlust bedeute. Vermeidung, sich mit anderen Kulturen zu
infizieren, gelinge nur durch Abgrenzung. Die schützenswerte eigene Volkskultur
kann so zu einem „gesunden Volkskörper“ führen.
Das ist schlichtweg hirnkrank!
Wer dieses Potenzial gestalten will, d.h. innerhalb
dieser Ideologie Politik machen will, muss sich überlegen, in welchem Design es
erscheinen soll. Das Herangehen der Neuen Rechten an diese Aufgabe ist „Identität“.
Durch sie – also die Identität – werden
die tatsächlichen gesellschaftlichen Verhältnisse, die äußerst komplex sind,
auf die vorgeblichen Wesenskerne, nämlich Kultur, Nation und Volk reduziert.
Die Vielschichtigkeit der modernen Gesellschaft
wird somit vereinfacht dargestellt, und soll so für den Normalbürger
(also für den irre geleiteten Wähler)
angeblich durchschaubar dargestellt werden.
Die Neuen Rechten sind mitten unter
uns, sie sind Kinder und Bewohner moderner Gesellschaften. Entsprechend geübt
sind sie im Umgang mit den Mechanismen derselben. Sie, die Neue Rechte stellt die demokratischen und
linken Kräfte vor die Aufgabe, die Gesellschaft präziser als bisher zu
beschreiben und Politik daraus zu
entwickeln. So scheint die ursprünglich erstmalig von sozialistischen Parteien
erkannte „nationale Frage“, was mit der Sehnsucht der Menschen nach Heimat und
Verbundenheit zusammenhängt, von der Neuen Rechten okkupiert worden zu sein,
was dann zumindest in den Ländern der ehemaligen DDR zum Erfolg der AfD führte.
Die Solidarität der Völker kommt bei den
Neuen Rechten nicht vor, die ja statt dessen das Konkurrenzprinzip zum Guru
erhebt. Hier ist der Punkt, den die
demokratischen Kräfte aufgreifen und mit
der „nationalen Frage“ verbinden sollten.
Moreno Pasquinelli, spokesman of „Liberiamo l’Italia“ explains the next step to be taken after the successful demonstration of October 12, 2019, in Rome.
Wenige Tage vor der Vorstellung des Budgets im Parlament marschierten Tausende am Samstag, den 12. Oktober 2019 durch Rom. „Liberiamo l’Italia“ – befreien wir Italien von der Euro-Diktatur. Für die demokratische Souveränität des Volkes auf der Grundlage der Verfassung von 1948, die Ergebnis des demokratischen Befreiungskampfes vom deutschen Faschismus ist.
Tatsächlich war es die erste linkssouveränistische oder
verfassungspatriotische Artikulation dieser Größenordnung. Möglich wurde das
vor dem Hintergrund der existentiellen Krise der Fünfsternebewegung (M5S).
Diese hat kürzlich einen fliegenden Wechsel von der populistischen Koalition
mit der Lega zurück zur Zentralpartei des Establishments und der EU, dem
Partito Democratico (PD), vorgenommen, dem die ehemalige Rebellenpartei nun als
Mehrheitsbeschaffer dient.
Vergegenwärtigen wir uns nochmals dieser 180-Gradwende, die
dramatischer nicht sein könnte: Vor einem Jahrzehnt war der Komiker und
Kabarettist Pepe Grillo angetreten, um das Establishment, „die Kaste“, zu
verjagen. Die starke Ansage: man würde niemals eine Koalition eingehen, mit
keiner Partei, man sei ja eine Formation gänzlich neuer und unkorrumpierbarer Form.
Mit vielen internetdemokratischen Illusionen gruben die Fünfsterne dem PD die
Basis ab, sei es ganz unten, sozial wie geografisch gesehen, aber auch bei den
Intellektuellen. Die von der EU verordnete und den Eliten exekutierte Austerität
und die daraus resultierende wirtschaftliche Stagnation und der soziale Abstieg
breiter Schichten taten das ihre. Zuerst die Niederlage des
Berlusconi-Rechtspopulismus und dann die Niederlage von Renzis populistischen
Autoritarismus machten die Cinquestelle 2018 zur mit Abstand wichtigsten Partei,
ohne der keine Regierung mehr gebildet werden konnte.
Nicht nur die Basis der Partei, sondern die große Mehrheit
des einfachen Volkes forderten eine Regierung unter Führung der Fünfsterne, die
einen grundlegenden Wechsel weg vom Austeritätsdiktat vollziehen sollte. Nur
mit großer Mühe gelang es die Lega von Berlusconi sowie dem Establishment des industriellen
Nordens loszueisen. Schon damals war in der PD die kühne Idee aufgeblitzt, die
Fünfsterne reiten zu können. Aber dazu musste sie noch gezähmt werden.
Nun sind die Grillini zurückgekehrt in die Arme des Systems,
namentlich der PD. Vom Bruch mit dem Euro kann keine Rede mehr sein, im Gegenteil.
Neben sozialen Phrasen im PD-Stil, die an der Realität des kommenden Budgets zerschellen
werden, bleibt nur mehr das Hohelied auf die EU.
Die Fünfsterne sind der Schatten ihrer Vergangenheit.
Spaltung ist keine zu erwarten, denn sie waren ja tatsächlich keine Partei, es
gibt also nichts zu spalten. Vielmehr handelt es sich um Zerfall, freien Fall. Im
Milieu gibt es große Enttäuschung, die sich bisweilen in Wut äußert und zumindest
am Rande zu Widerstand führt. So hat sich vor kurzem in Florenz eine
Cinquestelle-Basisplattform gegründet, die zurück zu den Wurzeln der Bewegung
will. Weitere Beispiel sind der Journalist und M5S-Senator Gianluca Paragone,
der die Demo politisch unterstützte oder auch die Journalistin und Kandidaten
der Fünfsterne zum EU-Parlament, Tiziana Alterio, die sich sogar im
Organisationskomitee der Demo engagierte. So gibt es zahllose weitere Figuren
wie Blogger, Künstler, Aktivisten, Intellektuelle, die nach einer Alternative
suchen und sich an der Demo beteiligten.
Der Mainstream, sowohl die Medien als auch die etablierte
Linke, setzt auf Verschweigen, gelegentlich auch auf Verleumdung. Direkt wurde
über den Aufruf und die Demo nicht berichtet, die sich zunächst sogar gegen die
populistische Regierung gerichtet hatten, sie zur Einlösung ihrer Versprechen
aufforderte. Das Flaggschaff des Linksliberalismus „La Repubblica“ schreibt dennoch
ganz nebenbei in einem Artikel zum „Flop der 10-Jahresfeier der Cinquestelle“: „Heute
artikuliert sich die „Rechte“ [der Fünfsterne] mit Senator Paragone auf der Straße.
Dieser hat einen Aufruf für eine Demonstration unterschrieben, „Liberiamo l’Italia“,
die heute in Rom stattfindet unter deren Organisatoren sich alles befindet: die
Kommunisten der CARC, die Rotbraunen von Vox Italia und verschiedene
Souveränisten, die nicht direkt mit der Lega verbunden sind.“
Vox Italia ist eine Gründung des marxistischen
Fernsehphilosophen und Schülers des verstorbenen Costanzo Preve, Diego Fusaro,
der von einer Talkshow zur nächsten geschleppt wird. Mit der Formel „Linke
Ideen, rechte Werte“ versucht er in vielen Wassern zu fischen und gibt vor
allem den Gegnern eine Steilvorlage – was von dem Demo-Organisatoren auch
kritisiert wurde. Aber selbstverständlich unterstützt Fusaro die protosozialistische
und antifaschistische Verfassung von 1948, auch wenn er es nicht für wert
befand zur Demo zu erscheinen.
Tatsächlich wurde die Demo von der souveränistischen Rechten
boykottiert, nicht nur weil sie die Tradition des vorwiegend kommunistischen Partisanenwiderstands
verabscheut – es waren nur italienische Fahnen sowie Symbole des historischen
CLN, des Nationalen Befreiungskomitees unter dessen Führung Italien die
Nazi-Herrschaft abschüttelte, zugelassen. Es gab aber auch dutzende sardische
Fahnen, ein Zeichen für den einschließenden, Diversität und Autonomie zulassenden
demokratischen Charakters des Konzepts der nationalen Souveränität, wie es in
die 48er-Verfassung herausgelesen werden kann. Den Rossobunismo (rotbraun) gibt
es nicht. Er ist eine Erfindung der linksliberalen Eliten gegen die
Verfassungspatrioten.
Die soziokulturelle Zusammensetzung der Demo war vielversprechend.
Nicht nur alle Altersklassen waren vertreten, sondern die sonst dominante Linkskultur,
die von der Mehrheit zunehmend isolierend wirkt, war nur eingesprenkelt
vorhanden.
Zu Abschluss auf der Piazza Venezia beim Forum Romanum sprachen allzu zahlreiche, die bunte Mischung der Bewegung repräsentierende Exponenten, wie beispielsweise der auch hierzulande bekannte Giullietto Chiesa, Starjournalist des Manifesto, sowie Vertreter des Europäischen Komitees gegen Euro, EU und Nato aus Frankreich, Spanien und auch des österreichischen Personenkomitees Euroexit. Armanda Hunter, Linksaktivistin und Kandidaten der Brexitpartei, erklärte ihre Solidarität genauso wie Manolo Monereo, ehemaliger Abgeordneter von Podemos und politischer Ziehvater von Julio Iglesias sowie eine Vertreterin der Gelbwesten. Paul Steinhardt von Makroskop schickte eine Großbotschaft aus Deutschland. Wichtig auch der Beitrag von Mohamed Konarè, des Sprechers der Panafrikanischen Bewegung in Italien. Die Organisatoren betonten, der der Kampf für die Volkssouveränität in Form der nationalen Selbstbestimmung gegen die globalistische und europäistische Oligarchie die heutige konkrete Form des Internationalismus sei. Moreno Pasquinelli, Sprecher von „Liberiamo l’Italia“, meine zum Abschluss in der Assemblea-artigen Versammlung, dass man das großartige Momentum nutzen würde, eine Basisbewegung mit Komitees im ganzen Land zu bilden. Denn die Demo hat zwar in Rom stattgefunden, doch es gab Teilnehmer aus allen wichtigen Teilen des Landes vom Norden bis zum Süden.
Im Gegensatz zur Bundesrepublik Deutschland, wo Mitbestimmung über ein Referendum in der deutschen Verfassung erst gar nicht vorgesehen ist, sind in Großbritannien Referenden vorgesehen und sogar bindend für den Gesetzgeber.
Man erinnere sich: Nachdem das Ergebnis des
Referendums in GB feststand – bekannt
war, dass die Mehrheit der Stimmen für einen Austritt aus der EU war, begann
das Hick-Hack der Brexit-Gegner, wie man die Wirkung der Abstimmung umdeuten
könnte.
Das begann mit einem Gerichtsurteil darüber,
dass das Parlament dazu auch noch ja zu sagen habe bis hin zu diversen
Vorschlägen von Theresa May, die in der Quintessenz aus dem Brexit einen
No-Brexit gemacht hätten – worauf die bundesdeutschen Mainstream-Medien
publizierten, die Briten seien Chaoten, sie wissen nicht was sie wollten ecc.
Man hatte absichtlich vergessen, dass die Mehrheit der Briten, wenn auch knapp,
für den EU-Austritt gestimmt hatten. Das war eine klare Ansage.
Dann kam Boris Johnson. Er schickte das
Parlament in eine Zwangspause und versprach den Brexit. Das löste panische Schreibarbeit der im Lohn
der deutschen „Qualitätsmedien“
stehenden Journalisten aus. Das gipfelte sogar in der unsinnigen Forderung,
Johnson müsse zurücktreten, als bekannt wurde, dass ein britisches Gericht die
verlängerte Parlamentspause für ungültig erklärt hatte. Die „FAZ“ verstieg sich
sogar zu der lächerlichen Aussage, das Gerichtsurteil schlage „in Westminster
wie eine Bombe ein“.
Wie sähe es denn umgekehrt aus? Haben jemals
ausländische Medien eine Forderung gegenüber Merkel erhoben, sie müsse
zurücktreten, weil Gesetzesentwürfe ihrer Ministerrunde vom
Bundesverfassungsgericht zurückgewiesen wurden? Ja – solche hat es gegeben. Und
haben jemals deutschsprachige Medien den Rücktritt der Kanzlerin oder der
Regierung wegen eklatanter Grundgesetzverletzung gefordert?
Also, nach dem Motto, was ich tue, darfst du
noch lange nicht träumten die deutschen Leitmedien vor sich hin. Aber nur kurz,
dann begann man, auch in den Etagen der EU-Prominenz in Brüssel an Alternativen
basteln. Scheinbar glaubt man dort, Johnson wisse selbst nicht was er wolle,
befürchtet jedoch, dass Johnson bei Neuwahlen mit einem Sieg seiner Tories
rechnen könnte. Deshalb meinen deutsche Politiker und Medien „zu Recht“, dass
Neuwahlen in GB nicht zur Debatte stünden. Und deshalb muss der Brexit, wenn er
nicht verhindert werden kann auf die
lange Bank geschoben werden.
Selbst ein „weicher Brexit“– angeblich zum Wohle aller Beteiligten – wäre aus Sicht des deutschen Kapitals nur die mit weitem Abstand zweitbeste Lösung, denn eine mögliche Beispielwirkung auf Ost- und Südeuropa brächte ein erfolgreicher Austritt aus der EU die Nazikriegsziele deutscher Export- und Politikdominanz über Europa in Gefahr. So geht es den EU-Verhandlungsführern nicht um „hart“ oder „weich“, sondern allein um den Verbleib in der EU: „Drinbleiben– egal wie“, und Johnson weiß das.
Die Kommunistische Partei Britanniens weist
die Diffamierung zurück, dass der Brexit
ausschließlich rechtsgerichtet sei, da der Anteil linker Kräfte
beträchtlich war und ist. Sie hat
erklärt: „Die Verträge, Regelungen, Direktiven und Politiken der EU wurden dazu
gemacht, die Interessen des Big Business und der kapitalistischen Märkte gegen
jede Möglichkeit des Sozialismus in EU-Staaten zu schützen (…). Nicht die
zeitweise Abwesenheit der Abgeordneten von Westminster, sondern die Weigerung,
das Ergebnis des Brexit-Referendums umzusetzen, würde die größte Drohung gegen
die demokratischen Rechte und Prinzipien in Britanniens Geschichte für viele
Jahrzehnte bedeuten.“
Jeremy Corbyn forderte, wie berichtet, beim
Labour-Parteitag Neuwahlen und eine
Neuverhandlung mit der EU und danach ein Referendum darüber – jedoch
ausdrücklich mit der Option, dass dieses Referendum bei mehrheitlichem „Nein“
ein neues Referendum über den Brexit als solchen nach sich ziehe.
Auch das ginge gegen Demokratie und linke
Politik – würde den EU-Befürwortern in GB zuarbeiten. Stattdessen müsste Labour
den linksmotivierten Anteil bei der britischen Brexit-Mehrheit stärken – mit
Johnson aber in der Ausgestaltung mit eigenem Profil im Interesse der
Brexitmehrheit in GB.
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