Schwarzblau langsam zersetzen – chancenreicher Widerstand gegen einzelne Angriffe

Eine Interpretation des sozioökonomischen Regierungsprogramms und strategische Schlussfolgerungen für eine demokratisch-soziale Opposition

von Wilhelm Langthaler

Ein Merkmal des Regierungsprogramms sind die neoliberal-populistischen Phrasen, die „Entlastungen“ versprechen ohne jedoch den zugehörigen Leistungsabbau anzukündigen. Es wird schlicht keine Gegenrechnung angestellt. Das getrauten sie sich offensichtlich nicht. Das muss dann wohl im Laufe der Regierungsperiode kommen und bietet die Möglichkeit auf Widerstand. Hartz IV steht bereits nach zwei Wochen in Frage. Dafür wird ausgiebig der chauvinistische Ton gegen Ausländer und Muslime angestimmt, die bei uns schmarotzen wollten und uns gleichzeitig bedrohten.

Senkung der Staatsquote

Das ist ein altes neoliberales Schlachtross – die Abgabenquote als angebliches Maß der Belastung der Bürger. Diese soll von 43 auf 40% gesenkt werden, was ungefähr 14 Mrd. Euro oder rd. einem Viertel des Budgets entspricht – also ein gewaltiger Wert.

Zuerst sollen natürlich die Unternehmer profitieren. Senkung der Körperschaftsteuer (ohne Angabe eines Wertes) und Reduktion der Umsatzsteuer im Tourismus von 13 auf 10%. „Senkung der Lohnnebenkosten ohne Leistungsreduktion“ um 500 Mio. bei der Unfallversicherung (AUVA) – was ohne Einschränkung der Dienste schlicht unmöglich ist.

Der Mittelstand soll für jedes Kind eine Steuerreduktion von 1500 geschenkt bekommen. Um Kritik von unten gleich den Wind aus den Segeln zu nehmen, wird hinzugesetzt: „Wenigverdiener werden durch eine Reduktion des Arbeitslosenversicherungsbeitrags entlastet“ – was auch im günstigsten Fall nur einen Bruchteil der 1500 ausmacht und zudem natürlich den Druck auf den Arbeitslosenfonds als Ganzes erhöht.

Kernstück des Liberalpopulismus ist die Senkung der Lohn- und Einkommenssteuer, wobei auch hier keine Zahlen angegeben werden. Die „Schuldenbremse“ darf natürlich nicht fehlen.

Harter Kern und mögliche Brennpunkte des soziopolitischen Widerstands

Die drei unmittelbaren sozialen Angriffe auf die unteren Schichten sind das Programm zur Erhöhung der Mieten vor allem im Altbaubestand, die Erhöhung des Drucks auf die unteren Segmente des Arbeitsmarktes sowie die Verlängerung der Arbeitszeit.

Dass die Deregulierung bei den Mieten von der Immobilienwirtschaft inspiriert ist und vor allem die Wiener Armut trifft, wurde bereits hier gezeigt. Da muss eine breite Abwehrfront geschaffen werden, die auch die SPÖ selbst unter Druck setzen sollte. Wie heiß das Thema ist zeigt sich am Versuch Andreas Schieders mit der Ankündigung von 25.000 neuen Gemeindebauten sich ins Amt des Wiener Bürgermeisters zu hieven.

Die Arbeitslosenversicherung soll mit der Zeit stark absinken und in Richtung Hartz IV gehen, wo auf Vermögenswerte der Bezieher zugegriffen wird. Die neue FP-Sozialministerin Hartinger-Klein ist indessen zurückgerudert und hat dafür schon Rüffel von Kurz und Blümel kassiert. Zudem gibt es noch allerlei Detailverschlechterungen. Volumensmäßig zu den großen Brocken gehört das Ende der Arbeitsmarktprogramme wie Aktion 20.000 & Beschäftigungsbonus, die sich auf etwas unter einer Milliarde belaufen. (Auch wenn sie teilweise als Lohnsubvention wie Geschenke an Unternehmen wirkten.)

Die tägliche Höchstarbeitszeit soll auf 12h, die wöchentliche auf 60h erhöht, die Ruhezeiten verkürzt werden. In Klammer wird kryptisch hinzugefügt: „bei gleichbleibendem Regelungsregime der Zuschläge“ (S.139). Das soll vermutlich suggerieren, dass es keine Lohnkürzungen bedeutet. Doch welchen anderen Sinn hätte es sonst? Die Ausnahmeregelungen gibt es bereits jetzt. Hinzu kommt die Abschaffung „sinnloser Regulierungen“ – was immer zu Ungunsten der Beschäftigten ausgeht.

Man könnte noch viele andere Punkte hinzufügen. Jedenfalls ist hier Widerstand nicht nur möglich, sondern hat auch gute Aussichten auf Erfolg. Insbesondere die FPÖ hat Probleme damit, als Exekutor der VP-Eliten in völliger Verkehrung ihrer Wahlversprechen zu erscheinen.

Sozialversicherungssystem – verschlucken am zu großen Brocken?

Zum Standardprogramm jedes neoliberalen Projekts gehören Kürzungen bei den Pensionen und der Gesundheitsversorgung, denn sie machen einen wesentlichen Teil der Sozialausgaben aus. Die Wirtschaftsliberalen haben wohl erkannt, dass die föderale und selbstverwaltete Struktur des österreichischen Sozialversicherungssystems das grundlegende Hindernis für ein hartes Durchgreifen darstellt. Es ist Teil des Klassenkompromisses der Sozialpartnerschaft, auch Neokorporatismus genannt. Zwar ist dessen Kern die institutionalisierte Arbeiterbewegung geführt von der SP und dem ÖGB, doch gehört in einem gewissen Sinn auch das Bündesystem der ÖVP dazu. Einbindung kostet eben und das will man sich immer weniger leisten. [Bild: Sinken der Lohnquote als Maß für die Unterspülung des Gesellschaftsmodells.] Darum ist Zentralisierung, der Abbau der Selbstverwaltung und auch die föderale Struktur auf der Abschlussliste – nur geht es da auch um entscheidende Teile der ÖVP-Klientel, die ihren Charakter als Volkspartei ausmachten.

Kurz hat gegen die Spitzen dieses Systems, repräsentiert von den westlichen VP-Landeshauptleuten, einen großen Wahlsieg errungen. Eigentlich müsste man annehmen, dass er dieses Momentum nun gegen sie verwenden wird. Doch scheinbar ist die Angst auf einen Gegenschlag schon jetzt zu groß. Zwar wird die Reduktion der Anzahl der Sozialversicherungsträger auf fünf proklamiert. Doch sonst versteckt man sich hinter der Phrase der Einsparungen in der Verwaltung –das liegt irgendwo zwischen Propaganda (denn Verwaltung kostet immer einen gewissen Anteil) und Täuschung hinsichtlich Leistungskürzungen. Solche trauen sie sich nur versteckt in den Mund zu nehmen, während die Beibehaltung des Niveaus behauptet wird. Auch was die Struktur anbetrifft, mussten sie das Bisherige festschreiben: „länderweise Budgetautonomie“, „partizipative Selbstverwaltung, die Wahrung der länderspezifischen Versorgungsinteressen sowie die speziellen Anforderungen der unterschiedlichen Berufsgruppen“. (S.114) Es ist also vom Aufbau her nur die Vorbereitung eines Angriffes, so wie man bei den Privatisierungen in den 90er Jahren gerne zuerst die Umwandlung in Aktiengesellschaften vornahm und mit dem Abverkauf wartete, bis es politisch opportun war.

Gefahr steckt in Begriffen wie „Leistungsharmonisierung“, denn das heißt im Allgemeinen nach unten, oder „Kostendeckelung“, doch konkret wird das wird noch aufzutischen sein.

Angriffe sind dennoch enthalten. Der größte und manifesteste ist die schon genannte halbe Milliarde bei der AUVA. Den Arbeitslosenversicherten sollen nur mehr zwei Jahre für die Pension angerechnet werden. Die ganz besonders schlimmen „Sonderpensionsprivilegien im staatlichen und halbstaatlichen Bereich“ (S.108), genannt werden mehrfach die ÖBB und die Post, die seit den 1980er die Lieblingsfeinde der ÖVP sind. („Privilegien“ allein tun es nicht mehr, nein, es sind Privilegien zur Potenz, also „Sonderprivilegien“.) Und natürlich darf die steuerliche Begünstigung von privaten Pensionen nicht fehlen, sowie die Erzeugung von Druck durch private Gesundheitsanbieter, die den Rahm abschöpfen und privatisieren sollen, so dass dann zu wenig bleibt und „gespart“ werden muss.

Auch hier müssen wir entgegenhalten, doch es sei eingeräumt, dass das schon ziemlich kleine Brötchen sind, die da gebacken werden. Oder anders gesagt, die Angst vor Widerstand und das Schwächegefühl muss schon sehr groß sein. Die meisten sozialdemokratisch geführten Regierung im neoliberalen Europa waren „effizientere“ Diener ihrer Herren.

ÖBB

Typisch für den Geist des Programms ist die indirekte aber doch substanzielle Attacke auf die ÖBB, die eines der verbleibenden Herzstücke staatlicher Dienstleistung sind. Zwar gibt es ein allgemeines Bekenntnis zum schienengebundenen öffentlichen Verkehr. Doch es wird mehrfach auf die EU-Liberalisierungsmaßnahmen für mehr Wettbewerb hingewiesen, teils als vorgeschriebene Notwendigkeit, teils als Mittel zur Effizienzsteigerung. Das Infrastrukturprogramm wird nicht frontal attackiert, aber soll „effizienter“ (blabla, das Wort kommt fast 150mal vor) und „budgetschonender“ umgesetzt werden, um den „Verschuldungsanstieg abzuflachen“. Klar, wohin der Hase läuft. Privaten Eisenbahngesellschaften muss „diskriminierungsfreier Zugang zum Schienennetz“ gewährt werden. Die zugehörige Keule wird gleich mitgeschwungen: „Einführung wettbewerblicher Vergabeverfahren für gemeinwirtschaftliche Personenverkehrsleistungen unter Berücksichtigung der optionalen Möglichkeit für Direktvergaben bei der Erbringung von regionalen und kommunalen Verkehrsdienstleistungen“. Vulgo: wir werden den Versorgungsauftrag an Billigbieter vergeben, die die Arbeitskräfte bis aufs Letzte ausquetschen. Was nicht fehlen darf: Liberalisierung des Busverkehrs (S.153) als Eldorado von McJob im Personentransport – so viel ist also das Bekenntnis zur Schiene wert.

Wie das Mietenkapitel zeigt auch jenes zum öffentlichen Verkehr einerseits die Hinterhältigkeit, andererseits aber die empfundene Notwendigkeit des Täuschen-und-Tarnens.

Langsam zersetzen, statt identitärer Linksliberalismus

Es gäbe noch viel über das unmittelbar Sozioökonomische hinaus zu sagen, wie beispielsweise die Schul- und Bildungspolitik (Studiengebühren), die chauvinistische Identitätspolitik (hier analysiert), das Problem des Föderalismus und des Finanzausgleichs, die Versprechen auf direkte Demokratie und das Verbot über die EU abzustimmen, die glatte Zustimmung zu Ceta und den Freihandel, die Militarisierung im EU-Rahmen (SSZ), Repression und Überwachung. Aus dem Kreis des Personenkomitees „Selbstbestimmtes Österreich – demokratisch – sozial – souverän – neutral“ wurden da schon einige Beiträge geleistet und es sind zahlreiche weitere zu erwarten.

Doch hier soll es um grundlegende politische Idee gehen, die entscheidende Prämisse, wie Widerstand erfolgreich entwickelt werden kann. (Ich habe versucht das in fünf Thesen zu fassen.): Es hat keinen Sinn die Regierung vor allem als rechtsradikal und protofaschistisch anzugreifen (traditioneller Topos Burschenschafter). Denn sie steht sozioökonomisch und auch politisch in starker Kontinuität zu Rotschwarz, vielleicht mit Ausnahme des identitär-chauvinistischen Narrativs. (Doch dieses wurde auch durch Teile der SPÖ, von Pilz auch selbst der Grünen bedient – siehe das transversale Feindbild Islam.) Das neoliberale Regime ändert sich im Wesentlichen nicht. Es könnte sogar sein, dass sie mit ihren ideologischen antisozialpartnerschaftlichen Momenten Widerstand provoziert. Negativ gewendet: Es steht zu befürchten, dass der ganze SP- und Gewerkschaftsapparat auf die fortgesetzte De-facto-Einbindung spekuliert und Ruhe bewahrt.

Zudem kommt noch hinzu, dass die Regierung über eine satte parlamentarische Mehrheit und damit in der Bevölkerung auch über Legitimität verfügt. Die kann man ihr mittels eines „Antifa-Sturmangriffs“ auch nicht nehmen. Der wird von der Bevölkerung nicht nur nicht ernstgenommen, sondern hilft der Regierung sogar sich zu legitimieren. (Man erinnere sich an die Boykottmaßnahmen gegen Schwarzblau I, die wesentlich zur Stabilisierung einer wankenden Regierung beigetragen haben.)

Vielmehr geht es darum, den realen sozialen Betrug gegenüber den diffusen Erwartungen, die in die identitäre Erzählung eingeflochten sind, in zäher politisch-sozialer Arbeit nachzuweisen, insbesondere gegenüber der städtisch-plebejischen Basis der FPÖ, aber nicht nur. Eine Regierung des kleinen Mannes? Mietenwucher, Lohnkürzungen, Sozialraub schreien wir zurück. Und in der Folge kommt die Frage des Budgets, die durch den liberalen Populismus ideologisch verbrämt ist. Doch den Steuersenkungen folgt der Sozialabbau auf den Fuß. Irgendwann kommt dann wieder der Knittelfeld-Moment (Spaltung der FP 2002 in einen bürgerlichen und einen sozialpopulistischen Flügel).

In der Zwischenzeit sollte es uns gelingen, eine politisch-soziale Alternative gegen das neoliberale Regime in Stellung zu bringen. Der rotschwarze Liberalismus ist nicht besser und wir wollen nicht zu ihm zurück. Zudem ist er ja der Hauptproduzent des Rechtspopulismus. Diese symbiotische Spirale zwischen Zentrumsliberalismus und Rechtspopulismus muss durchbrochen werden. Dagegen setzen wir einen demokratisch-sozialen Volkssouveränismus, der das neoliberale Diktat der EU sprengt.

 

Demokratisch-sozial-souverän-neutral, Vorschläge für eine österreichische Systemopposition, Frühjahr 2017

Ideologischer Kitt von Schwarzblau: Immigranten als Sozialschmarotzer dämonisieren

Wirtschaftspolitische Realität: Lohndrücken durch Arbeitszuwanderung fördern

von Wilhelm Langthaler

Das vielleicht wichtigste politisch-kulturelle Element des Regierungsprogramms und auch des gesamten Wahlkampfs ist die Ausmachung eines Feindes, eines Schuldigen, der zu jagen und zur Strecke zu bringen ist. Es sind das die Flüchtlinge und insbesondere die Muslime.

Tenor: Deren Ziel sei das leistungslose Einschleichen in den Sozialstaat. Zum Dank dafür wollten sie sich nicht einmal integrieren und gefährdeten uns sogar noch mittels des Politischen Islam. „Aber so nicht – nicht mit uns! Wir stellen wieder Fairness her und verteidigen uns.“ Dieses Motto wird im Regierungsprogramm über dutzende Seiten wiederholt und breitgetreten.

Bei vielen Menschen aus den unteren Schichten (und nicht nur) fällt diese Rhetorik auf fruchtbaren Boden. Sie sehen sich mit Abbau von Sozialleistungen konfrontiert und gehen der neoliberalen Propaganda über dessen Notwendigkeit oft auf den Leim, während Flüchtlinge Leistungen erhielten, ohne zum Gemeinwesen etwas beigetragen zu haben oder diesem anzugehören.

In diesem Narrativ ist nicht enthalten, dass diese Ausgaben bei lediglich 1-2% des Budgets liegen und zudem in Zeiten der Stagnation noch eine konjunkturfördernde Wirkung haben. (Keynes sprach veranschaulichend vom Künettengraben und wieder zuschütten, nur um Menschen in Lohn zu bekommen und auf die belebende Wirkung der Brotnachfrage zu setzen.) Zudem können die einen Budgetposten nicht direkt anderen gegenübergestellt werden, sondern sie stehen nur per Saldo in einem Zusammenhang. Ganz zu schweigen vom einem auf westliche Herrschaft, Unterdrückung und Ausbeutung aufgebauten Weltsystem.

Jedenfalls kündigt die neue Regierung massive Schläge gegen diesen von außen eindringenden Feind an. Als unmittelbare Maßnahme wird die Familienbeihilfe für im Ausland lebende Kinder gesenkt. Die Mindestsicherung (die in der Kompetenz der Länder liegt) wurde für Flüchtlinge bereits massiv verringert. Da geht es vor allem gegen Wien, wo sich die Stadtregierung bisher verweigert hat einen Elendssektor zu schaffen. Die mobilisierende Wirkung gegenüber der eigenen Klientel soll durch demütigende Symbolik wie Abnehmen von Bargeld, Umstellung auf Sachleistung, Massenquartiere usw. untermalt werden.

Den Feind schaffen – Kulturkampf

Dabei wird systematisch Missbrauch, Kriminalität, barbarische Kultur, feindliche Werte gipfelnd im islamistischen Terrorismus unterstellt. Kostproben: „kulturell bedingter Gewalt, Kinder-, Mehrfach- und Zwangsehen sowie der Praktizierung der Scharia“, „Ehemänner von Kinderbräuten mit der Obsorge zu betrauen“, „Islamisierung der Gesellschaft“, „der politische Islam, der zu Radikalisierung, Antisemitismus, Gewalt und Terrorismus führen kann“, „Parallelgesellschaft“ (ganze fünfmal). Nicht zu vergessen, es handelt sich um ein Regierungsprogramm und keine rechtsradikale Hetzschrift.

Ständig wird von der Wertevermittlung gesprochen, die, wenn nicht angenommen, mit Sanktionen wie Leistungskürzungen erzwungen werden soll: „Arbeits- und Teilhabepflicht“. Eine Orwell’sche Stilblüte aus dem Kapitel Elementarpädagogik (vulgo Kindergarten): „Genau definierter, verbindlicher Wertekanon (Bekenntnis zur Verfassungs-, Werte- und Gesellschaftsordnung, verbindliche Vermittlung)“ – wie darf man sich sowas bei fünfjährigen Kindern vorstellen? Und die gefährliche Parallelgesellschaft verhindert man scheinbar am besten, indem Kinder mit schlechten Deutschkenntnissen in Ghettoklassen aussortiert werden. Ganz nebenbei will man die Möglichkeit für exklusive Eliteschulen schaffen: „Eingangsverfahren für Höhere Schulen im Rahmen der Schulautonomie“.

Regierung will Arbeitsimmigration fördern

Das Infame dabei ist aber, dass gleichzeitig vom „Fachkräftemangel“ (sechsmal) insbesondere im Tourismus schwadroniert wird. Nicht, dass das Problem auf die geringen Löhne oder menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen zurückgeführt würde. Umgehend wird von der Notwendigkeit von weiterer Zuwanderung gesprochen. Gemeint sind damit weiße, christliche Osteuropäer. Mittels EU-Arbeitnehmerfreizügigkeit werden seit vielen Jahren die Löhne heruntergedrückt. Als Ablenkung schlägt VP-FP umso heftiger auf die kulturell und oft auch der Hautfarbe nach als anders gekennzeichneten Flüchtlinge meist aus Nahost ein. Am Arbeitsmarkt sind diese als Konkurrenz jedoch viel weniger wirksam, nur am untersten Ende, wo die Flüchtlinge alteingesessene Türkisch- und Jugoslawischstämmige verdrängen. Entsprechend stellen sich viele von den Betroffenen nicht nur gegen die Aufnahme weiterer Flüchtlinge, sondern kaufen auch das zugehörige chauvinistische Narrativ mit, auch wenn sie zum Teil selbst diskriminiert werden.

Integration durch Verarmung, Zwang und Gewalt?

Die globalen Eliten im Allgemeinen (man erinnere sich an Samuel Huntington) und Schwarzblau spezifisch in Österreich versuchen ihre Herrschaft mit einem Kulturkampf zu stabilisieren und zu legitimieren. Solche Impulse gibt natürlich auf der Seite des globalen Südens und der Marginalisierten bei uns ebenso – es wirkt wechselseitig.

Die symbolische Demütigung und Unterwerfung der Flüchtlinge und Einwanderer, ihre Verarmung und soziale Ausgrenzung, die Verschlechterung ihrer Lebenschancen, der Zwang zur kulturellen Assimilation, die repressiven Maßnahmen und der Generalverdacht führen zum genauen Gegenteil dessen, was die Regierung vorgibt erreichen zu wollen („Wertevermittlung“). Einerseits schafft sie soziales Elend in dem Lohndruck, Konkurrenz, Kriminalität, Bandenwesen organisch werden. Andererseits heizt sie den Kulturkampf weiter an.

Es ist diese Zangenbewegung von sozialem und kulturellem Ausschluss, die die „Parallelgesellschaft“ erst erzeugt. Lebenschancen bieten wäre indes der zentrale und sehr wirkungsvolle Hebel zur Integration. Die Regierung will und macht das Gegenteil.

Wie die Nuss knacken?

Wir wissen aus der Geschichte, dass das chauvinistische Narrativ, wer immer auch als das Böse herhalten musste, rational und frontal kaum zu zerlegen ist. Zudem ist der Herrschaftsapparat immer wesentlich daran beteiligt, das Feindbild andauernd zu speisen und zu bestätigen. Antirassistische Denunziation ist also politisch sinnlos und als moralisierende Selbstbeweihräucherung oft sogar kontraproduktiv.

Klassisch wird von links dem die Konzentration auf die soziale Frage gegenübergestellt. Das ist zwar ganz allgemein richtig, aber muss auch politisch-symbolisch gefasst werden. Heute geht das nur gegen die Globalisierung, die grenzenlose Freiheit der Eliten Waren, Kapital und Arbeitskraft weltweit zu bewegen. Dagegen setzen wir die demokratische Souveränität des Volkes, die die Gesellschaft umfassend nach ihrem Willen mittels des Nationalstaates gestalten will.

Das heißt auch, dass das Problem der extremen globalen Ungleichheit und ungerechten Herrschaft nicht mit Migration gelöst werden kann, sondern nur mit dem Ende des Freihandelsregimes und der selbstbestimmten Entwicklung. Der Schlüssel ist das kollektive Recht auf Selbstbestimmung, nicht auf individuelle Flucht. Ein politisch entscheidendes Element in diesem Kontext ist die Regulierung des Arbeitsmarktes. Denn nur so kann dem Druck nach unten in den unteren Segmenten entgegengewirkt werden. Zweites Element ist, dass Flucht und Asyl jeweils politisch auszuhandeln ist.

Ausgehend von diesen Grundprämissen ist der Weg frei, verständlich zu machen, dass jene, die ihren Lebensmittelpunkt bereits hier haben, volle Lebenschancen erhalten sollen. Denn sonst dienen die Immigranten zur Spaltung der unteren Hälfte der Gesellschaft. Das führt nicht nur zum Aufgehen der sozialen Schere, sondern befördert auch der Entdemokratisierung und exklusive Elitenherrschaft, mit der wir heute konfrontiert sind.

Strategische Achsen gegen Schwarzblau

von Wilhelm Langthaler

Thesen zur Diskussion und Mobilisierung

 

1) Zähe und langfristige soziale Mobilisierung gegen die Angriffe von Kurz-Strache

Die Schwachstelle im Kabinett ist die FPÖ, die das Gegenteil von dem tun muss, was sich ihre plebejische Klientel erwartet. Schwarzblau hat zwar eine bequeme parlamentarische Mehrheit, aber sie sind gesellschaftlich dennoch schwächer als Schwarzrot. Die Attacken der neuen Privilegieren-Regierung könnten abgewehrt werden, denn im Herrschaftsapparat selbst gibt es Leute, die sich ihren Misserfolg wünschen, einschließlich gewisser Teile der Regimemedien. [Bild: Kronenzeitung vom 3.1.2018] Wir können nicht überall sein und müssen uns auf jene Fragen konzentrieren, die am meisten Sprengkraft und Potential haben vom Sozialen ins Politische vorzudringen. Was das sein wird, zeichnet sich noch nicht deutlich genug ab.

 

2) Strategische Zersetzung der FP-Basis

Wir müssen uns an die Unterschichten richten und den systematischen sozialen Betrug durch die FP zeigen. Da ist der politisch-kulturelle Snobismus des Linksliberalismus ungeeignet. Auch die antirassistische Denunziation. Auseinandersetzung, Diskussion statt Isolierung und Boykott. Die FP-Regierungsbeteiligung ist die Chance die Partei von ihrem Unterschichtenteil zu trennen und auf ihren chauvinistisch-reaktionären Kern zu reduzieren. (Die ÖVP ist viel direkter die Partei der Oberschichten, aber es gibt natürlich auch dort ein Element der Täuschung der unteren Hälfte.)

 

3) Wider die identitäre Mobilisierung von Kurz-Strache

Sozioökonomisch wird die Regierung ihrer Unterschichtenklientel nur sehr wenig bieten können. Um so wichtiger ist der ideologische Kit der identitären Mobilisierung gegen Flüchtlinge, Immigranten und vor allem den Islam. Kulturchauvinismus enthält ein massenpsychologisches Element, hat fast den Status einer negativen Zivilreligion, und kann daher durch rationale Argumentation schwer aufgelöst werden (man erinnere sich an den historischen Antisemitismus). Um so mehr muss man dem entgegenhalten und den Chauvinismus über die sozioökonomische Frontstellung zu den Eliten aufbrechen.

 

4) Hauptfeind liberales Zentrum und sein supranationales antidemokratisches Korsett

Die Globalisierung hat soziale Spaltung und Verwüstung sowie Entdemokratisierung im Interesse einer winzigen Elite gebracht. Wirtschaft und Gesellschaft muss unter die Kontrolle der Mehrheit gebracht und von dieser politisch mittels des Staates bestimmt werden – das heißt für uns Volkssouveränität. Das bedeutet Regulierung der Bewegung des Kapitals, der Waren und der Arbeitskräfte, des wichtigsten Produktionsfaktors. Das braucht den Mut zum Widerstand gegen und Bruch mit dem globalen Freihandelsregime und dessen europäischer Form, dem Binnenmarkt und seinem Brüsseler Protostaat.

 

5) Neue Oppositionsplattform gegen das neoliberale Regime (Schwarz-Blau-Rot)

Unser Widerstand gegen Schwarzblau darf nicht vergessen, dass die neue Regierung Folge des rotschwarzen Neoliberalismus ist. Dahin wollen wir nicht zurück. Wir wollen alle demokratisch und sozialen Kräfte, die bereit zum Bruch mit dem neoliberalen System sind, zu einer gesellschaftlich relevanten Plattform zusammenfassen, die eine Alternative bilden kann.

Die Zukunft Londons als Finanzcasino

Nachtrag zum Brexit

von Rainer Brunath

Die Verhandlungsdelegationen beider Seiten waren sich bisher offenbar darin einig, dass der Finanzplatz London für alle Seiten geöffnet bleiben muss. Am Verhandlungstisch blieb diese Frage (bisher) ausgeklammert. Die Zeit drängt aber, denn am 29.3.2018 soll es soweit sein: der Austritt Britanniens aus der EU.

Worüber redet man denn sonst? Zollfragen? Nein! Zu einem Chaos wird es nicht kommen. Die Häfen werden weiterhin abfertigen, der Warenverkehr wird im Modus, wie er vor dem Brexit war, aufrecht erhalten werden. Und das dürfte durchaus im Interesse jener sein, die die Zollunion in ihrer jetzigen Form haben aushandeln lassen.

Ja, selbst EU-Nichtmitglieder, wie die Schweiz oder Norwegen, pflegen weitgehende Zollfreiheit zur EU. Warum sollte dieser Zustand nicht weiter in ein Nach-Brexit-Britannien übernommen werden. Das ginge sogar ohne

spezielle Übereinkunft, es gilt der gegenwärtige Zustand einfach weiter. Und aus diesem einfachen Grund, hat man bisher nicht (oder nur beiläufig) über Handelsfragen gesprochen.

Was bleibt denn als Verhandlungspunkt zwischen den Kontrahenten? Es sind die Beiträge die Britannien in die EU nachzahlen soll, sowie die Frage des Status von der EU-Migranten in Großbritannien und die Frage der Grenzregelung zwischen Irland und Nordirland.

Für die britischen Wirtschaftseliten wird es unbedeutend sein, zu welchem Ergebnis die Verhandlungen führen. Hauptsache, es kommen billige Arbeitskräfte ins Land. Man will lediglich vermeiden, dass Drittländer in dieser Frage Mitsprache beanspruchen.

Mit diesen Themen ist man aber erst im Vorhof der eigentlichen Verhandlung. Der wirkliche Knackpunkt ist der Finanzplatz London. Bisher konnten internationale Banken, z.B. jene der USA von London aus ihre grenzüberschreitenden Geschäfte in der EU betreiben. Wird das geändert werden?

Am Erhalt des jetzigen Zustandes haben alle internationalen Banken seit der von Margret Thatcher eingeführten großen Deregulierung (Big Bang) am Finanzplatz London großes Interesse.

Was war nun der „Big Bang“ auf dem Finanzplatz London?

Die Londoner City, war schon vor Jahrhunderten von höchster finanzpolitischer Bedeutung für die Politik in der Regierenden in Britannien.. Margaret Thatcher leitete diesbezüglich eine finanzpolitische Wende ein – mit dem sogenannten Big Bang – mit höchst fragwürdigen Folgen.

Bisher finanzierten die Londoner Geldhäuser die Kolonialpolitik der Regierungen. Diese Tradition hatte Bestand, bis die konservative Premierministerin Margaret Thatcher mit dieser Tradition gründlich aufräumte.

Paul Auerbach, Wirtschaftsdozent an der Universität Kingston sagte [Zitat]: „Frau Thatcher wollte die Londoner City für ausländisches Kapital so attraktiv wie möglich machen, und so wurde Großbritannien eines der ersten Länder, in dem die Devisenkontrollen und die staatliche Überwachung von Kapitalbewegungen abgeschafft wurden. “

Das führte dazu, dass innerhalb kurzer Frist die Londoner Banken zu Spezialisten für internationale Vermögensverwaltung wurden. Aber Margaret Thatcher legte noch eins zu: am 27.10. 1986 befreite sie den Wertpapierhandel von regulativen Fesseln. Normale Banken und Investmentbanken wurden gleich gestellt, Kontrolle von Kommissionen wurde abgeschafft. Das führte auf dem Kontinent zu schockähnlichem Erstaunen, die Medien redeten von einem „Big Bang“.

Der bereits zitierte Wirtschaftsdozent Paul Auerbach schrieb dazu: „Jetzt konnten die Banker mit den Geldern ihrer Sparkunden, spielen und spekulieren, geradeso als wären sie Investmentbanker. Traditionelle Bausparkassen verloren ihren Sonderstatus und wurden von den großen Banken verschluckt. Für Ausländische Banken galten plötzlich dieselben Bestimmungen wie für die britischen Banken.“

Schutzbestimmungen waren also abgeschafft, US-Amerikanische Geldinstitute kamen in die Londoner City, brachten ihre Geschäftsmethoden mit. Riskante Transaktionen wurden zur Norm, der traditionelle Banker, der seine Obhut dem Geld seiner Sparkunden widmete, war zum Mythos geworden. Der Enthüllungsroman „Cityboy“ von Geraint Anderson beschreibt dieses Szenario.

Auf der Insel begann, ausgehend von den reich gewordenen Londoner Finanzspezialisten, ein großer Konsumrausch. Der ehemalige Schatzkanzler Nigel Lawson gab zu: [Zitat] „Damals herrschte ein exzessiver Optimismus. Es gab völlig überzogene Erwartungen. Natürlich ist der Wirtschaft mit einer optimistischen Haltung besser gedient – aber was wir damals erlebten, das ging eindeutig zu weit.“

Neben diesem als positiv apostrophierten Effekt entwickelten sich gravierende Folgen. Das soziale Gefälle klaffte in London und im ganzen Land so weit auseinander wie in keiner anderen Metropole der westlichen Welt. Die traditionelle Kluft zwischen dem britischen Süden und Norden wurde immer tiefer. Teile von Nordengland erlebten als Folge der von Frau Thatcher favorisierten Finanzpolitik, eine gravierende De-Industrialisierung und wurden bitterarm. Der Finanzsektor Londons dagegen wurde zu übergewichtig im Vergleich zur materiellen Produktion, sagt Paul Auerbach [Zitat]: „Während die USA einen enorm großen Industrie- und Landwirtschaftssektor besitzen, ist Großbritannien äußerst einseitig geworden. Das ist schlecht für den Arbeitsmarkt. Der Finanzsektor hat relativ wenig Arbeitsplätze, außerdem wirbt er wertvolle Nachwuchskräfte direkt nach dem Studienabschluss ab. Das sind junge Talente, die sich in der Wissenschaft oder in der Industrie viel nützlicher machen könnten.“

Nach der Finanzkrise 2008 wurden, auch auf Betreiben der EU, für die Londoner Banken Kontrollmechanismen eingeführt. Doch besteht die Gefahr, dass diese nach einem Brexit wieder abgeschafft werden, so fürchtet Auerbach.

Auch für die vielen Banken, darunter auch Hedgefonds und Private-Equity-Fonds etc. aus den Ländern der EU, die sich in jenen Jahren in der Londoner City niederließen, galten seit den 90er Jahren Kontrollmechanismen durch eine nationale Bankenaufsicht. So wurde der Finanzsektor die bei weitem größte und ertragreichste Branche im Königreich und London damit reich. Das bedeutet, dass wenn London nicht mehr in der EU ist, das an der britischen Volkswirtschaft nicht spurlos vorbeigeht. Möglich, dass man nicht über die Wirkung eines massenhaften Auszugs der Banken aus London reden möchte. Es konnte ja Verhandlungspositionen schwächen. Ein denkbarer Knick in der Prosperität der Wirtschaft beträfe jedoch nur London, der Rest des Landes hat diesen Knick schon hinter sich.

Die Banken und ihre Vertreter in London wollen unter allen Umständen solch eine Entwicklung verhindern oder Ersatzlösungen finden. Man macht „Stresstests“ und was nicht alles, um die Folgen einer Abwanderung des lukrativen Investmentbankings abzuwenden.

Aber schon früh, kurz nach dem Brexit-Votum kam James Dimon, Chef von J.  P. Morgan, der seit der letzten Finanzkrise größten Bank der USA (und der Welt), zu einem Besuch nach London und sagte frank und frei [Zitat]: „Es gibt eine Lösung für alle Probleme. Man muss nur die richtigen Leute in einem Zimmer versammeln. Vielleicht kann man dann die Brexit-Entscheidung einfach wieder umdrehen.“

Haben die richtigen Leute entschieden, dem Brexit (und Premierministerin Theresa May) ökonomisch ein Bein zu stellen?

 

Literatur:

  1. http://www.deutschlandfunk.de/londoner-boerse-vor-30-jahren-big-bang-brachte-riskante.871.de.html?dram:article_id=369619

(DLF Nachrichten vom 27.10.2016)

  1. aktuelle Nachrichtenmedien

Brexit und Irlandfrage

Wie die Eliten versuchen das Votum auszuhöhlen

von Rainer Brunath

Nach dem sog. Durchbruch bei der „Scheidungsrechnung“, die sich auf 55 Milliarden Euro beläuft, sollte es nun endlich weitergehen in den Verhandlungen. Aber schon diese Zahl, die nicht weit entfernt ist von der Summe, die die EU für den Abschied verlangte, löste Proteste in Britannien aus.

Von rechts meldete sich Nigel Farage, der solch einen Deal einen „Ausverkauf“ nannte. „Dann sei es immer noch besser, ohne Deal aus der EU auszutreten“, argumentierte er, während Vincent Cable, Chef der Liberalen, die als Brexit-Gegner, aufgetreten waren, ein zweites Referendum forderte und angeblich sollten Labour-Abgeordnete öffentlich lamentieren, dass Boris Johnson und Michel Grove [Zitat]„niemals gesagt hätten, dass es eine so hohe Rechnung für die Scheidung geben werde – ganz im Gegenteil“.

Ein zweite zentrale Forderung der EU, nämlich die Behandlung der Rechte der in Großbritannien lebenden EU-Bürger erfüllte London quasi. Es hieß, in Zukunft sollten gewisse Fälle an den Europäischen Gerichtshof überstellt werden.

Die Behandlung der Frage der inneririschen Grenze stand als nächstes an. Kam man weiter? Zwar versuchten die Verhandlungsdelegationen und die Premierministerin Theresa May die Vereinbarung als „Erfolg“ darzustellen. Aber was war denn nun der „Erfolg“ und wie sah die bekannt gegebene „Einigung“ nun aus?

Es hieß, dass das UK eine “volle Angleichung“ an die Bestimmungen des EU-Binnenmarkts herstellen würde, da sich vorläufig keine andere Lösung anböte, Grenzkontrollen auf der irischen Insel zu vermeiden.

Um es gleich zu sagen, diese „Einigung“ verschärfte im Gegenteil die Irlandfrage dramatisch. Die irische Regierung hatte sich eingemischt und gefordert, dass zwischen Irland und Nordirland alles so bleiben sollte, wie es ist und Premierministerin Theresa May stimmte zu, nachdem ihr Vorschlag, die harte Grenze zwischen Nordirland und der britischen Insel festzulegen, bei ihrem Koalitionspartner, der nordirischen erzkonservativen Unionistenpartei DUP auf Protest stieß. Diese Partei war und ist erbitterte Widersacherin eines Sonderstatus für den Norden Irlands, den Premierministerin Theresa May nicht durchsetzen konnte oder wollte. Die DUP trieb die Angst um, dass der ursprüngliche Vorschlag von Seiten Londons ein erster Schritt zur Abkopplung der Provinz vom Rest des Königreichs wäre.
„Wer der vorläufige und eigentliche Sieger im Geschacher um Formulierungen ist, wurde inzwischen bekannt. Es ist jedoch nicht die Arbeiterklasse Britanniens und Irlands“, kommentierte der Morning Star.

Man fasst sich an den Kopf und fragt sich: „Gibt es denn so etwas? Austritt aus der Zollunion und gleichzeitig europäischer Binnenmarkt? Wieder ein Sonderstatus Britanniens in seinen Beziehungen zu Kontinentaleuropa? Eine Regelung die nur ein gewisses Gebiet im Königreich betrifft? Würde das nicht zum Verlangen anderer Gebiete Britanniens führen, ebensolche Sonderregelungen zugestanden zu bekommen?“

Und prompt kam es so. Schottland meldete sich. Man könne Schottland nicht verwehren, was Nordirland zugestanden würde. Selbst der Londoner Bürgermeister erhob ein solches Ansinnen.

Das Referendumsergebnis vom Juni 2016 war die Konsequenz einer, wie auch immer gearteten sozialen Bewegung in den Midlands vom UK. Ob der kleine, sich betrogen fühlende Arbeiter, Mittelständler oder sogar Selbstständige nun von den Argumenten der UKIP, der Tories oder der LEXIT(left Brexit)-Bewegung hat überzeugen lassen, ist für den sozialen Charakter des Ergebnisses unerheblich. Und das ist die Seite der Medaille, die weder von Theresa May und erst recht nicht von Bankern und Industriellen akzeptiert wird. Sie suchten und suchen nach Möglichkeiten, den Brexit weichzuklopfen, bis er nicht mehr zu erkennen sein wird.

Willkommener Anlass dem Brexit und deren Befürwortern die Schuld an der Misere zuzuschieben, war die Frage nach der Behandlung der inneririschen Grenze. Sie wurde als Aufhänger dafür verwendet, Zollbestimmungen und Binnenmarkt trotz Ausscheiden der Briten aus der EU nicht anzutasten. Das Problem „Nordirland“ war also jenen industriellen und monetären Eliten im UK und der EU willkommene Gelegenheit war, die soziale Bewegung, die sich im Brexitreferendum manifestiert hatte, ins Leere laufen zu lassen. Oder gegen die Wand, wie man will und riskiert damit sogar den Zerfall des UK oder zumindest heftige innere Konflikte. Und es ist anzunehmen, dass sie es dabei nicht bewenden lassen. Soziale Bewegungen fürchten die wie der Teufel das Weihwasser.

Bekannt gewordene Kommentare dazu aus dem inneririschen sozialen Milieu sprechen die gleiche Sprache: [Zitat] „Obwohl die Grenzfrage für uns wichtig ist, muss man erkennen, dass sie sowohl von der EU als auch von den Briten genutzt wurde, um ihr gemeinsames Ziel eines minimalistischen Brexits voranzutreiben. Dabei diente ihnen das irische Volk als Bauernfigur zum Erreichen des von beiden Seiten gewünschten Endes. Wenn sie das Ergebnis des Referendums schon nicht umdrehen können – was […] deren bevorzugte Option ist – dann arbeiten sie daran, dass […] Britannien weiter die engste ökonomische und politische Beziehung mit der EU behält; in Worten die EU verlässt, doch in Taten bleibt und damit die demokratische Entscheidung der britischen Wähler zunichte gemacht wird.“
Auch Robert Griffith in Britannien, Befürworter des LEXIT (left Brexit) und Parteiführer der CPB sieht in der Grenzfrage vor allem einen Vorwand für Britannien, die weitere Abhängigkeit von EU-Regeln und -Institutionen zu erhalten. [Zitat] „Dieses auf Großunternehmen ausgerichtete Minderheiten-Tory Regime führt loyal die Instruktionen des EU-Wirtschaftsbeirates aus, Britannien für unabsehbare Zukunft an den EU-Binnenmarkt zu binden und für dieses dubiose Privileg auch noch einen Arsch voll Geld zu bezahlen.“

Soziale Bewegungen erleben stets, wenn sie glauben, ihr Ziel erreicht zu haben, die Aushöhlung von innen oder Unterwanderung durch bezahlte Subjekte und die rigiden Bremsmanöver ihrer Widersacher. Zur Absicherung des Erreichten bedarf es kontinuierlicher fantasievoller Erneuerung, Wachsamkeit, der Solidarität nach innen trotz gelegentlicher Meinungsverschiedenheiten in taktischen Fragen und Geschlossenheit. Ob die Brexit-Bewegung im UK, mit ihr die Labour-Party und ihrem Leader Jeremy Corbyn, diesen langen Atem hat, wird erst die Zukunft zeigen.

„Vom Empire zum Brexit“

Neues Buch von Rainer Brunath

Mit dem Vereinigten Königreich und Nordirland will erstmals ein Land aus der Europäischen Union austreten. Das ergab 2016 eine Volksabstimmung, die nun von der Regierung umgesetzt werden soll. Das Vereinigte Königreich war über 40 Jahre Mitglied der EU.

Zwar forderte bereits Winston Churchill die „Vereinigten Staaten von Europa“, bezog das aber nur auf Kontinentaleuropa. Das Vereinigte Königreich wollte – auch später – nie so weit gehen, dass es in einem europäischen Bundesstaat aufgeht, wie es im Vertrag von Maastricht festgeschrieben wurde Primär versteht bzw. verstand Britannien die EU nur als Wirtschaftsgemeinschaft.

Dieses Buch skizziert spannend und faktenreich die Geschichte Englands bis zum Empire, das endlich mit dem Commonwealth of Nations eine supranationale Gemeinschaft formte. Vom Mittelalter bis zum „Brexit“, zeigt dieses Buch die Kontinuitäten und Wandlungen der Politik Londons auf, denen als gemeinsamer Nenner stets wirtschaftliche Interessen, d.h. die Interessen der Eliten, zugrunde lagen. Damit stellt der Autor die Übertragung von individuellem wirtschaftlichen Primat in die Politik in Frage.

***

Vom Empire zum Brexit: England im Wandel Taschenbuch
von Rainer F Brunath
216 Seiten, Region-Verlag, 31. Oktober 2017
ISBN-10: 3981874900, ISBN-13: 978-3981874907

Bestelladresse:
Region-Verlag/Dieter Kindel
Medienprojekte
Schwalmweg 6
D-34587 Felsberg

Schwarzblau: „Marktkonforme Mieten“

Kapitel „Modernisierung des Mietrechts“ als Spiegel des Regierungsprogramms

 

FP-Strache gibt bekanntlich gerne den Anwalt des kleinen Mannes, ja sein ganzer Aufstieg ist auf dieses Image gegründet. So forderte er im Wahlkampf symbolisch noch die 300-Euro-Miete für eine 50m²-Wohnung. Doch davon steht im Regierungsprogramm nichts mehr. Da durfte er offensichtlich nur mehr die Interessen der Immobilien-Haie etwas verschleiern. Eine Lektüre des Abschnitts im Regierungsprogramm S. 47-49 lohnt sich jedenfalls.

Auf der FP-Abschlusskundgebung in der ehemaligen Hochburg der Sozialdemokratie in Wien Favoriten schwadronierte Strache noch von der Fixierung der Mieten sowie der Erhöhung von Mindestpension und Mindestlöhnen – von der sonst im Zentrum stehenden Ablehnung der Erbschaftssteuer zog er es vor vornehm zu schweigen.

Um so dreister erscheint da das Regierungsprogramm, dass nicht nur sprichwörtlich die Handschrift des spekulativen Immobilienkapitals trägt. Kurz‘ Nadelstreif-Krieger hatten offensichtlich die Chuzpe als Basistext die Forderungen des „Österreichischen Verbandes der Immobilienwirtschaft“ (ÖVI) zu verwenden. Justin Kadi weist auf der Seite urbanizm.net überzeugend nach, wie ganze zehn ÖVI-Forderungen von insgesamt dreizehn fast wörtlich übernommen wurden.

Den Strache-Leuten dürfte lediglich die Möglichkeit eingeräumt worden sein, den Inhalt etwas zu verschleiern und zu verschmieren, um nicht sofort als Knechte der Hausherrensöhne zu erscheinen. Diese gaben sich auch mit allgemeinen neoliberalen Kodewörtern zufrieden, die zumindest die Bewegungsrichtung klar angeben. So findet sich auf knappen 2½ Seiten ganze sechsmal Formeln des Typs „fairer und/oder ausgewogener Interessenausgleich zwischen Mietern und Vermietern“.

Was unter dem zentralen Begriff des FP-Wahlkampfs „fair“ wirklich gemeint ist (ursprünglich im Stile eines Kindes, das gegen die Einschränkungen seiner unmittelbaren egoistischen Eigeninteressen als unfair protestiert), geht dann aus so Formulierungen wie „marktkonforme Miete“, „Dispositionsfreiheit in definierten Einzelfällen für kurzfristige Mietverhältnisse“ oder „Schaffung von Freiräumen für Mieter und Vermieter, wo Regelungen nicht erforderlich erscheinen“ hervor. Ganz abgesehen davon, dass Deregulierung angesichts der neoliberalen Offensive grundsätzlich eine Verschiebung zugunsten der Eliten bedeutet.

Einer der wichtigsten konkreten Maßnahmen ist die „Aufhebung des Verbots des Lagezuschlages in Gründerzeitvierteln zur Herstellung fairer Verhältnisse“. Das betrifft ca. 10% des Wiener Wohnungsbestandes und würde teilweise massive Erhöhungen bedeuten, die die Gentrifizierung innerhalb des Gürtels vervollständigten. In eine ähnliche Richtung geht die Einschränkung des Eintrittsrechts von haushaltsnahen Personen in alte, günstigere Mietverträge.

Gleich eingangs macht die Regierung klar, dass es um eine Mittelstandsförderung geht: „Langfristig ist Eigentum die angestrebte und günstigste Form des Wohnens.“ Das passt mit den Steuersenkungen und einer ganzen Palette von anderen Vergünstigen für die Besitzenden zusammen. Auch die Forcierung der Kaufoption für geförderten Wohnbau soll die Steuerungsmöglichkeit der öffentlichen Hand schwächen. Diese mehr vermittelten und ideologisch verbrämten Ziele werden von der urbanen Unterschichtsklientel der FPÖ aber nicht im gleichen Ausmaß durchschaut, wie unmittelbare Mieterhöhungen durch Deregulierung.

Fünfmal wird im den Abschnitt das Wort „sozial“ verwendet, um das dahinterliegende Grundprinzip zu verschleiern, das von FAZ und NZZ jahrein jahraus getrommelt wird: nur größtmögliche Freiheit für das Kapital und der Anreiz des Profits könne ausreichend Wohnraum schaffen. Doch insbesondere im Wohnungssektor hat die Marktreligion am wenigsten Glaubwürdigkeit. Gerade die Wiener Geschichte ist historisch-konkreter Beleg dafür, dass nur der starke Eingriff der öffentlichen Hand in Beschränkung privater Profitinteressen ausreichend günstigen Wohnraum sicherstellen kann.

Beispielhaft

Der Abschnitt über das Mietrecht kann stellvertretend für den gesamten langatmigen Text von 182 Seiten stehen, der ohne Zahlen auskommt. Es ist eine Aneinanderreihung populistischer Phrasen des Wirtschaftsliberalismus. Das Programm getraut sich dort am konkretesten zu sein, wo die antisozialen Konsequenzen durch die Jahrzehnte neoliberaler Ideologie vom plebejischen Klientel nicht verstanden werden. Was soll denn bitte schlecht an Entbürokratisierung, Steuersenkung, Verringerung der Lohnnebenkosten, Schuldenbremse, Effizienzsteigerung der öffentlichen Verwaltung, Reduktion der Staatsquote etc. sein?

Dort wo es um die Gegenfinanzierung dieser Einnahmenkürzung geht, bei den Pensionen, beim Gesundheitswesen und beim Sozialstaat, beschränkt man sich auf allgemeine Ankündigungen. Nur dort, wo man wie mit den Flüchtlingen und Asylanten ein Feindbild parat hat, getraut sich Schwarzblau zuzuschlagen, siehe die Reduktion der Sozialleistung Mindestsicherung. Von der proklamierten Reduktion der Staatsquote um 3 Prozentpunkte, also um rd. 14 Mrd. geringere Einnahmen und damit auch Ausgaben, können die ausformulierten Maßnahmen nur einen insignifikanten Bruchteil ausmachen.

Bei dem Versuch Hartz IV zu kopieren und die Notstandshilfe, eine Leistung aus der Arbeitslosenversicherung, zu kürzen, könnte es schon haarig werden. Da kann man sich auf das alte Feindbild der Zeitungspartei Krone, die „Asozialen“, einschießen, doch diese wählen mittlerweile in ihrer überwiegenden Mehrheit FPÖ. Politisch noch wichtiger ist die Ankündigung des 12h-Tags, eine direkte Maßnahme gegen auch symbolisch wichtige Errungenschaft der Arbeiterbewegung, gegen die sich im FP-Bereich schon im Wahlkampf Unmut äußerte.

Die extremistischen Hayekianer von der Agenda Austria, vom Kurier auch Thinktank der Millionäre genannt, kommentiert das Programm dann auch verhalten positiv. Es ginge in die richtige Richtung, aber sei zu unkonkret, zu vorsichtig. Und setzt hoffungsvoll hinzu: „Aber was nicht ist kann ja noch werden.“

Damit ist der Kern der Sache getroffen. Der harte Elitenliberalismus braucht in Österreich einen plebejischen Mehrheitsbeschaffer. Die Hybridpartei SPÖ, die in sich Elite und Reste der institutionalisierten Arbeiterbewegung vereinigt, galt zwar als verlässlich, aber zu langsam, mit zu vielen Eigeninteressen. Doch die schwarzblaue Option hat ein ähnliches Problem, zudem mit sehr viel kürzerer Konsumationsempfehlung. Die FP hat einen erzreaktionären Elitenteil mit einem Block aus deutschnationalen Burschenschaftern, Unternehmern und ländlichem Konservativismus, sowie als Stimmenbeschaffer die ehemalig sozialdemokratische städtische Unterschicht. Diese kann man mit dem Feindbild Islam und Asylanten populistisch eine Zeit lang bei der Stange halten, doch radikalisiert sich das Umverteilungsprogramm nach oben weiter, sind diese bald weg. Schwarzblau I vernichtete die FPÖ regelrecht.

Strache ist angetreten, nicht nochmals diesen „Fehler“ zu machen, namentlich sich von der ÖVP über den Tisch ziehen zu lassen. Doch das ist kein Fehler, sondern die raison d’être dieser Regierungskonstellation. Das Mieten-Kapitel zeigt das nur zu deutlich. Nicht nur, dass die Hausbesitzerpartei VP die Feder führte. Die FP-Spitze ist selbst direkt mit diesen Rentiers der oberen Mittelschicht historisch verbunden. Sie kann und will dem ÖVI nichts entgegensetzen – so verkommen Straches soziale Versprechungen zu echten Lügen, die auch leicht zu durchschauen sind.

Sozialdemokratie und Wohnen

Wäre das nicht eine Auflage für die Sozialdemokratie? Nikolaus Kowall meint auf der Links-SP-Seite kontrast.at: „Wenn die SPÖ ihre Oppositionsrolle klug anlegt, ein authentisches Profil entwickelt und die soziale Frage in den Mittelpunkt stellt, sind ÖVP und FPÖ aus nackter Angst zur Handlungsunfähigkeit verdammt.“ Klingt doch logisch und vernünftig, oder? Und insbesondere in der Mietenfrage, die ja durch das „Rote Wien“ eine Kernkompetenz der Sozialdemokratie sein müsste.

Der Autor betrügt sich selbst. Im Gegensatz zum traditionellen Mittelstands-Linksliberalismus, der den Faschismus dräuen sieht, analysiert er erfrischend realistisch, dass Schwarzblau II eben keinen Bruch mit dem Sozialmodell der 2. Republik darstellt. Doch darin spielt die Einbindung der unteren Hälfte der Bevölkerung über das sozialdemokratische Geflecht in Form der Sozialpartnerschaft die entscheidende Rolle. Und diese soll die Sozialdemokratie weiter spielen und das will sie in Verteidigung ihrer Pfründe auch. Natürlich sei ihr zugestanden, ein bisschen Opposition zu mimen.

Doch das reicht nicht mehr aus. Dazu ist der neoliberale Umbau zu weit fortgeschritten, den sie selbst führend mitorganisiert hat, der soziale Kompromiss zu ausgehöhlt. Und den Bruch damit schafft sie nicht und will sie gar nicht schaffen, denn das würde einen harten Konflikt bedeuten, der in den Hirnen ihrer führenden Schicht undenkbar ist. Noch mehr, die SP ist Teil des Regimes geworden.

Schauen wir uns den Fall der Wiener SP an, die so gerne auf ihre Errungenschaften beim Wohnen verweist. Tatsächlich ist sie eine Koalition mit dem Immobilienkapital eingegangen, das sie so zu zähmen können glaubt. Realität ist aber, dass die Mieten den Einkommen auch in Wien rapide davonziehen. Mittels Wohnbauförderung, Widmungsgeschenken, Spekulationsförderung, De-facto-Verlustabdeckung hat sie eine SP-nahe Immobilien- und Baumafia herangezüchtet. Der Ankündigung von Bürgermeister Häupl wieder Gemeindebauten zu errichten, ist ein einziges wohl symbolisches Projekt gefolgt. (Die FPÖ, die damals 5000 neue Gemeindewohnungen pro Jahr forderte, ist indes überhaupt still geworden.) Nur die massive Wiederaufnahme der öffentlichen Wohnbautätigkeit könnte die Mietenexplosion bremsen, doch das wäre eine echte Attacke auch auf die SP-Freunde.

So bleibt die SPÖ eine Regierungspartei in Wartestellung, insbesondere ihr Wiener Kern.

Symbolisches Ziel wäre es in zwei Jahren, im Wahlkampf zu den Wiener Gemeinderatswahlen, nach einer systematischen Basisarbeit der Entzauberung von Schwarzblau als Regierung der Asozialen und des politischen Zusammenschlusses einer Opposition, am Favoritner Viktor-Adler-Markt für einen grundlegenden Kurswechsel insbesondere bei den Mieten zu demonstrieren und dabei sowohl ehemalige SP- als auch FP-Klientel zu versammeln – für einen demokratisch-sozialen Bruch mit dem Regime von Schwarz-Rot-Blau. Eine mögliche Forderung zum Nachmachen steht als Anleitung auf jedem Vorkriegs-Gemeindebau: „Finanziert aus den Mitteln der Wohnbausteuer.“

 

Rotes Wien – bestverwaltete Stadt?

Plädoyer für die Bildung einer demokratisch-sozialen Opposition im Großraum Wien

von Wilhelm Langthaler

Wir stehen kurz vor dem Abschluss eines schwarzblauen Koalitionspakts. Es kann kein Zweifel daran bestehen, dass die wirtschaftsliberale Konterreform weitergehen wird. Nach Hausverstand müsste man annehmen können, dass die Herausbildung einer demokratisch-sozialen Opposition durch diese Konstellation gefördert würde. Die erste Auflage von Schwarzblau 2000-06 belehrte uns aber eines Besseren. Damals gelang das nicht.

Es gibt viele Gründe dafür, die ich andernorts erörtert habe. Allgemein gesehen, haben sich in ganz Europa die Sozialdemokraten als die effizienteren Neoliberalen erwiesen (Schröder, Prodi, Blair, Gonzalez, Hollande-Macron usw.). Sie machen die Konterreform tiefer, stiller, zielsicherer, billiger.

In Österreich ist das nicht grundsätzlich anders. Allerdings mit dem Spezifikum, dass der Kahlschlag langsamer geht und einen städtischen Mittelstand erhalten hat. Darum ist die SP im Gegensatz zu ihren Schwesterparteien noch nicht zusammengebrochen. Nur hat sich ihr Charakter als urbane linksliberale Mittelstandspartei weiter akzentuiert.

Schwarzblau hat wie vor zehn Jahren das Problem, dass die FPÖ in einem gewissen Sinn die Proteststimmen der städtischen Unterschichten mitrepräsentiert, die die SPÖ verloren hat. Sie wurden von der Konterreform weiter hinuntergedrückt und haben das chauvinistische Narrativ umarmt, dass den Islam als die Wurzel alles Übel sieht. Dieses klassische Sündenbock-Phänomen kann den Widerspruch zwischen dem neoliberalen Programm der Koalition und den sozialen Interessen der städtischen FP-Wähler eine Zeit lang, aber nicht dauerhaft überdecken. Unter der letzten schwarzblauen Regierung führte der Widerspruch zur Spaltung der FP und ihrem rapiden Niedergang.

Darum werden die zu erwartenden Attacken einerseits getarnt, andererseits aber auch gedämpft werden müssen. Viele sehen das anderes, aber ich gehe von der strategischen Annahme aus, dass es sich um eine schwache Regierung handelt. Die Hegemonie des Wirtschaftsliberalismus ist jedenfalls angekratzt. Fehler, oft resultierend aus Selbstüberschätzung, könnte die Regierung schnell in Schwierigkeiten bringen, weil nicht nur die FP ihre Wähler fundamental betrügt, sondern Kurz mittels parteiinternen Putsch nur solange walten kann, wie der Glanz des Wahlerfolgs wirkt.

Aufgrund dieser Konstellation bleibt also im Gegensatz zu einigen anderen Ländern bleibt die SP permanent als Rettungsanker für eine Regierungsbildung im Dienste der Eliten in Stellung. Das ist einer der Gründe, warum keine Opposition zu erwarten ist. (Ich habe das vielfach behandelt und will hier nicht weitermachen.)

 

Wiener Besonderheiten

Aber warum gibt das da innerhalb der SPÖ keine kritischen Stimmen? Das ist vor allem auf die Situation in Wien zurückzuführen. Dem Rückgrat der Partei. Wien wird seit einem Jahrhundert von der SPÖ verwaltet, nur unterbrochen von den Nazis. Grün ist keine Opposition, sondern lediglich eine Variante der SP-Administration.

Schwarzblau I hat in Wien zu einem linksliberalen Mittelstandsprotest geführt, indirekt und direkt in Verteidigung der Sozialdemokratie und ihrer Regierungsbeteiligung in Form der Ankettung an die ÖVP. Das zentrale Argument lautet, dass von der FP eine faschistische oder rechtsradikale Bedrohung ausgehe, was implizit unterstellt, dass ein grundlegender Regimewechsel drohe. Das ist offensichtlicher Unfug und Schwarzblau I hat das gezeigt. Dennoch, warum folgen Hunderttausende, zumindest ein Drittel der Wiener Bevölkerung, diesem Antifa-Popanz? Das deutet auf etwas Reales hin, das mehr als eine ideologisch-kulturelle Schrulle sein muss. Versuchen wir es zu dechiffrieren.

Wien hält sich eine riesige Zivilgesellschaft im ursprünglichen Gramscischen Sinn. Also die ideologisch-kulturelle Vermittlungsinstitution der Herrschaft gegenüber den Subalternen. Über diverse Kanäle, die direkt und indirekt durch die Stadtregierung administriert werden, wird diese Schicht auch materiell gespeist. Diese linksliberale Schicht ist so breit, dass sie Wien politisch-kulturell dominiert. Sie hätte von Schwarzblau am meisten zu befürchten. Daher das eiserne Festhalten am System SP (das schließt die Grünen und andere auch mit ein).

Hier stellt sich das Problem der unteren Schichten, die von der schleichenden Konterreform am meisten betroffen sind, aus dem sozialen Kompromiss hinausgedrängt werden und sich von SP-System zunehmend abwenden.

Die Nichtmigranten unter ihnen haben in ihrem Abstieg zu einem großen Teil das kulturpessimistische Narrativ der Bedrohung durch die Ausländer und insbesondere den Islam umarmt. (Die FP schafft es bemerkenswerter Weise, viele Osteuropäer als weiße Christen gegen das Feindbild Islam einzugemeinden, obwohl sie als die entscheidenden Lohndrücker gegen die autochthonen Unterschichten eingesetzt werden, viel mehr als die muslimischen Flüchtlinge, die am Arbeitsmarkt ihrerseits vor allem türkische Migrantenlöhne unterlaufen.) Der Rechtspopulismus ist eine allgemeine Tendenz in den Zentrumsstaaten. Aber das österreichische Spezifikum ist, dass es neben dem liberalen Zentrum überhaupt keine gesellschaftlich relevante Alternative dazu gibt! Für den Wiener Linksliberalismus ist der Unterschichtenchauvinismus einfach Faschismus. Er kann den verschrobenen sozialen Protest darin nicht sehen und kompaktiert ihn weiter. Er hat kein Mittel den Rechtspopulismus politisch anzugreifen und ihn am tiefen inneren sozialen Widerspruch aufzubrechen.

Dabei darf nicht vergessen werden, dass im Übergang von Unter- zu Mittelschicht im Arbeiterbereich FP und SP fließend in einander übergehen. Bessergestellte Arbeiter, die organisierende und verwaltende Schicht der Produktion, angebunden an die Institutionen der alten Arbeiterbewegung, sind weiterhin fest in SP-Hand, aber gegenüber dem identitären Narrativ keineswegs resistent. Materiell vom SP-System profitierend, aber sich auch vom möglichen Abstieg bedroht fühlend, schwanken sie zwischen den beiden Möglichkeiten. Wenn sich die FP als Mehrheitsbeschaffer der VP erweist, könnten sie wieder zurückwechseln.

Allerdings ist für die unteren Schichten der Unterschied zwischen schwarzblau und schwarzrot viel geringer. (Siehe hier die Frage der Mindestsicherung, wo Soziales und Identitäres direkt vermengt sind, da auch Flüchtlinge diese Sozialleistung erhalten. Im schwarzblauen Oberösterreich wurde diese schon in Anti-Flüchtlings-Funktion gesenkt und dabei die unteren Schichten schwer getroffen. Ein Ausweg für Schwarzblau auf Bundesebene wäre administrationstechnisch die Leistung für Flüchtlinge abzuspalten und zu senken, um den gewünschten identitären Effekt zu erzielen. Aber insgesamt geht die Trennung zwischen europäisch-identitären und fremden Unterschichten nicht so einfach.)

Dieser Spaltung ganz unten, sowohl der sozialen als auch der identitär-kulturellen, entgegenzuwirken, ist eine der vordringlichsten Aufgaben einer zu entwickelnden demokratischen-sozialen Opposition. Klar, Hauptproponent des Sozial- und Kulturchauvinismus ist Schwarzblau, aber die SPÖ hat dem nichts entgegengesetzt, außer das kontraproduktive und ebenso identitäre Antifa-Anti-Schwarzblau, das vom neoliberalen Regime nicht sprechen will und als einzige realpolitische Alternative Rotschwarz sieht.

Analysieren wird die Tendenzen (oder eher Momente) im SP-System, das jetzt schon Angstmache vor Schwarzblau auch in Wien betreibt:

  • Da ist der tiefe Staat in der SPÖ, konstitutiver Teil der Nachkriegsregimes, der die Macht mit allen Mitteln zu halten versucht. Er trägt das europäisch-identitäre Narrativ voll mit, würde am liebsten die Große Koalition fortsetzen, aber kann sich auch vorstellen mit der FP zu gehen.
  • Dann kann man vom aufgeklärten Absolutismus sprechen, für den der Wiener Bürgermeister steht. Er will im Rahmen des im Regime Möglichen den Sozialstaat erhalten und sich an der kulturchauvinistischen Mobilisierung nicht beteiligen, um Konflikte möglichst zu vermeiden. Von oben vernünftig regieren, die verschiedenen Interessen austarieren, ohne sie zu sehr hörbar zu machen, das ist die Wiener Tradition. Ein Beispiel ist die Integration über sozialstaatliche Maßnahmen, ohne das jedoch an die große Glocke zu hängen (Erhalt der Mindestsicherung). Man macht keine Wirtschafts- und Industriepolitik, tastet die immer ungleichere Primärverteilung nicht an und vor allem setzt man dem chauvinistisch-identitären Narrativ nichts offensiv entgegen (das im Sinne von Althusser genauso Bestandteil des integralen Herrschaftsdispositiv ist).
  • Das linksliberale Mittelstandskulturmilieu, das die FPÖ (und damit indirekt auch die Unterschichten) als absolut Böses deklariert und zu dessen Verhinderung den Pakt mit dem Teufel ÖVP nicht scheut. Er gefällt sich dabei den falschen Titel linker Flügel zu tragen.

Einen linken Flügel im Corbynschen Sinn, der tatsächlich mit dem neoliberalen Regime brechen wollte, gibt es nicht.

 

„Bestverwaltete Stadt“ aufheben

Die Kraft der Wiener SPÖ, die auch den Kern der Bundespartei stellt, stützt sich auf die vergleichsweise gute Verwaltung der Stadt, sozusagen als Neoliberalismus light. Dieses Image lebt stark von der Vergangenheit und ist vielfach ein Mythos. Es geht nicht darum, die Errungenschaften schlecht zu machen, sondern im Gegenteil nachzuweisen, dass das Nachgeben gegenüber dem Neoliberalismus nicht notwendig ist und viel mehr möglich wäre. Anhand von drei Themenbereichen soll das gezeigt werden.

Erstens Wohnen: es gibt im angeblich Roten Wien eine Wohnkrise, weil Raum knapp und die Mieten unverhältnismäßig stark gestiegen sind. Zweitens Öffentlicher Verkehr: die Gemeinde feiert ihr Flaggschiff U-Bahn, aber für die Außenzonen und das Umland setzt man weiterhin voll auf das Auto und fördert die Zersiedlung. (Das liegt zwar in der Hand der ÖVP, aber wird von Wien nicht ausreichend politisch attackiert – man findet sich im Rahmen der Machtteilung damit ab.) Drittens Integration: ist nicht möglich ohne einerseits durch öffentliches Eingreifen die Löhne unten anzuheben, andererseits andere Kulturen zu akzeptieren (anstatt assimilieren zu wollen).

 

Wohnen

Gemeindebauten: Die Stadt hat sich schon seit langem aus dem eigenen Wohnbau zurückgezogen. Da gab man gegenüber dem Marktfundamentalismus nach, bei dem es letztlich darum die Profite des Immobilienkapitals zu garantieren und zu erhöhen. Die Stadt müsste massiv auf ihrem eigenen Boden Wohnungen errichten, auf der Basis einer integrierten Stadtplanung (Wohnen, Arbeiten, Freizeit-Erholung, Konsum, Bildung, Verkehr). Damit könnten die Mieten vor allem im unteren Segment stark gesenkt und damit der systematischen Umverteilung von unten nach oben etwas entgegengesetzt werden. Man muss endlich sagen, was ist: für die Unteren macht die öffentliche Hand den besten Wohnbau, der Markt versagt strukturell. Dazu muss aber mit den Maastricht-Regeln hinsichtlich der öffentlichen Verschuldung gebrochen werden.

Wohnbauförderung: Das ist ein komplexes Thema, weil mit sehr vielen Verzweigungen. Statt Gemeindebauten für die Unteren, wird der Mittelstand, die Immobilienentwickler und die Bauwirtschaft gefördert. Vor allem im Wiener Umland wird massiv zersiedelt im Sinne eines konservativ-individualistischen Suburbia, so wie es im Wachturm der Zeugen Jehovas bildlich dargestellt wird. Jeder hat sein eigenes Haus, seinen Garten, seinen Pool, sein Auto und seine Hecke am besten weit weg von den anderen. Die exorbitanten Kosten für die Allgemeinheit und die öffentliche Verwaltung wird verschleiert. Im Sinne von demokratischer Teilhabe der Gebietskörperschaften und der Bevölkerung selbst, soll es durchaus eine Wohnbauförderung geben, doch sie soll die Ziele der integrierten Stadt- und Entwicklungsplanung auch für das Umland und den ländlichen Raum verfolgen und der unteren Hälfte der Bevölkerung zugutekommen, nicht der oberen.

Umwidmungsgewinne: Die städtische Bodennutzung ist ein vitales Interesse der Öffentlichkeit. In einer wachsenden Stadt kann die Umwidmung von Flächen zu massiven leistungslosen Gewinnen der Besitzenden führen. Es hat sich ein ganzes Milieu von Spekulanten herausgebildet, das, verfilzt mit den Behörden, Milliardengewinne einstreicht, während die öffentlichen Haushalte gekürzt werden. Umwidmungsgewinne sind von der Stadt abzuschöpfen. (Siehe das Projekt Danube Flats von Soravia, wo der Planwertgewinn an die 100 Mio. betragen soll.)

Spekulation: Boden ist per se eine knappe Ressource im öffentlichen Interesse. Auf der anderen Seite sind Immobilien die grundlegende Anlageklasse des Kapitals. Das führt zu Spekulation, überhöhten Mieten, baulichen Fehlentwicklungen, gewaltigen Leerständen im Bürosektor usw. Statt dem Prinzip „Gewinne privatisieren, Verluste verstaatlichen“ folgend, sich in gescheiteren Bürotürmen einzumieten oder diese ganz zu übernehmen, muss die öffentliche Hand im Interesse der Mehrheit die Immobilienwirtschaft kontrollieren und in die Schranken weisen.

Soziale Durchmischung: eine integrierte Stadtplanung muss danach trachten, der Segregation der sozialen Schichten möglichst entgegenzuwirken und so die Lebenschancen der Unteren zu erhöhen.

 

Verkehr & Stadtplanung

Verkehr und Stadtplanung sind mit Wohnen, Arbeiten und allen grundlegenden Lebensfunktionen eng verbunden. Wien feiert sich wegen des öffentlichen Verkehrs, hinsichtlich der U-Bahn zu recht, hinsichtlich des Gesamtkonzepts und den Möglichkeiten zu unrecht.

Das U-Bahnnetz wurde großzügig ausgebaut und wird stark angenommen – ein großer Erfolg, aber auch sehr teuer erkauft. Zudem muss man sich klar sein, dass die moderaten Preise einer Mittelstandsförderung gleichkommen – sozialer und politisch verständlicher wäre die direkte Bezuschussung der Untersten. Die Mikroebene darunter, der unmittelbare Nahverkehr mit Bus und Straßenbahn (hier gäbe es mit bevorrangten Schnell-Straßenbahnen und Schnellbussen auf baulich vom Straßenverkehr abgetrennten Spuren noch Potenzial zu wesentlich geringeren Kosten; dafür fehlt der SP der Mut, weil dies nur mit Einschränkung des MIV (motorisierter Individualverkehr) zu haben ist. Und die Makroebene darüber, der regionale Bahnnetz ins Umland, wurden vernachlässigt. (Hier führt aktuell die Kurz-ÖVP einen ideologischen Kampf gegen die „rote“ ÖBB ganz nach dem gescheiterten marktliberalen Ausschreibungsdogma in Richtung Preis- und Lohndumping zur Förderung privater Profiteure. Dahinter steht die Idee, dass der Autoverkehr für die Peripherie das Rückgrat bleibt und auch in der dichten Stadt selbst nicht behindert werden darf.

Die Autoideologie ist ein Flaggschiff des individualistischen Kapitalismus des Kalten Krieg, überhöht als Symbol der Freiheit. Die Rote Stadt getraute sich, wenn überhaupt, nur zaghaft diese anzutasten (erst die grüne Beteiligung hat da Schwung reingebracht). Sie hat weder auf die Realkosten des motorisierten Individualverkehrs hingewiesen, noch eine umfassende Alternative angestrebt. Darum auch das Aufspringen auf den Unfug des Elektroautos, das als grün verkauft wird, um das unhaltbare Prinzip des Individualverkehrs aufrecht zu erhalten. (E-mobility ist eine globale Kampagne im Sinne der Autoindustrie, dem sich v.a. die EU verschrieben hat, da heult Österreich wie gewöhnlich mit).

Das jahrzehntelange Wachstum der Zersiedelung der Peripherie und des niederösterreichischen Umlands ist Folge dieses Geistes. Diese gewachsene Realität zur Kenntnis nehmend, müssen übergeordnete öffentliche Verkehrsknoten mittlere Größe geschaffen werden, und auch die Entwicklung von Siedlungen um diese herum gefördert werden. Ziel ist, auch das Umland flächendeckend mit öffentlichem Verkehr zu versorgen. Dafür muss aber auch die Zersiedlung gestoppt und die Bildung von Zentren gefördert werden.

Im Sinne der Lenkung muss der öffentliche Verkehr in einem gewissen Maß subventioniert werden. Aber die Preise haben auch den politischen Sinn Kosten zu zeigen und damit der ideologischen Vergiftung der Köpfe nicht weiter Vorschub zu leisten, dass öffentliche Leistungen im Allgemeinen – obwohl existenziell bedeutsam – nichts wert seien. (Siehe die unsägliche Forderung von Schwarzblau nach Senkung der Lohnnebenkosten, über die diese öffentlichen Güter mitfinanziert werden.) Weitere steuernde Maßnahmen sind Parkraumbewirtschaftung (auch das wesentlich erst unter Druck der Grünen), Verknappung des Raumes für den MIV durch Busspuren und Schnell-Straßenbahnen, sowie Wohnbauten mit Garagenbeschränkung und kluger Car-sharing-Logistik. Zudem bedarf es eines massiven Investitionsprogramms, das den öffentlichen Verkehr priorisiert. Daher Nein zum Lobau-Tunnel.

Zur Verhinderung des Verkehrs und zur Verbesserung der Lebensqualität soll die zunehmende Trennung der Lebenssphären (Wohnen, Arbeit, Freizeit, Konsum, Lernen etc.) stadtplanerische zurückgeführt werden.

Der öffentliche Verkehr darf keine Einrichtung für die Unterklassen sein, sondern muss so attraktiv sein, dass er von allen gerne und freiwillig benutzt wird und von der Qualität her dem Autoverkehr gleichkommt. Wer trotzdem das Auto benutzen will, soll das im Sinne der Wahlfreiheit tun können, aber dafür nicht noch gefördert werden, sondern zumindest die gesellschaftlichen Realkosten bezahlen müssen.

 

Integration

Das ist sicher der schwierigste Themenkreis und Einfallstor der FPÖ und mit ihrem Feindbild Islam, der nach dem Muster des historischen Antisemitismus funktioniert. Dessen Dekonstruktion mittels eines simplen Appells an die Klassensolidarität hat sich als wirkungslos erwiesen. Wir wollen einen anderen Zugang entwickeln.

Vorab müssen mehrere grundlegende Voraussetzungen geklärt werden, die nicht in den Bereich der Kommunalpolitik gehören:

Hauptweg der Integration ist immer die soziale und produktive Teilhabe. Das heißt, leitendes Ziel ist die Vollbeschäftigung, die Anhebung der untersten Löhne und – wenn nicht anders möglich als Überbrückung – die Abfederung durch das Sozialsystem. Das bedeutet möglichst breiten Zugang zu Ausbildung und Qualifizierung.

Das ist wiederum nur machbar, wenn die Bewegung der wichtigsten Produktivkraft, der Menschen, nicht frei ist, wie es die Wirtschaftsliberalen wollen, sondern nach der Aufnahmefähigkeit politisch reguliert wird.

Beide Ziele erfordern den Bruch mit den Regeln des EU-Binnenmarktes.

Dritte grundlegend demokratische Prämisse ist die Toleranz gegenüber anderer Kulturen. Denn die Migration entsteht durch ein ungerechtes Weltsystem, das von Europa und vom Westen errichtet wurde, von ihm bis heute beherrscht wird und von ihm weiterhin profitiert. Der westliche Dünkel der Überlegenheit ist Strukturelement der sich perpetuierenden Zentrum-Peripherie-Beziehung. Die Assimilation ist aus demokratisch-sozialer Sicht abzulehnen, denn sie ist gleichbedeutend mit Unterwerfung.

Die Stadt Wien investiert sehr viel in das, was sie Integration nennt. Doch zunächst sind die sozialen Voraussetzungen nicht gegeben, im Gegenteil, die unteren Schichten sinken immer weiter ab. Zudem unternimmt die Stadtverwaltung viel zu wenig, um die teilweise extreme Segregation bereits im Pflichtschulsystem aufzubrechen. (Hier kann sie sich nicht auf die ÖVP ausreden – aber Bildung ist ein eigenes selbständiges Thema). Tatsächlich kommt es zu echten Schulgettos, die eine Unterschichtenzukunft der zweiten und dritten Generation schon im Kindesalter einzementieren. Und die Grundidee bleibt Assimilation und Kontrolle, zuerst mittels Sozialarbeit und, wenn das nichts nützt, mittels Repression.

Dem Narrativ des unterlegenen, feindlichen, aggressiven Anderen wird nichts entgegengesetzt. Letztlich wird nur eine etwas raffinierte Variante dessen produziert, die nicht offen rassistisch ist, sondern an die Barbaren appelliert sich in die überlegene Kultur zu assimilieren. Es sind rechte und linke Varianten der transversalen Konstruktion einer ausschließenden westlichen Identität, die als Nutzanwendung das neoliberale Regime mit seiner extremen Ungleichheit an Mitteln und Macht letztlich legitimiert. Herrschafts- und Unterdrückungsverhältnisse werden verschleiert.

Integration kann unter dem neoliberalen Regime für die Mehrheit der Unterschichtenmigranten nur oppositionell funktionieren, mittels Einschließung in ein demokratisch-soziales Projekt der Subalternen. Das geht nur mittels Anerkennung der Andersheit, die dadurch bereits an Bedeutung verliert. Das ist das Eintrittstor für die Binnendifferenzierung, das Weichwerden und Verfließen der der verhärteten kulturalistischen Identitäten, was schließlich Raum für die Einheit gegen die neoliberalen Eliten bietet. Durch diesen Umweg wird erst das möglich, was früher unter Klassensolidarität gefasst wurde. Mit Zwang geht da gar nichts, schon gar nicht auf der Seite der Eliten, die den Kulturkampf ja wesentlich befördern.

***

Bei den hier angesprochenen Themensträngen handelt es sich natürlich nur um erste Skizzen zur Orientierung. Diese müssten ausgearbeitet, konkretisiert, mit Beispielen versehen und mit entsprechenden Kampagnen propagiert werden.

In einer hegelianischen Spielerei gesprochen geht es um die dreifache Aufhebung des Roten Wien bzw. seines Mythos: überwinden der neoliberalen Realität, bewahren dessen was noch da ist, erhöhen vor allem des Mythos und anknüpfen an das geschichtliche Vorbild. Mit gradueller Entwicklung wird sowas nicht möglich kein. Aber eine auch im Landtag vertretene demokratisch-soziale Opposition könnte die Unterstützung einer SP-Minderheitsregierung anbieten, allerdings auf der Grundlage des Roten Wien, um das Argument des „kleineren Übels“ zu pulverisieren.

 

 

 

 

 

 

Nein zum 12-Stunden Tag!

Für eine gerechte Verteilung von Arbeit und Lohn!

Dass eines der ersten von der Schwarz-Blauen Regierung benannten Angriffsziele Arbeitszeitreglungen sind, ist wenig überraschend. Die Forderung nach der Einführung eines 12 Stunden Tages, einer 60 Stunden Woche und kürzerer Ruhepausen von Arbeitnehmer_innen (von elf auf 8 Stunden) ist seit Jahren Wunsch der Wirtschaftsvertreter_innen. Über die Ausweitung der Arbeitszeiten können Unternehmensrisiken auf Arbeitnehmer_innen abgewälzt und Lohnforderungen eingeschränkt werden.
Dieser sukzessive Abbau von Arbeitnehmer_innenrechten hat vor Jahren begonnen. Schon jetzt dürfen, zur Verhinderung eines schwerwiegenden wirtschaftlichen Nachteils des Unternehmens, zwölf Stunden pro Tag gearbeitet werden. Durch das Gesetz wird diese Ausnahme zur Norm. Ein Vorstoß zu weiteren Deregulierungen und zur Ausweitung der Normalarbeitszeit wurde von der SPÖ-ÖVP Regierung bereits im Frühjahr 2014 unternommen. Die willigen Vollstrecker neoliberalen Wirtschaftens, die ÖVP-FPÖ-Regierung, setzen das Gesetz nun durch.
Betroffen sind von der Neuregelung vor allem die prekären Bereiche, jene Branchen in denen arbeits- und sozialstaatliche Regelungen bereits jetzt nicht greifen – wie die Pflege, das Gastgewerbe und der Handel. Alle drei sind Wirtschaftssparten, in denen überwiegend Frauen beschäftigt sind und in denen, auf Betriebsebene, selten Interessensvertretungen der Arbeitnehmer_innen existieren.
Die Folgen sind vielseitig: die gesundheitlichen Risiken der Beschäftigten steigen, die Vereinbarkeit von Beruf und Privaten wird erschwert, Betreuungspflichten können nicht erfüllt werden, wenn keine entsprechenden Betreuungseinrichtungen zur Verfügung stehen. Die Arbeit wird, unter erhöhter Arbeitsbelastung, auf die bereits Beschäftigten konzentriert während andere draußen bleiben – am prekären Rand – arbeitslos oder als stille Reserve.
Anstatt einer Arbeitszeitverlängerung brauchen wir Arbeitszeitbeschränkungen bei gleicher Lohnfortzahlung. Nur so ist eine gerechtere Verteilung von Arbeit möglich. Nur so besteht die Hoffnung, dass irgendwann auch eine gerechtere Verteilung von unbezahlter Reproduktionsarbeit denkbar wird. Die jetzige Erweiterung der gesetzlichen Höchstarbeitszeit weist jedoch in genau die entgegengesetzte Richtung.

Wir sagen:
• Nein zur Ausdehnung der Wochenarbeitszeit und „versteckten“ Lohnkürzungen!
• Für eine gerechte Verteilung von Arbeit und Lohn!

Online-Petition gegen den 12h-Tag

Personenkomitee Selbstbestimmtes Österreich
demokratisch – sozial – souverän – neutral